Zu guter Letzt

Grenzwertig

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18221
Veröffentlichung: 23.10.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(43):1446

Jürg Kesselring

Prof. Dr. med., Senior Botschafter und Neuroexperte, Rehabilitationszentrum Kliniken Valens

Alle reden über Grenzwerte: 5G bei den Handystrahlen wird gefürchtet und mit Teufel und Weihwasser metaphorisch verknüpft – wo doch 4G und die früheren technologischen Vorversuche solche Triumphzüge durch unsere und andere Lande geniessen durften und jetzt die Bestrahlung in der neuen Senderverteilung eher geringer werden könnte. Werte für allerlei Organe werden normgerecht, also statistisch ­definiert, gege­benenfalls angepasst: Es gibt Blut-, Nieren-, Leber-, Knochendichte-, Lungenfunktionswerte. Der höchstzu­lässige Blutdruckwert wird mittlerweile schon so tief empfohlen, dass bei stehenden Normalgrossgewachsenen kaum noch Luft mit Sauerstoff ins sogenannte Denkorgan gelangen kann. Komisch, dass sich ausgerechnet beim Gehirn keine politisch korrekt akzeptablen «Werte» (Minimal-, Höchst-, Grenzwerte) bestimmen lassen … Aber wie steht es denn mit den nicht so exakt messbaren Werten? In welcher Art können Organe aktiv genutzt werden? Die Diskussionen um den «freien Willen» bzw. Determinis­mus sind alt und werden oft auf Niveau «ad nauseam» geführt: Ob wir etwa nur Produkte unserer durch Gene und Umweltfaktoren determinierten, spontan ablaufenden Hirnfunktionen seien oder ob wir dieses Wunderwerk in unserem Kopf wie ein In­strument nutzen dürfen und bespielen können. Einem berühmten Musiker wurde vorgeschwärmt: «Ach Maes­tro, Ihre Geige klingt so wunderbar!» – Er hielt sie ans Ohr und sagte: «Ich höre nichts …» Es kommt eben auf die richtige ­Aktivität an, die Instrumente einzusetzen und zu ­nutzen. Dazu gehören auch das richtige Zeitmass und die Intensität des Übens, im Falle des Gehirns ebenso wie bei der Nutzung der neuen Technologien. Nicht die Strahlungsintensität allein bestimmt die Grenzwerte. Beim Handygebrauch ist nicht nur der Sendemast eine potentielle Gefahrenquelle, sondern v.a. die Intensität und Dauer des Gebrauchs. Wenn Kinder und Jugend­liche (wie man gelegentlich mit grossem Schrecken vernimmt) mehrere Stunden am Tag und in der Nacht in ihren Social Media verbringen, sich deshalb weniger bewegen und ungesund ernähren, wenn Gedächtnisleistungen messbar ab-, Depressionen und Suizidalität zunehmen, dann sind Grenzwerte, Grenzen der Werte, erreicht oder überschritten und erfordern ernsthafte Diskussionen und Neuorientierungen des Lebensstils. Die Ausrede, Politikerinnen und Techniker müssten einfach die Grenzwerte tief halten, genügt dann nicht. Jede(r) ist auch ­dafür mitverantwortlich, wie wir und die uns Nahe­stehenden und Anvertrauten, gerade auch die besonders Sensiblen, mit technologischen und anderen Instrumenten umgehen. Ein langwieriger, lohnender Lernprozess.

Korrespondenzadresse

juerg.kesselring[at]kliniken-valens.ch

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