FMH

Mit der Verabschiedung des Statements zu «sex selection abortion and female foeticide» hat die World Medical ­Association im Oktober 2019 einen Aufruf gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung verabschiedet. Dieser leistet einen Beitrag zum Schutz der freien Berufsausübung von Ärzten und Ärztinnen nach ethischen Grundsätzen.

Dr.med. Jürg Schlup, Präsident FMH

Nach jahrelangem gemeinsamem Ringen von medical women switzerland und FMH:

Die WMA verurteilt geschlechterspezifische Abtreibung von Föten

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18618
Veröffentlichung: 12.02.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(07):198-199

Marianna Bodenmann-Zanettia, Judith Naefb

a Dr. med., Vorstandsmitglied mws; b lic. iur., Rechtsanwältin, Geschäftsführerin mws

Die World Medical Association verurteilt die gezielte Tötung von weiblichen Föten. Die Mitgliedsorganisationen sind aufgerufen, für den Schutz von Ärztinnen und Ärzten vor Repressalien einzustehen, welche Abtreibungen wegen Geschlechterpräferenzen verweigern. Das WMA-Statement ist ein Erfolg der mws und der FMH, der in jahrelanger Kleinarbeit erreicht wurde.

WMA Statement on Sex Selection Abortion and Female Foeticide

Adopted by the 53rd WMA General Assembly, Washington, DC, USA, October 2002,

reaffirmed by the 191st WMA Council Session, Prague, Czech Republic, April 2012

and revised by the 70th WMA General Assembly, Tbilisi, Georgia, October 2019

The WMA is gravely concerned that female foeticide and sex selection abortion is commonly practiced in certain countries.

The WMA denounces female foeticide and sex selection abortion as a totally unacceptable example form of gender discrimination.

The WMA holds that sex selection abortion for reasons of gender preference is discriminatory, where it is solely due to parental preference and where there are no health implications for the foetus or the woman.

The World Medical Association calls on National Medical Associations:

– To denounce the practice of female foeticide and the use of sex selection abortion for gender preference and;

– To advise their governments accordingly.

Von Natur aus werden mehr Knaben als Mädchen geboren, nämlich 106 Knaben auf 100 Mädchen. In Ländern wie Indien, Vietnam, Armenien und China ist jedoch durch geschlechtsspezifische Abtreibungen die Anzahl der Knaben auf bis zu 115 pro 100 Mädchen ­gestiegen. So fehlen Indien zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis über 50 Millionen Mädchen und Frauen, in den wohlhabenden Bundesstaaten stehen 1000 Knabengeburten sogar nur 860 Mädchen-
geburten gegenüber. In weiteren asiatischen Ländern sind die Unterschiede ebenfalls gross, Spitzenreiter ist mit Abstand China. Weltweit gäbe es ohne die gezielte Abtreibung weiblicher Föten 100 Millionen Frauen mehr als dies aktuell der Fall ist. In den betroffenen Gesellschaften werden einmal geborene Mädchen häufig auch weniger gut versorgt als Buben: Die Ernährung ist dürftiger, die Hygiene schlechter und der Beizug von professioneller Hilfe bei gesundheitlichen Problemen unterbleibt häufiger. Gleichzeitig sind die Bildungschancen von Mädchen geringer und sie werden öfter schon in sehr jungen Jahren einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt, weshalb die Sterblichkeitsrate der Mädchen markant höher ist als diejenige der Knaben.

Ursache der Geschlechterselektion sind kulturelle und soziale Hintergründe, die hinlänglich bekannt sind: Ein männlicher Stammhalter ist das Ziel jeder ­Familie in patriarchalen Familiensystemen. Sind solche zusätzlich mit Philosophien wie dem Konfuzianismus kombiniert, was z.B. in Nordostasien der Fall ist, so wird der Wunsch nach einem Sohn faktisch zu einem Zwang, alles zu tun, um einen solchen zu erhalten. Früher führte dies zu einer grossen Anzahl Kinder, mit den heutigen diagnostischen Methoden und selektiver Abtreibung können auch Kleinfamilien einen männlichen Erben sicherstellen.

Die indische Regierung hat das Problem schon in den 80er-Jahren erkannt und 1984 die Feststellung des Geschlechts vor der Geburt verboten. Trotzdem besteht immer noch ein erheblicher Druck, frühzeitige Bestimmungen des Geschlechtes vorzunehmen, damit ge­gebenenfalls rechtzeitig eine Abtreibung des unerwünschten weiblichen Fötus durchgeführt werden kann. Kostengünstige Ultraschalluntersuchungen und Bluttests ermöglichen heute weiten Kreisen die prä­natale Geschlechtsbestimmung. Die Verminderung von Armut und Analphabetismus hat diese Entwicklung überraschenderweise verstärkt. Gebildete Mit­telstandsfamilien wünschen eine Kleinfamilie mit Stammhalter, was für die werdenden Mütter eine massive Belastung ist. Die demografischen Folgen sind schon heute verheerend, denn die Wunschsöhne finden keine Partnerinnen. Dies kann zu sozialen Un­ruhen und zu vermehrter Gewalt gegenüber Frauen ­führen. China hat dies auch erkannt und vor Kurzem die Ein-Kind-Politik abgeschafft, unter anderem in der Hoffnung, das dramatische Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern der Neugeborenen zu verringern.

Die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung mit folgender Abtreibung ist ein Problem für die Ärzteschaft: Ärztinnen und Ärzte, die sich weigern, solche Tests oder Abtreibungen durchzuführen, müssen in vielen Ländern mit Repressalien, beruflichen Nachteilen und Druckversuchen rechnen, denen sie oft ohne staatlichen Schutz ausgeliefert sind. Damit aber steht die freie, nach ethischen Grundsätzen praktizierte Berufsausübung auf dem Spiel.

Dieses schwerwiegende Problem wurde deshalb im Mai 2014 im Anschluss eines Referats des General-
sekretärs der World Medical Association, Dr. Otmar Kloiber, von Christine Romann, damals Mitglied des Zentralvorstands der FMH, und Marianna Bodenmann, Vorstandsmitglied mws, aufgegriffen. Die WMA hatte sich bereits im Jahr 2002 im Rahmen einer nicht verbindlichen Resolution mit der selektiven Abtreibung weiblicher Föten befasst. Diese Resolution wurde 2012 bestätigt, aber nicht verschärft. Sie sah insbesondere keinerlei Aufforderung an die nationalen Ärzte-
gesellschaften und Regierungen vor, gegen die gezielte Tötung von weiblichen Föten vorzugehen.

Aus diesem Grund beschloss die FMH auf Initiative der mws, der WMA zu diesem Thema die Verabschiedung eines Statements vorzuschlagen, das eine höhere Verbindlichkeit hat als eine Resolution.

Dieser Antrag wurde von nationalen Ärztegesellschaften und diversen Arbeitsgruppen der WMA mehrfach überarbeitet und jahrelang diskutiert. Der Antrag wurde zwischenzeitlich ausgeweitet, z.B. mit dem Recht der Frau auf Abtreibung und mit diversen Verfahrensvorschriften. Die Integration solcher Themen in das Statement wäre jedoch nicht mehrheitsfähig gewesen. Es bestand somit die Gefahr, dass das Hauptanliegen, nämlich die Verurteilung des weiblichen Foeticids, wegen solcher zusätzlicher Themen scheitern könnte.

Die mws lieferte zu jedem einzelnen Punkt differenzierte Argumentationen, weshalb die Themen nicht in das Statement aufgenommen werden sollen. Dank des grossen persönlichen Einsatzes von Jürg Schlup, Präsident der FMH, konnte das zähe Ringen in den vorberatenden Arbeitsgruppen für die freie Berufsausübung nach ethischen Grundsätzen entschieden werden: Die Generalversammlung der WMA verabschiedete am 26. Oktober 2019 in Tiflis – faktisch ohne Opposition – das Statement auf S. 198.

Die Aufgabe der nationalen Ärztegesellschaften ist es nun, ihre Mitglieder und die Behörden ihres Landes zu informieren und sie aufzufordern, die vorgeburtliche Geschlechtsselektion ohne medizinische Indikation zu verhindern und Ärztinnen und Ärzte, die sich weigern, Abtreibungen einzig wegen des unerwünschten Geschlechts des Fötus vorzunehmen, vor ­Repressionen zu schützen.

Fazit

Der FMH und der mws ist es in enger Zusammenarbeit und mit sehr langem Atem gelungen, in den komplexen Strukturen der WMA und trotz des in vielerlei Hinsicht hoch brisanten Themas in der Generalversammlung der WMA ein weltweit wirkendes Statement durchzusetzen, das Ärztinnen und Ärzte schützt, die selektive Abtreibungen von Mädchen ablehnen. Nun sind wir alle aufgerufen, uns in unserem Umfeld und in international tätigen Hilfsorganisationen für das Thema einzusetzen, damit das Statement rasch seine Wirkung entfalten kann!

mws – medical women switzerland – ärztinnen schweiz Gegründet 1922 unter dem Namen «Vereinigung Schweizer Ärztinnen» VSÄ. Heute kann die mws ärztinnen schweiz auf rund 1000 Kolleginnen zählen. Kompetent und mit gezielt weiblichem Blick vertritt die mws ­ärztinnen schweiz als einziger Verband der Schweiz die Interessen von Medizinstudentinnen, Ärztinnen in Weiterbildung und Ärztinnen aller Fachrichtungen und Positionen in Spitälern, Instituten und Praxen aus jeder Region – mit oder ohne aktuelle Berufsausübung.

Für mehr Informationen besuchen Sie unsere Homepage:

www.medicalwomen.ch

Der Weltärztebund wurde 1947 in Paris gegründet. Das Sekretariat, das ursprünglich seinen Sitz in New York hatte, zog 1974 nach Ferney-Voltaire in Frankreich. Die WMA vertritt weltweit 106 Ärzteorganisationen und setzt sich für eine qualitativ gute Gesundheitsversorgung ein, die überall auf der Welt und für alle Menschen erreichbar ist. Die Generalversammlung ist das Hauptentscheidungsorgan. Die WMA hat es im Vergleich zu anderen NGO geschafft, dass ihren Richtlinien heute weltweit Beachtung geschenkt wird. Zu erwähnen ist das Genfer Gelöbnis sowie die Deklaration von Helsinki.

Korrespondenzadresse

sekretariat[at]medicalwomen.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close