FMH

Qualität = Bildung

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18350
Veröffentlichung: 30.10.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(44):1449

Werner Bauer

Dr. med., Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF

Die Qualität des Gesundheitswesens, die Qualität der Ärzte und der Spitäler sind beliebte Themen in den Fach- und Laienmedien. Die Sorge um zumindest den Erhalt der Qualität ist in einer Zeit der Ökonomisierung und der steten Suche nach Effizienzsteigerung in Spitälern und ambulanten Institutionen nachvollziehbar. Es gibt zwar immer wieder Politiker und Experten, die sogar Massnahmen vorschlagen, welche gleichzeitig zu geringeren Kosten und einer verbesserten Qualität führen sollen. Das mag in einzelnen Fällen einmal zutreffen, aber generell sind Wunder halt doch selten.

Wir sprechen viel von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Wir versuchen, sie zu definieren und zu messen. Da gibt es nützliche Instrumente und einen aufblühenden Markt für entsprechende Zertifizierungsgremien und -firmen. Mein Eindruck ist, dass wir in denjenigen Bereichen Erfolg haben, wo eindeutige Qualitätsparameter ermittelt werden können und wo es um die Anwendung von standardisierbaren ­Methoden oder neuen Techniken geht.

Ob wir uns aber in den «weicheren» Bereichen, wo es um die umfassende persönliche Betreuung, um die Entscheidungsfindung und Indikationsstellung, um die Koordination von Massnahmen und um die Kommunikation geht, aufwärts, seitwärts oder abwärts bewegen, ist schwer feststellbar. Ich ­selber bin zunehmend skeptisch, hängt doch dieser ­Aspekt der Qualität sehr von der verfügbaren Zeit, von den Arbeitsbedingungen und von der integrierenden Betrachtung und Analyse einer gesundheitlichen Pro­blematik ab. Die sogenannte personalisierte Medizin ist heute in aller Munde. Sie ist vielversprechend, nur werden darunter meistens individualisierte diagnos­tische Techniken, Therapiemethoden und massgeschneiderte Medikamente verstanden, weniger das vertiefte Eingehen auf die Persönlichkeit einer Patientin oder eines Patienten und auf die Komplexität des Krankheitsbildes. An Symposien wird über diese Aspekte schon auch diskutiert, und deren Wichtigkeit wird meist mit schönen Worten betont. Der harte Prüfstein dafür ist aber der Alltag. Eine unverzichtbare Voraussetzung ist die zur Verfügung stehende Zeit, und die Grundlage ist eine fundierte Aus- und Weiterbildung.

Und damit bin ich zurück beim Titel: Qualität = Bildung. Um prägnant zu sein, vereinfacht diese Gleichung die Realität ein bisschen. Kein Zweifel kann aber daran bestehen, dass nur eine gute Aus- und Weiter­bildung die fachliche Kompetenz der kommenden ­Ärztegeneration sichert und dass diese Kompetenz eine Voraussetzung für die Qualität der geleisteten ärztlichen Arbeit der Zukunft ist. Mit anderen Faktoren zusammen ist es der Stand der Kenntnisse, der ­Fähigkeiten und der beruflichen Haltung von Ärztinnen, Ärzten und anderen Berufsgruppen, welcher entscheidend zur Qualität des Gesundheitswesens beiträgt.

Um eine kluge Medizin zu unterstützen, haben sich in letzter Zeit Initiativen unter dem Stichwort «Smarter medicine» entwickelt, in deren Rahmen «Top 5-Listen» für verschiedene Fachgebiete publiziert wurden. Da wird zum Beispiel empfohlen, Dauerkatheter nur bei spezifischer Indikation und nicht aus Komfortgründen zu legen oder zu belassen. Andere Empfehlungen gehen dahin, bei unkomplizierten Infekten der Luftwege oder der Ohren keine systemischen Antibiotika zu ­verordnen und bei Hypertonie, Herzinsuffizienz und Nierenerkrankungen keine nicht-steroidalen Antirheumatika anzuwenden. Zweifellos richtig und als ­Repetitorium wohl auch ganz nützlich. Aber: Eigentlich müsste eine erfolgreiche Aus- und Weiterbildung, ergänzt durch die Fortbildung, keiner solchen Initia­tiven bedürfen, die schlichtes Basiswissen vermitteln. Da beschleicht einen ein ambivalentes Gefühl, und dieses Gefühl sagt jedenfalls mir, dass wir nicht nur neue Spitaltrakte bauen und Effizienzsteigerungsmassnahmen durchziehen, sondern genügend Ressourcen – vor allem Zeit! – in die ärztliche Bildung ­investieren müssen. Damit investieren wir in die Qualität der Zukunft.

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