Zu guter Letzt

Gibt es heute noch Eugenik?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18446
Veröffentlichung: 05.02.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(06):190

Hansjakob Müller

Prof. em. für Medizinische Genetik, Universität Basel

Der Begriff «Eugenik» sowie die im deutschen Sprachraum dafür verwendeten Synonyme «Rassenhygiene» oder «Erbgesundheitslehre» wurden zu eigentlichen Schimpfwörtern. Sie erinnern an das menschenverachtende Gedankengut im Dritten Reich, an Zwangssteri­lisationen, Eheverbote oder gar an die Ermordung von rassisch als minderwertig klassifizierten ethnischen Gruppen und von Behinderten. Francis Galton (1822–1911) prägte den Begriff «Eugenik» 1883. Be­eindruckt von den damaligen Erfolgen der Tier- und der Pflanzenzucht, stellte er die Frage, ob auch die Art «Mensch» langfristig durch die Förderung der Fortpflanzung von Individuen mit «wertvollen» Eigen­schaften und durch die Verhinderung derjenigen mit «schlechten, krankhaften» verbessert werden könnte.

Eugenik ist nicht das, was die Nazis daraus machten. Eugenisches Denken und Handeln ist alt und erfuhr im Verlaufe der Zeit immer wieder Paradigmenwechsel. Es beruht jedoch auf der Wertung und der Selektion menschlichen Lebens. Wenn man sich fragt, wo dies in der heutigen Zeit der Fall sein könnte, denkt man unweigerlich an die pränatale Diagnostik (PND) und die Präimplantationsdiagnostik (PID).

Als ich mich 1969 der Medizinischen Genetik zuwandte, gab es in der Schweiz die PND noch nicht. Ich erinnere mich an Frauen, die damals nach der Geburt eines wegen einer Chromosomenanomalie behinderten Kindes aus Angst, wieder solche zu gebären, sich unterbinden liessen. Die PND erschien als grosser Durchbruch, da diese Frauen eine grosse Chance hatten, eigene Kinder ohne die Chromosomenstörung zur Welt zu bringen. Später war ich dann froh, dass ich nur einmal angefragt wurde, eine pränatale Diagnostik für eine Krankheitsveranlagung zu veranlassen, die sich erst später im Leben manifestiert (die attenuierte familiäre Polyposis coli), und dass nach der genetischen Beratung das Ehepaar vom ursprünglichen Ansinnen Abstand nahm. Im Oktober 2006 erfuhr ich in ein­gehenden Gesprächen mit schwedischen Familien an ­einem Symposium über die Von-Hippel-Lindau-­Erkrankung (VHL) in London/Ontario, welchen Fortschritt für sie die damals in der Schweiz noch nicht zugelassene Präimplantationsdiagnostik (PID) bedeutete.

Eugenik vertritt die Interessen der Gesellschaft, von künftigen Generationen. Das erklärte Ziel der heutigen Medizinischen Genetik ist jedoch, einzelnen Personen eine Hilfe anzubieten. Es geht dabei keineswegs um die evolutionäre Zukunft der Menschheit. Dies gilt auch für das Screening nach der Überträgerschaft von schweren Erbkrankheiten in Ethnien, in denen diese gehäuft vorkommen.

Zweifelsohne lassen sich dank der rasanten Entwicklung der genetischen Analytik mit der PND und PID ­eugenische Zielsetzungen verfolgen, nämlich dann, wenn diese in unserer Konsumgesellschaft routine­mässig ohne begleitende genetische Beratung zur Anwendung kommen. Verschiedene diesbezügliche Fragen gilt es heute im Hinblick auf das «Whole Genome Sequencing» (WGS) zu bedenken, das in der genetischen Diagnostik zunehmend zur Anwendung kommt. Zu deren Evaluation ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Ärzteschaft mit Fachleuten verschiedener Fachrichtungen notwendig, denn sie hat im Zeit­alter des «shared decision making» Laien nicht nur über medizinische und technische, sondern auch über ethische, soziale und rechtliche Aspekte der genetischen Diagnostik zu informieren. Nur so können diese die Möglichkeiten der PND und PID mit einem genügenden Mass an Eigenverantwortung beanspruchen. Einem sozialen Erwartungsdruck nur für gesunden Nachwuchs und der Forderung einer Rechtfertigung bei der Geburt eines behinderten Kindes ist entgegenzuwirken. Die Vernichtung von Embryonen, der in­duzierte Abort bleiben Bereiche der medizinischen Praxis, die immer Besorgnis und ethische Reflexionen auslösen sollten.

Korrespondenzadresse

hansjakob.mueller[at]unibas.ch

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