Nachrufe

In memoriam Ugo Fisch (1931–2019)

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18671
Veröffentlichung: 04.03.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(10):328-329

fullscreen

Einer der grössten Chirurgen unserer Zeit, Pionier der modernen Otoneurologie und Schädelbasischirurgie, Ordinarius der Universität Zürich und Direktor der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie des UniversitätsSpitals Zürich von 1970–1999, Gründer der Fisch International Microsurgery Foundation, Träger zahlreicher Medaillen und Auszeichnungen, Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender der Europäischen Akademie für Otologie und Neuro-Otologie, Ehrenmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Otorhinolaryngologie, Hals- und Gesichtschirurgie, Prof. em. Dr. Ugo Fisch ist am 12. Dezember 2019 in ­seinem Haus in Erlenbach verstorben. Als Schüler und Weggefährten möchten wir einige seiner zahllosen Leistungen als Arzt, Lehrer und Wissenschaftler und ihn als Person würdigen.

Vom Tessin über Zürich in die USA

Nach seiner Gymnasialzeit im Tessin hat sich Ugo Fisch für das Medizinstudium in Zürich entschieden, das er 1958 mit dem Staatsexamen abschloss. Noch im gleichen Jahr wurde er durch seine Dissertation zum Thema der Blutgerinnung zum Doktor der Humanmedizin promoviert. Anschliessend erhielt er von Prof. Luzius Rüedi – seinem späteren Mentor – an der ORL-Klinik des UniversitätsSpitals Zürich eine Weiterbildungsstelle, eine Entscheidung, die sich für sein ganzes Leben als richtungsgebend erweisen sollte.

Bereits nach 7 Monaten ORL begab sich Ugo Fisch zu Studienzwecken in die USA als Research Fellow in Otophysiology an der ORL-Klinik des Johns Hopkins Hospital in Baltimore und im ORL-Labor der Universität von Chicago. In dieser Zeit konnte er sein wissenschaftliches Interesse für die ORL schärfen. Dies führte 1966 zu seiner Habilitation, welche er zum Thema der Lymphographischen Untersuchungen über das zervikale Lymphsystem verfasste. Sein grosses Interesse an der Mikrochirurgie des Ohres, seine eigentliche Passion, wurde aber während eines nur sechs Wochen dauernden Aufenthalts in Los Angeles geweckt, als er 1967 Prof. William House besuchte. Damals war das House Ear Institute das weltweit führende Zentrum der Otologie und Ugo Fisch bereits ein erfahrener Oberarzt. Diese Inspiration, seine chirurgische Geschicklichkeit, sein tiefes Verständnis der Anatomie und Physiologie ermöglichten es ihm, ganz neue Wege zu gehen. 2015, also 48 Jahre nach seinem ersten Besuch in Los Angeles, wurde ihm der House-Hitselberger Lifetime Achievement Award of the American Neurotology Socie­ty verliehen.

Weltweit erste Implantation eines ­aktiven Mittelohrimplantates

Ugo Fisch hatte während seines gesamten Berufslebens alle Details der Otologie und der seitlichen Schädelbasischirurgie mit den damals fortschrittlichsten technischen Mitteln studiert. Seine Familie bestätigte, dass es fast keinen Tag gab, an dem er nicht an Wochenenden oder in den Ferien Zeit verbrachte, um Zeichnungen für seine Bücher oder wissenschaftlichen Arbeiten anzufertigen, über neue Ideen nachzudenken oder von ihm oder seinen Mitarbeitern verfasste Manuskripte zu überarbeiten. In der Mittelohrchirurgie standardisierte er die chirurgischen Zugänge und gründete dadurch die «Fisch Schule» der modernen Ohrchirurgie. Daneben verbesserte er in Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Firmen die Opera­tionsmikroskope, den Operationstisch zur exakten Positionie­rung des Patienten, die Bohrsysteme, zahlreiche Operationsinstrumente und Mittelohrpro­thesen. ­Weitere Höhepunkte waren die Implantation des schweizweit ersten Cochlea-Implantats 1977, eines elektrischen Hörsystems für gehörlose Patienten, das er zusammen mit Dr. Thomas Spillmann und Prof. Norbert Dillier entwickelte, und die weltweit erste Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates 1996 am UniversitätsSpital Zürich.

Im Grenzgebiet mit der Neurochirurgie

Seine meistbeachteten Arbeiten betrafen die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen der Schädelbasis. Die dazu notwendige Diagnostik und Vorbehandlung führte er zusammen mit seinem Kollegen und Freund Prof. Anton Valavanis durch. Nächtelang studierte und standardisierte er die Zugänge für Tumoren, die bisher als inoperabel galten oder deren Entfernung mit einer hohen Morbidität und Mortalität verbunden waren. Im Grenzgebiet mit der Neurochirurgie profitierte er von der Zusammenarbeit mit Prof. Gazi Yasargil und optimierte die Zugänge zur mittleren Schädelgrube und zum inneren Gehörgang. Die von Ugo Fisch beschriebenen Techniken publizierte er 1988 im Buch Microsurgery of the Skull Base, einem noch heute gültigen Standardwerk. Dadurch erlangte die Zürcher ORL-Klinik Weltruhm, wodurch einerseits zahlreiche Patientinnen und Patienten aus aller Welt zugewiesen wurden und andererseits lernbegierige Fellows aus allen Kontinenten nach Zürich pilgerten. Zahlreiche dieser Besucher sind heute Klinikdirektoren, insbesondere in den USA und Asien. Seine unzähligen Operationen hielt er video­graphisch in 3D fest, damals eine Sensation. Seit 1970 führte er zusätzlich praktische Kurse in der Anatomie durch, die er später zusammen mit Prof. Thomas Linder verfeinerte. Dort konnten und können weiterhin Jahr für Jahr interessierte Chirurgen diese Zugänge ­erlernen. Im Jahr 1998 richtete er die Website www.fimf.ch ein und stellte kostenlos eine grosse Anzahl anatomischer und chirurgischer Videos zur Verfügung und diskutierte aktuelle klinische Fälle mit Mitgliedern der FIMF-Familie. Hunderte von Ärzten aus der ganzen Welt wurden von Ugo Fisch direkt betreut, entweder während seiner aktiven Zeit am UniversitätsSpital Züri­ch, später an der Klinik Hirslanden Zürich und am Luzerner Kantonsspital und schliesslich online aus ­seinem Heim in Erlenbach oder seinem Landhaus in Südfrankreich.

Ugo Fisch hinterlässt einen riesigen Wissensschatz von über 300 wissenschaftlichen Publikationen, darunter drei besonders geschätzte Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ugo Fisch wurde dadurch Ehrenmitglied in unzähligen medizinischen Gesellschaften, er war Gründungsmitglied der Europäischen Akademie für Otologie und Neuro-Otologie, der er auch als erster Präsident vorstand. Sehr berührend waren denn auch die vielen Kommentare auf der Website der EAONO, in der Ugo Fisch als «Vater der Otologie» bezeichnet wurde.

Vier zentrale Bedingungen für einen erfolgreichen Arzt

Tatsächlich inspirierte Ugo Fisch mit seiner strukturierten und klaren Art seine Schülerinnen und Schüler. Er lehrte sie vier zentrale Bedingungen für die erfolgreiche ärztliche Tätigkeit:

– die Passion für die Arbeit;

– die Philosophie der strukturierten und schritt­weisen Vorgehensweise;

– den Mut, sich auch den schwierigen (chirurgischen) Problemen zu stellen,

– und den Pioniergeist, immer wieder nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

Während man sich auf den Chefvisiten keine Fehler bei der Patientenvorstellung erlauben konnte, war die ­jeweilige Zeit als Privatassistentin oder Privatassistent zeitlich zwar herausfordernd, inhaltlich aber extrem lehrreich. Selber müde nach langen Eingriffen nahm er sich dennoch die Zeit, Röntgenbilder zu beurteilen, ­Akten zu besprechen und die wartenden Angehörigen in verschiedensten Landessprachen mit grosser Empathie über den Verlauf aufzuklären.

Noch im September 2019, als ein bekannter internationaler Gastreferent eine Fortbildung am UniversitätsSpital Zürich hielt, hat Ugo Fisch allen nochmals klar vor Augen geführt, wie man einen Disput führt. Mit freundlichen, aber eindeutigen Worten und unmissverständlichen Argumenten hat er dem Referenten zu verstehen gegeben, was er von seinen Ausführungen hielt. Ugo Fisch war bis zum Schluss mit einem klaren und stets wachen Verstand gesegnet. Gerade darum war sein plötzliches Ausscheiden aus dem Leben ein grosser Schock. Ugo Fisch war ein Pionier und empathischer Arzt, ein grossartiger universitärer Lehrer und ein innovativer Denker, der immer wieder durch neuartige Ideen die Entwicklung in seinem Fachgebiet vorantrieb. Die Universität, das Spital, die Klinik, die Studierenden, seine ärztlichen Mitarbeitenden, seine Fellows und natürlich seine vielen Patientinnen und Patienten – wir alle werden Ugo Fisch für immer in dankbarer Erinnerung behalten. Möge sein Geist uns für immer inspirieren.

Thomas Linder, Alexander Huber, Sandro Stöckli

Verpassen Sie keinen Artikel!

close