Horizonte

… Marina Carobbio Guscetti, Nationalratspräsidentin 2018/19, erste Ständerätin des Kantons Tessin – und Ärztin

«Wir müssen den Pflegenden mehr Verantwortung übergeben»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18488
Veröffentlichung: 11.12.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(50):1718-1720

Daniel Lüthi

Freier Journalist und Fotograf, Medientrainer, Bern

Wir treffen uns kurz vor der Stabsübergabe. Nur wenige Tage bevor Marina Carobbio ihr Amt als höchste Schweizerin abgibt und von der grossen in die kleine Kammer wechselt. «Es war ein strenges Jahr», sagt sie, «für mehr als zwei Tage Ferien reichte es nicht.»

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Das Präsidialjahr

Das Zimmer neben der Wandelhalle, das mit «Presidente» angeschrieben ist, war ein Jahr lang ihr Büro. Jetzt stehen hier die Zeichen auf Wandel: Verschiedenes ist schon bereit für den Zügeltermin, so die grosse, vielfarbige Collage, die ihr eine Gruppe von Flüchtlingen geschenkt hat. Offizielle Präsente wie diejenigen aus Ruanda oder Mozambique bleiben in der Sammlung des Parlaments.

Marina Carobbio ist viel gereist im vergangenen Jahr, im In- und Ausland. «In der Schweiz wollte ich möglichst viele Orte besuchen», erzählt sie; Fachhochschulen oder Universitäten, Frauenvereine und Nichtregierungsorganisationen waren Schwerpunkte. Als Nationalratspräsidentin repräsentierte sie die Schweiz aber immer wieder auch im Ausland, so in Slowenien oder Georgien. In der Mongolei besuchte sie Projekte der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit, in Rom erhielt sie einen Preis der «Società Dante Alighieri» für die Förderung der italienischen Sprache. Eben: Auch hier setzte sie ein klares Zeichen, indem sie die Plenarsitzungen des Nationalrats in ihrer Muttersprache Italienisch führte. «Zu Beginn stiess ich mit dieser Idee sicher nicht auf Begeisterung», erinnert sie sich, «aber bei der Verabschiedung im Rat gab es gerade deswegen einen langen Applaus.»

Zwei grosse Themen schrieb sich Marina Carobbio auf die Fahne ihres Präsidialjahres: die Förderung der Frau und die Förderung von Minderheiten. Besonders gerne denkt sie an den diesjährigen 14. Juni zurück, den Frauen­streiktag, an dem sie der grossen Kammer eine viertelstündige Sitzungs- und Solidaritätspause verordnete. «Zusammen mit Bundesrätin Viola Amherd und anderen Parlamentarierinnen ging ich nach draussen, auf den Bundesplatz, zu den demonstrierenden Frauen. Das war schon ein wirkungsvoller, sym­bolischer Akt.»

Überall brauche es mehr Frauen, ist Carobbio überzeugt, «eine Demokratie ist nur eine Demokratie, wenn alle gleichermassen zu Wort kommen». So gesehen hat ihr grosses politisches Engagement wohl auch damit zu tun, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen will.

Zur Person

Marina Carobbio Guscetti wurde 1966 in Bellinzona geboren. Ihr Medizin­studium in Basel schloss sie 1991 ab. Im gleichen Jahr startete sie ihre politische Karriere als SP-Vertreterin und wurde Tessiner Grossrätin. 2007 ersetzte sie Franco Cavalli im Nationalrat. 2018 wurde sie zur Nationalratspräsidentin gewählt – es war das erste Mal, dass eine linke Tessiner Politikerin höchste Schweizerin wurde. Eine Premiere war diesen Herbst auch ihre Wahl in den Ständerat: Zum ersten Mal ist der Kanton Tessin im Stöckli jetzt mit einer Frau vertreten. ­Carobbio ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin. Im bündnerischen Roveredo, nur etwa 5 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt, ist sie Mitglied einer Gruppenpraxis. Sie ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes und einer Tochter im Teenager­alter. Marina Carobbio lebt, wenn sie nicht gerade in Bern weilt, mit ihrem Mann in Lumino, einem Tessiner Dorf am Eingang zum Bündner Misoxtal.

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Und jetzt: Gesundheitspolitik …

Insgesamt habe sie sich als höchste Schweizerin etwas ausserhalb der Tagespolitik bewegt, sagt Carobbio, «im Vordergrund stand die überparteiliche Rolle.»

Dies dürfte sich jetzt wieder ändern. Als Ständerätin will sie sich vermehrt und engagiert sachpolitischen Themen widmen – und diese stehen in einem engen Zusammenhang mit ihrem Beruf. Marina Carobbio ist Ärztin, deshalb interessiert sie die Gesundheitspolitik ganz besonders. «Wir wollen die Gesundheitskosten in den Griff bekommen. Das heisst: Alle müssen Schritte machen – auch wir Ärztinnen und Ärzte», sagt sie. «Es ist zum Beispiel wichtig, dass die Fachgesellschaften über unnötige Behandlungen sprechen. Und: Wir müssen den Pflegenden mehr Verantwortung übergeben – in vielen Bereichen wissen sie mehr als wir.» Carobbio setzt sich für eine integrierte Versorgung ein und will die Grundversorgung stärken. «In Dänemark zum Beispiel habe ich gesehen, welch wichtige Rolle die Hausarztmedizin spielen kann.»

Und sonst? «Wir müssen auch über neue Tarifstrukturen und Fallpauschalen im ambulanten Bereich sprechen.» Oder über die Regulierung von Spitzentechnologie – «es braucht nicht überall alles.»

Und ja: Diese Ärztin und Politikerin hegt immer noch die Hoffnung, dass die Schweiz dereinst den Systemwechsel zur Einheitskrankenkasse vollziehen wird. «Das System der Konkurrenz ist bei den Krankenver­sicherungen kein gutes Modell», ist SP-Frau Carobbio nach wie vor überzeugt. «Aber bis sich solche Einsichten durchsetzen, braucht es Zeit.»

Im Visier hat Carobbio auch die Medikamentenpreise. «Viele – gerade neue – Medikamente sind viel zu teuer, da müssen wir als Staat regulierend eingreifen. Damit wir Kosten senken können – und damit diejenigen, die sie benötigen, diese Medikamente auch erhalten.» Im Übrigen gelte es weiterhin, Generika zu fördern.

… und der Kanton Tessin

Jetzt also hat Marina Carobbio vom Nationalrat in den Ständerat gewechselt. Damit vertritt sie, noch stärker als bisher, vor allem auch ihren Kanton Tessin, «eine speziell exponierte Region», wie sie präzisiert. Besonders in Bellinzona wurde ihre Wahl zur National­ratspräsidentin im November 2018 begeistert gefeiert. «Vom Bahnhof bis zum Regierungsgebäude war die ganze Stadt voller Leute – für mich ein stark emotionaler Moment.»

Angesprochen auf die Themen, die sie im Stöckli vor alle­m im Auge behalten will, sagt sie: «Wir haben viele Grenzgänger, und deshalb leider oft auch Dumpinglöhne. Ich will den Lohnschutz verbessern und gleichzeitig Arbeitsplätze sichern. Denn immer noch wandern zu viele junge Menschen aus dem Tessin ab.»

Wie immer argumentiert Carobbio ganz ruhig, nicht aufgeregt. Hart in der Sache, weich in der Tonalität. Die Magistratin strahlt etwas Mütterliches aus, den ­Espresso bereitet sie selber zu, die kleine Maschine steht im Schrank.

Das Gespräch mit Marina Carobbio unter vier Augen ist nie von Zeitdruck geprägt, auch wenn es in einer bereits vollen Agenda kaum Platz gefunden hat. Ab und zu gibt es in diesem hektischen Alltag sogar einen Moment der Stille. Jetzt zum Beispiel schweift unser Blick zwischen schweren Vorhängen hindurch zum hohen Fenster hinaus Richtung Süden, via Aare und Marzilibad zum Gurten und weiter.

Und die Ärztin?

Genau: In einem Bündner Südtal ist Carobbio ja eigent­lich noch als Ärztin tätig. In Roveredo, nur ein paar Kilometer von ihrem Tessiner Dorf Lumino entfernt, betreibt sie zusammen mit fünf Kollegen eine Gemeinschaftspraxis, die zurzeit gerade umgebaut wird. Ambulanz, Physiotherapie und Spitex sollen in diesem kleinen medizinischen Zentrum auch ihren Platz haben. Bis 2013 leistete sie in der Gegend Notfalldienste, seither erlaubt dies ihr politischer Termin­kalender nicht mehr.

Ob und mit welchem Pensum die Politikerin Carobbio als Ärztin nach Roveredo zurückkehren wird, ist noch nicht ganz klar. Das müsse sie mit ihren Kollegen und mit sich selber noch ausmachen, sagt sie. Und fügt hinzu: «Vor dem Nationalratspräsidium arbeitete ich noch als Ärztin. Im vergangenen Jahr war dies nicht mehr möglich. Im kommenden Jahr werde ich vielleicht die eine oder andere Ferienvertretung übernehmen – mal schauen. Ich fände es jedenfalls sehr schade, meinen Beruf wegen der Politik ganz aufgeben zu müssen.»

Das eigene Leben

Kann Marina Carobbio das, was sie als Ärztin und Politikerin vertritt, bei sich selber auch verwirklichen? Wie steht es beispielsweise mit der Pflege der eigenen Gesundheit? «Nun ja, ich brauche wenig Schlaf», schmunzelt sie. «Aber etwas mehr Bewegung wäre schon gut. Nächstes Jahr will ich wieder öfter wandern gehen, in der Leventina zum Beispiel.» Vorderhand geht es noch nicht in die Berge. Sondern nach Chur und Como für Vorträge. Carobbio fährt mit der Eisenbahn, ganz ­allein. Und sie empfindet diese Freiheit als grosses ­Privileg. «Dass solch unkompliziertes Reisen in der Schweiz in meiner Funktion möglich ist, glaubt man mir im Ausland oft nicht», kommentiert sie.

Und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Es sei vor allem am Anfang ihrer politischen Karriere schwierig gewesen, alles unter einen Hut zu bringen, sagt sie. Aber ihr Mann, Ingenieur bei den SBB, und ihre Eltern hätten sie stets tatkräftig unterstützt. Und jetzt seien ihre Kinder ja weitgehend selbständig. Der Sohn studiert an der ETH, ihn kann sie also zum Beispiel in ­Zürich treffen. Die Tochter besucht sie demnächst in Bern. Sie will vielleicht Medizin studieren.

Klar ist für Marina Carobbio nach diesem ganz speziell anstrengenden Jahr als höchste Schweizerin eines – und dies scheint geradezu ein Motto für das kommende Jahr zu sein: «Ich will und kann nicht nur im Bundeshaus leben.»

Credits

Fotos: Daniel Lüthi

Korrespondenzadresse

dl[at]dlkommunikation.ch

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