Horizonte

Aus: «Das Glück», eine Novelle

Gewissen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18218
Veröffentlichung: 02.10.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(40):1343-1344

Adolf Jens Koemeda

Dr. med., Psychiater und Schriftsteller, Mitglied FMH

In unserem Stadtviertel hatte es schon Entführungen gegeben. Dass es auch mich einmal erwischen könnte, war mir nie in den Sinn gekommen. Als man mich dann schnappte, war ich überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Ich sagte mir, Ruhe bewahren, die Sache würde sich schnell aufklären.

Falsch! Ich sass bereits seit zwei Tagen in diesem dunklen Raum, meine zaghaften Hilferufe und später meine lauten Schreie bewirkten nichts. Obwohl ich wusste, dass ich kaum eine Chance hatte, mich alleine zu befreien, begann ich, die feuchten Mauern, die Tür und das kleine Fenster unter der Decke gründlich zu untersuchen. Die schmutzigen Wände, die mich auf allen Seiten umgaben, machten mir Angst.

Eigentlich müsste ich mit der Beschreibung meiner Verzweiflung beginnen. Ich fange aber lieber mit dem Ende meiner Kellertage an, denn das werden Sie, Frau Bosshart, für Ihre Gerichtsakten brauchen. Also:

Etwa anderthalb Wochen nach Sanduls Luko-Bericht hörte ich draussen Schlüssel rasseln und laute Flüche; endlich ging die Tür auf und Sandul, mein Versorger, heute wieder betrunken, torkelte langsam herein. Er begrüsste mich nicht, nickte nur und stellte das Mittagessen auf einen Hocker; den andern schob er an die Wand – er brauchte offensichtlich eine Rückenstütze – und setzte sich hin.

– Iss, sagte er mit schwerer Zunge. – Sonst wird alles kalt. Hey!

Ich sass auf meinem Stuhl, die Schüssel mit dem Einheitsbrei vor mir, und löffelte: Bohnen mit Kartoffeln, dazu eine Scheibe Brot; hart, heute wenigstens nicht schimmlig. Wasser gab es seit einigen Tagen genug.

Sandul schwieg. Dann holte er seinen Flachmann aus der Hosentasche und rutschte auf dem Hocker hin und her. Dabei warf er seinen Kopf von einer Seite zur anderen und schlug den Schädel ab und zu gegen die Wand.

Lass das!, wollte ich sagen. Was ist los mit dir? Ich schwieg aber.

Nach einer Weile hörte das Kopfschlagen auf, Sandul gab ein paar schnaubende Geräusche von sich … lachte er? Oder war er richtig verrückt geworden? Nein, er weinte. Und dann kamen erste Sätze; abgehackt, nicht immer verständlich. Auf meine Fragen ging er nicht ein.

Luko sei gestern gestorben, erfuhr ich. Lange Pause. Er trocknete sich die Augen, schaute mich an und sagte, es sei auch seine Schuld.

– Warum?, wollte ich wissen.

Er antwortete nicht sofort. Dann hörte ich, dass Luko viele Verletzungen erlitten hatte. Man hätte einen Arzt rufen müssen, unbedingt, das habe er ja vorgeschlagen. Das sei abgelehnt worden. Da man keinen eigenen Arzt habe, müsse sich zeigen, ob Lukos Lebenswille stark genug sei. Vielleicht habe es Luko die drei Wochen versucht, aber nicht geschafft, er … er …

Sandul heulte jetzt laut und schlug wieder mit dem Kopf gegen die Mauer; noch brutaler als vorher, schien es mir. Ich sagte leise – nein, du bist nicht schuld, du nicht, du sicher nicht.

Endlich Stille. Fünf Minuten, zehn. Ich stand auf, sah zum Fenster hinaus – draussen dämmerte es bereits – und blickte zur Tür; sie war nur angelehnt. Ich trat näher, schaute in den Gang und auf die Treppe dahinter. Die Versuchung war gross, meine Angst aber auch.

Sandul rutschte nicht mehr weiter von seinem Hocker, seine schräge Haltung hatte sich stabilisiert, wie auch die Atmung: langsam und regelmässig; kein Stöhnen mehr, kein Jammern. Er schien tief zu schlafen.

Ich machte erste kurze Schritte. Leise. Ja, das hatte ich schon in den ersten Tagen gelernt: Man durfte die Fusskette nicht schleifen lassen, sondern musste sie tragen. Ich ging zu Sandul. Der Schlüsselbund lag nicht neben ihm auf dem Boden, wahrscheinlich hatte er ihn in der Hosentasche. In seinen Taschen zu suchen, war mir zu riskant. Dann sah ich den Schlüssel im Schloss stecken. Das war bisher nie vorgekommen! Ich zog ihn heraus; am Ring hingen weitere Schlüssel. ­Einer musste zu meiner Fussfessel passen. Ich hantierte sehr vorsichtig. Der Erste war es nicht, der Zweite war der Richtige. Ich legte Fesseln und Kette auf den Boden und stand auf. Immer wieder warf ich einen Blick zu Sandul. Seine Körperhaltung schien unverändert. Weiter! Die Tür quietschte, ich hatte zwar damit gerechnet, erschrak aber trotzdem.

Der Gang. Die Treppe hoch. Dann in einen anderen Gang, von dem ich – damals, mit einem Stoffsack über dem Kopf – nichts mitbekommen hatte. Ich sah drei Türen vor mir, eine war nicht richtig zu. Keine Stimmen, keine Schritte. Stille im Haus.

Ich blieb vor der nicht geschlossenen Tür stehen. Mit dem Zeigefinger machte ich den Spalt breiter und spürte warme Sommerluft im Gesicht: die Ausgangstür! Der Innenhof. Erfüllt von Sommerhitze. Weit und breit kein Mensch. Aus einem offenen Fenster drang leise Musik. Ein schmaler Gang zwischen zwei alten Mauern und wieder eine Tür. Halb offen. Jetzt bist du gleich auf der Strasse, schoss es mir durch den Kopf. Noch ein paar Meter und du bist draussen. Frei. Gerettet.

Dann aber: Sandul.

Ich lehnte ein paar Sekunden an der bunt besprayten Mauer, ich konnte nicht mehr weiter, zurück allerdings auch nicht. Ich atmete schnell und ziemlich laut. Wie lange ich so herumstand, weiss ich nicht mehr; ich wusste nur, dass ich mich noch nie mit einer derart folgenreichen Entscheidung auseinandergesetzt hatte: Wenn ich weitergehe, bei der nächsten Polizeistation läute, über alles ausführlich berichte … mich rette? Gut! Gut für mich.

Und Sandul? Dass seine Bosse nicht zimperlich sind, hatte ich vor einer halben Stunde erfahren: im Luko-Bericht. Ich marschierte den dunklen Gang zurück. Bis zur Treppe. Dort blieb ich stehen.

Würde er sich in seinem Rausch von mir zur gemein­samen Flucht mitreissen lassen? Ist nicht viel wahrscheinlicher, dass er sich seiner Gaunerfamilie gegenüber loyal verhalten möchte, mich sofort unschädlich macht und Alarm schlägt?

Ich betrat nicht einmal die erste Stufe der Kellertreppe und da war mir klar: umkehren. Zurück zum schmalen Gang im Erdgeschoss. Hinaus in den Hof. Auf die Stras­se. In die warme Sommerluft.

Ich stockte erneut. Sandul kennt doch seine Bosse, er weiss, wie sie seinen Landsmann und Freund Luko ­wegen seines Ungehorsams behandelt haben, er wird froh sein, wenn er den Kick von mir bekommt.

Ich ging zurück zur Kellertreppe. Und hinunter.

Die schwere Holztür quietschte. Sanduls Atmung war nach wie vor regelmässig – meine erste Wahrnehmung. Er lag auf dem Boden, von seinem Hocker hinuntergerutscht. Und sah friedlich aus.

– Sandul, sagte ich, – Steh auf. Wir müssen weg!

– Ich?

– Du auch!

– Warum?

– Das sage ich dir draussen. Aufstehen! Schnell!

Ich half ihm, er liess sich helfen. Ich schubste ihn vor mir her.

Sandul fasste häufig an die Wand, taumelte, je höher er stieg. Zum Glück stürzte er nicht.

– Okay, Sandul?

– Ja. Was machen wir?

– Das siehst du gleich. Wir haben keine Zeit zum Reden.

Vor mir waren die letzten zwei, drei Stufen, als Sandul schon oben im Gang stand. War ihm der kleine Vorsprung bewusst? Jetzt hätte er noch wegrennen und Alarm schlagen können. Er tat es nicht. Er drehte sich bloss um, verlegen, wartend.

– Ganz normal gehen, sagte ich. – Um nicht aufzufallen.Eher langsam.

Auf der Strasse fuhr der erste Wagen mit einer Nürnberger Nummer an uns vorbei. Ich winkte nicht. Sandul schaute mich fragend an.

Bevor ich mit der Beschreibung der darauffolgenden Tage anfange, Frau Bosshart, ein paar Worte zu unserer neuen Lage. Sonst denken Sie, was ist mit dem Mann los, warum tut er nicht das Nächstliegende – zur Polizei gehen? Macht er sich das Leben nicht unnötig kompliziert?

Vielleicht haben Sie Recht. Ich wäre zur Polizei gegangen, wenn ich nicht eine Stunde vorher den schrecklichen Luko-Bericht gehört hätte. Sandul im Keller allein lassen konnte ich nicht und ihn auf der Strasse stehen lassen, ebenso wenig; für die Stadt – die freie Bahn – war er nicht fit genug. Ob ihn die Gauner schlafend in meinem Verliess oder verwirrt an der nächsten Stras­senecke finden würden, würde für sein trauriges Schicksal keine grosse Rolle spielen.

Und zum Schluss: Lassen Sie es mich bitte wissen, falls Sie für Ihre Akten mehr Zeitangaben oder konkrete Hinweise brauchen; die könnte ich Ihnen gerne bald liefern. Kein Problem.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Adolf Jens Koemeda
«Breitenstein»
CH-8272 Ermatingen
Tel. 071 664 11 10

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