Briefe / Mitteilungen

eNotfallmedizin: ärztliche Vernetzung ja, aber nicht für Patienten direkt

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18520
Veröffentlichung: 08.01.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(0102):18

Andreas Würmli, Altstätten

eNotfallmedizin: 
ärztliche Vernetzung ja, aber nicht 
für Patienten direkt

Brief zu: Sauter C et al. eNotfallmedizin: Notfallversorgung der Zukunft? Schweiz Ärzteztg. 2019;100(49):1683–5.

Die Verfasser stammen alle aus der Notfallstation des Inselspitals. Sie scheinen mir vergessen zu haben, dass sie einen speziellen Blickwinkel auf die Notfallmedizin haben.

Sogenannte Notfälle sind zu 75% keine Notfälle. Die brauchen vor allem das Gespräch und die Überzeugungskraft, die Präsenz, um hier die Abklärungen nicht ausufern zu lassen, und schon gar nicht notfallmässige Tests. Es kann nicht unser Ziel sein, 24h alles anzubieten!

Der beste Parameter bei uns Pädiatern ist immer noch das Bauchgefühl und die Aussagen der Eltern. Sehr viel weniger entscheidend sind da alle anderen Parameter. Dies sind Facts, die auch auf der Notfallstation gelten! Also müssen wir uns fragen, wie gut wir in der Telemedizin dies beurteilen können.

Zu unserem Bauchgefühl: Dieses basiert vor allem auf der Gesamt-Situation: Wie wirkt der Patient, wie die Begleitung auf mich, was für ein Grundgefühl habe ich selbst als Arzt in dieser Situation. Dies alles wird sekundenschnell in uns verarbeitet und mit allen (aktuell nicht bewussten) erfahrenen Situationen abgeglichen. So entsteht in uns das Gefühl. Dann – und erst dann beginnen unsere ganz gezielten Fragen. Vorher sollen es offene Fragen sein, die uns verhelfen, ein Gefühl zu bekommen.

In der Telemedizin fehlen uns somit ganz zentrale Parameter, die ich nur in der Vis-à-vis-­Situation, einfach so, gratis mitbekomme und die in der Einschätzung extrem wichtig sind, wie ich soeben ausgeführt habe.

Auch ein weiterer Punkt spricht nicht für die Telemedizin. Häufig werden die Eltern telefonisch von ihrer Krankenkasse beraten! Aus meiner Erfahrung ist diese bei den Kindern häufig ungenügend, nicht kompetent genug. Sogar die Behandlungen sind z.T. falsch, weil die falschen Quellen benutzt werden. Das Kompendium ist nun mal für die Kinder nicht die beste Quelle ...

Noch schlechter sieht es aus, wenn sich die ­Eltern selber durch das Internet «beraten». Sie landen dann bestimmt bei der schlimmsten und unwahrscheinlichsten Diagnose.

Was ich aber sehr unterstützen würde, ist die telemedizinische Vernetzung unter den Fachpersonen! Dafür müsste schon längst ein Lehrstuhl her. Die Vernetzung ist so unglaublich schlecht im Computerbereich, der Nachholbedarf riesig!! Alle bestehenden medizinischen Programme müssten miteinander per wenige Mausklicks miteinander kommunizieren können. Labordaten, Bilddokumente jeglicher Art, eKG-Einträge, bestehende Berichte etc. müssten schnell, gesichert austauschbar sein. – Aber genau das ist nicht möglich!!! Nicht einmal im eigenen Programm gibt es graphische Darstellungen für jegliche Verläufe, aber die wären viel einfacher überblickbar und aussagekräftiger (BD, Gewicht, Länge, Laborparameter etc.)!

Kurz zusammengefasst: Telemedizin ersetzt nicht den Kontakt vor Ort und erhöht klar die sogenannten Notfälle, weil die 24h-Erreichbarkeit noch simpler wird. Dies erhöht die Kosten, absorbiert die falschen Fachpersonen und ist somit nicht sinnvoll und zu teuer und leistet wahrscheinlich die schlechtere Medizin. Vernetzung unter Fachpersonen dagegen finde ich sinnvoll. Aber da fehlen noch ganz viele Grundvoraussetzungen, um eine möglichst fundierte und gute Medizin machen zu können.

Das Geld wird am falschen Ort eingesetzt.

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