Zu guter Letzt

Zum Geleit!

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18463
Veröffentlichung: 08.01.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(0102):40

Die Schriftleitung: Trüeb.

Dr. jur. H. Trüeb, Berufssekretär der Ärzte­gesellschaft des Kantons Bern, begrüsste mit diesem Editorial die Leserschaft in der ersten Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung vom Mai 1920.

Den schweizerischen Aerzten ist diese Zeitschrift gewidmet. Zur Wahrung ihrer schwergefährdeten wirtschftlichen Interessen soll sie das ihrige beitragen.

Wir wollen, dass jedem Schweizer Arzte die heutige Lage des Aerztestandes bewusst werde.

Jeder Arzt muss den tiefen Ernst der Stunde erkennen, besonders aber derjenige, der sich bis heute um die rein wirtschaftlichen, den Stand ­berührenden Fragen gar nicht oder nur wenig ­bekümmert hat, sei es infolge ungenügenden Verkehrs mit Kollegen, sei es aus Indifferenz.

Die bestehende Indifferenz ist neben einem weit verbreiteten Optimismus über gegenwärtige und zukünftige Lage der schlimmste Feind des schweizerischen Aerztestandes.

Nur durch energische und unermüdliche Aufklärung sind beide erfolgreich zu bekämpfen.

Durch Aufklärung über die gegenwärtige Lage wollen wir aber auch die Erkenntnis schaffen, dass der Aerztestand, wenn nicht rechtzeitig vorgebeugt wird, einer schweren Zukunft, dem Ende der beruflichen Freiheit entgegengeht.

Düster warnend steht als Beispiel vor uns die Versklavung der deutschen Aerzte, ein unwür­diger Zustand, dessen Ursachen noch in der ­kaiserlichen Gesetzgebung zu suchen sind. Die Knechtung des schweizerischen Aerztestandes, die Sozialisierung der ärztlichen Leistung ist heute, im Zeitalter der auch von Behörden unterstützten Gleichmachungsbestrebungen eine Kleinigkeit und eine Frage kürzester Fristen.

Diese Erkenntnis muss sich durchsetzen, wenn das Schlimmste verhütet werden soll. Die ärzt­liche Leistung steht zu hoch, als dass sie zum Objekt für Sozialisierungsversuche herabgewürdigt werden dürfte. Der Wert und das Ansehen der medizinischen Wissenschaft steht in engstem Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Fragen. Hat der bisher freie Aerztestand einem Aerzte­beamtenstand Platz gemacht, ist die freie ärzt­liche Wissenschaft in den Rahmen enger Ge­setzesparagraphen, deren Innehaltung mit der nötigen Strenge überwacht wird, gepresst, die ärztliche Leistung schematisiert und die Individualität ausgeschaltet, so ist damit auch der Mittelmässigkeit, der Oberflächlichkeit und der Gewissenlosigkeit Tür und Tor geöffnet.

Die ärztliche Kunst tritt vor der ärztlichen Produktion zurück.

Wir wollen daher in letzter Stunde eine Aerzteorganisation schaffen, die, auf der Erkenntnis der Notwendigkeit und dem Solidaritätsgefühl, dem Standesbewusstsein der schweizerischen Aerzte­schaft aufgebaut, stark genug ist, unter straffer, mutiger und zielbewusster Leitung alles einzusetzen, um dem Stand das höchste Gut, die berufliche Freiheit, zu erhalten.

Die bisher höchst lockere Organisation, die nicht verhindern konnte, dass einzelne kantonale Verbände im wirtschaftlichen Kampf isoliert dastunden und vereinzelt geschlagen werden, muss ausgebaut und geschlossen werden. Jede Lokal­organisation, jeder einzelne Arzt muss wissen, dass hinter berechtigten Ansprüchen und Forderungen die gesamte Aerzteschaft steht, bereit und entschlossen, für bedrängte Kollegen alles einzusetzen.

Mit dieser Organisation vermeiden wir vielleicht den wirtschaftlichen Kampf, ist letzterer unvermeidlich, so sichern wir mit ihr den Sieg.

An alle Schweizer Aerzte richten wir die Aufforderung, im Interesse der Gesamtheit und damit jedes Einzelnen mitzuarbeiten an dem Werk, das wir beginnen. Mitarbeit aus allen Gauen des Schweizerlandes ist nicht nur Recht, sondern Pflicht.

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