Briefe / Mitteilungen

Geriatrie Praktikum – Gedanken eines älteren Arztes

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18624
Veröffentlichung: 05.02.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(06):172-173

Dr. med. Rolf Diethelm, Altdorf

Geriatrie Praktikum – Gedanken eines älteren Arztes

Medizin lernten wir an der Universität in Vorlesungen, Patientendarstellungen, Übungen. In der Praxis lernten wir während des ­ganzen Lebens immer wieder an den Patienten: Gespräche mit den Kranken («Sprechstunde»), Untersuchung, Weiterbildung an Vorträgen und durch Literatur, aber auch durch die Berichte der Spezial- oder Spitalärzte über jene Kranken, die wir ihnen zur Beurteilung oder Behandlung geschickt hatten.

Am meisten lernten wir aber durch die Krankheiten oder Unfälle, die wir selber erlitten hatten. Ich erinnere mich an sehr viele ausgezeichnete Lungenspezialisten, welche – selbst in der Vor-Streptomyin-Aera – an Tuberkulose erkrankt waren. Selber lernte ich unendlich viel durch zwei Beinbrüche, die ich mir beim Skifahren zuzog, die Folgerungen aus diesen Erfahrungen konnte ich in der eigenen Praxis jahrzehntelang bestens anwenden. Mit üblichen «Alltagskrankheiten» – Erkältungen u.v.a. – haben wohl alle praktizierenden Ärzte eigene Erfahrungen, die ihnen hilfreich sind. Die Medizin unterteilt sich in sehr zahlreiche – nach Organen getrennte – Spezialitäten. Noch im 19. Jahrhundert wurden die Heiltätigen unterschieden in den hochschulgelehrten «Dr. med.» und den für das «Handwerkliche» zuständigen «Bader» und «Scherer». Der Mensch ist aber ein Ganzes, mit dem ganzen Menschen befasst sich heute eigentlich «nur noch» die Allgemeinmedizin. Diese wird leider heute von eher wenigen jungen Ärzten gewählt – ich hörte mehrmals, man müsse sich spezialisieren, sonst verdiene man zu wenig.

Alle Leute werden heute älter. Damit werden «Alterskrankheiten» immer häufiger. Neben der Allgemeinmedizin umfasst die Geriatrie nun wieder wirklich den ganzen Menschen. Ausser zahlreichen, völlig altersbedingten «Abnutzungserscheinungen» treten zusätzlich aber auch übliche «normale» Krankheitsfälle auf. Bei den alten Leuten ­werden die «Abnutzungserscheinungen» ­besonders auch in cerebraler Hinsicht völlig verschieden empfunden. Gerade bei der vielleicht doch nicht so selten erhaltenen cerebralen Aktivität gilt «Erfahrung und Erinnerung verjähren nicht». Eigentlich sollten solche Erfahrungen auch den jüngeren, noch aktiven Kollegen beigebracht werden. Sehr oft ist der (senile?) alte Patient nicht mehr imstande, seinen von ihm selber empfundenen Zustand dem Nächsten mitzuteilen. Die Ärzte, welche ihn mit grösstem Einsatz betreuen, kennen die Krankheitsbilder ihrer alten Patienten kaum je aus eigener Erfahrung. Wer kennt zum Beispiel die Symptome der «Hyperakusis dolorosa»?

Wenn ein Arzt selber «alterskrank» wird, ist es für ihn extrem interessant – bei erhaltener Urteilsfähigkeit – auch seine «Abnutzungs-krankheiten» zu beurteilen. Es muss für ihn eigentlich interessant sein, sozusagen an sich selbst ein «geriatrisches Praktikum» zu absolvieren.

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