Briefe / Mitteilungen

WMA: unsere moralische Instanz?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18692
Veröffentlichung: 26.02.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(09):296

Dr. med. Christian de Garis, FMH Kinder- und Jugendmedizin, Zofingen

WMA: unsere moralische Instanz?

Brief zu: Schlup J, Bodenmann-Zanetti M, Naef J. Die WMA ­verurteilt geschlechterspezifische Abtreibung von Föten. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(7):198–9.

Wir erfahren, dass Schweizer Kolleginnen und Kollegen massgeblich dazu beigetragen haben, dass nun weltweit alle geächtet werden sollen, die einen Foetocid durchführen, nur weil es sich um ein weibliches Kind handelt. Das tut unserem Nationalstolz und Gewissen gut, weil wir ja überzeugt sind, dass dies verwerflich ist – oder?

Was so selbstverständlich gezielt und bewusst moralisiert wird, wirft aber eine ganze Reihe anderer Fragen auf. Ich stelle mir eine chinesische, indische oder jemenitische medizinische Fachperson vor, welche diese Eingriffe durchführt (drei Kulturen, in denen ich gelebt bzw. Erfahrungen gesammelt habe). Es sei dieser die Frage erlaubt: Interessiert es jemanden aus meinem Umkreis, was die WMA sagt? Woher nehmen sich die Verfasser dieses Statements das Recht, unsere kulturell geprägten Entscheidungskriterien zu verurteilen? Ist ein Schweizer Kollege, welcher ein weibliches Kind abtreibt, ohne dass die Mutter eine Begründung abgibt oder weil es gerade zu einer ungünstigen Zeit kommt, als «ethisch korrekt» anzuschauen, während der indische verurteilt wird, weil er eine Frau aus der Notlage befreit, die ein Mädchen bekommt, ­dessen Mitgift die Familie später nicht finanzieren kann? Warum muss dies überhaupt moralisiert werden, wenn doch die Wahl, schwanger zu sein, gemäss westlichen Werten eine rein private/medizinische ist, befreit von moralischen Vorstellungen – oder wird mit diesem Statement etwa impliziert, dass es sich doch um ein menschliches Wesen handelt? Setzt sich die WMA nicht der Kritik der Scheinheiligkeit aus, wenn sie sich als mora­lische Instanz ausgibt und bzgl. Foetocid ­falsche Gründe (Geschlecht [nur weiblich], traditionelle kulturelle Werte [nur der nicht-westlichen Kulturen]) definiert, während implizit alle anderen Gründe (das Mädchen kommt zur falschen Zeit, hat sonographisch auffällige Merkmale, die ein gesundes Kind nicht garantieren, die finanziellen Umstände der Familie sind ungünstig, selbst keine Begründung) als richtig definiert werden? Haben die Verfasser eine moralische Basis, um sich auch diesen Fragen zu stellen?

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