Horizonte

Simsalabim

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18247
Veröffentlichung: 23.10.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(43):1444

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Gewisse Zaubersprüche sind einfach nützlich. Alohomora, und schön öffnen sich Türen und Fenster, oder Glisseo, und aus einer Treppe wird eine Rutschbahn. Schön ist es, wenn der Gegner bei Rictusempra einen Lachanfall bekommt oder Lumos, auch ohne Handy-App, einen Lichtstrahl hervorbringt.

Klar, es gibt auch deftigere Sprüche, solche die Verwirrung, Schock, Vergessen, Fesselung, Folter oder Tod bewirken. Wer sich in der lateinischen Sprache auskennt, kann nachvollziehen, wo J. K. Rowling die vielen Sprüche herhat, die an der Hogwarts-Schule für Zauberei gelehrt werden. 1997 erschien der erste Band der Harry ­Potter-Serie, inzwischen wurden die ­Bücher über 450 Millionen Mal verkauft und in 79 Sprachen übersetzt. Fantasyromane mit okkultem Inhalt werden nicht von allen gerne gesehen. Polnische Priester haben kürzlich nach einer Messe Harry Potter- und Twilight-Bücher verbrannt und die ­Aktion in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Die jüngste Nachricht kommt aus einer ka­­tholischen Schule in Nashville, im US-Bundesstaat Tennessee, wo der örtliche Pfarrer Bücher der Harry Potter-Serie aus der Schulbibliothek verbannen liess. Die Flüche und Zaubersprüche seien echt, und beim Lesen könnten böse Geister herbeigezaubert werden. In beiden Fällen handelt es sich nicht um die offizielle Meinung der katholischen Kirche. Immerhin hätten Exorzisten aus den USA und aus Rom dazu geraten. Die gibt es ganz offiziell. Im September 2016 starb der langjährige päpstliche Fachmann für Dämonisches. Gabriele Amorth hat 1994 den Weltverband der Exorzisten gegründet, dessen Statuten der Vatikan offiziell anerkannt hat. Heute werden vermehrt Psychiater und Psychotherapeuten beigezogen, da die neuen Richt­linien wahre Besessenheit von einer Krankheit abgrenzen sollen. Für Teufelsaustreiber ist das Neue ­Testament mit den Hinweisen auf die Dämonenaustreibungen Jesu ein Vorbild. Alles Okkulte aus anderen Quellen ist verdächtig, so auch Jugendbücher, die von Magie handeln. Gabriele Amorth soll gesagt haben, dass er mit dem Teufel Latein rede und dieser auf Ita­lienisch antworte. Rowling hat es dem hochbetagten Jäger des ­Bösen leicht gemacht. Auch evangelikale Freikirchen raten von der Potter-Lektüre ab. So gemäss TAZ auch der Schokoladenfabrikant Jürg Läderach, der den Verein Christians for Truth, heute Christianity Today, präsidiert. Das Ziel sei die Erhaltung christlicher Werte in Politik und Gesellschaft. Zu den Vereins­aufgaben gehört der «Marsch fürs Läbe», der jährlich jeweils am Samstag vor dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag ­angesetzt wird. Zu wei­teren Aktivitäten ­gehört der Kampf gegen ­assistierten Suizid, ausserehelichen Sex, Pornografie, Homosexuellenehe, Erotikmessen, Harry ­Potter und gegen das Musical Jesus Christ Superstar.

Es gibt das Böse in uns, unvorstellbare Grausamkeiten, Massenhysterie, zynische Machtspiele und vieles mehr, wovon die Medien täglich berichten. Es gibt Kirchgemeinden, die Kinderkostüme zensieren oder eben die Harry Potter-Geschichten aus dem Regal verbannen. Dabei kann man seinen Werdegang und den seiner Freunde als Entwicklungsgeschichte, als eine Geschichte von Verrat, Solidarität, Neid und Mut lesen. Verpackt in eine fantasievolle Handlung, die auch verfilmt zu Recht erfolgreich war. Soll man auch Tolkiens Herr der Ringe verbieten oder Preusslers Krabat oder Ruoffs Töpfchenhexe?

Bei Rowling nimmt ein Irrwicht die Gestalt dessen an, wovon wir uns am meisten fürchten. Riddikulus heisst der Gegenzauber. Verbunden mit einem witzigen Gedanken bringt man das Phantom zum Verschwinden. So einfach wäre das, und wir hätten Zeit für die wirklich grossen Probleme.

fullscreen

Credits

Hexenhut (Symbolbild, © Carlos Romero Oreja | Dreamstime.com)

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close