Zu guter Letzt

Zur Geschichte der Humangenetik

Sind wir bessere Menschen als unsere Vorgänger?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18697
Veröffentlichung: 20.05.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(2122):722

Hansjakob Müller

Prof. em. für Medizinische Genetik, Universität Basel

Die Aktivitäten und Äusserungen von uns Humangenetikern respektive Medizinischen Genetikern werden gerade im deutschsprachigen Kulturraum sehr kritisch verfolgt. So suchen Vertreter der Geschichts­wissenschaften geradezu wie «Domini canes» oder Thesenjournalisten bei Pionieren unseres Fachs nach gemäss dem heutigen Verständnis möglichen Abweichungen von einer guten ärztlichen Haltung, um sie dann in ihren Publikationen zu diskreditieren.

Zwischen den beiden Weltkriegen gelangten mehrere Schweizer Ärzte, unter ihnen auch Ernst Hanhart (1891–1973), zu grundlegenden Erkenntnissen über Erbkrankheiten, die als Folge des Ahnenverlustes bei der Bevölkerung in den engen Talschaften der Alpen­region mit den lokal unterschiedlichen Religionen und Sprachen auftraten. Sie wandten die sorgfältig erhobene Familienanamnese und deren Evaluation gemäss den Mendel’schen Gesetzen an, also Verfahren der humangenetischen Forschung, die heute noch aktuell und keineswegs nur an die Nazizeit gebunden sind [1]. Da nach dem Ersten Weltkrieg die Humangenetik und ihr nahestehende ­Fächer wie die Neurowissenschaften in Deutschland grosse Fortschritte machten, hat man sich auch in der Schweiz am dortigen Stand des Wissens orientiert, ohne dabei jedoch die menschenverachtenden Auswüchse der Erbgesundheitslehre und Rassenhygiene des Dritten Reichs zu übernehmen.

Die Medizin der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war von Präventionsmassnahmen geprägt, die dank der Humangenetik möglich wurden, wie die Einführung der pränatalen Diagnostik. Man wollte das Fach «Medizinische Genetik» an den medizinischen Fakultäten etablieren und wies daher auch auf dessen Beitrag zur Tiefhaltung von Gesundheitskosten hin. Hans Moser (1935–2005), besonnener Kinderarzt und Experte für neuromuskuläre Erkrankungen, wies in ­einer Zeit, als vor allem Laborfachleute der Chromosomenanalytik die medizinische Genetik in der Schweiz vertraten, auf heute noch aktuelle Aspekte der gene­tischen Beratung von Betroffenen und ihren Ange­hörigen hin. Die Vorwürfe einer Historikerin [2], er scheine einem paternalistischen Arzt-Patienten-Verhältnis verpflichtet gewesen zu sein, und ihm technologischen Fortschrittglaube, Arglosigkeit gegenüber eugenischen Gefahren nachsagt, sind ungenügend recherchiert und somit faktisch falsche Unterstellungen

Es ist keineswegs das Ziel dieser Stellungnahme, alle Handlungen und Meinungsäusserungen von Vorgängern nur im jeweiligen historischen Kontext zu sehen und auf diese Weise rechtfertigen zu wollen. Im Nachhinein ist es immer schwierig, die jeweiligen Konzepte, Forschungsinteressen, verfügbaren Technologien, Netzwerke, sozialen Verhältnisse, aber auch Interaktionen mit Politik und Öffentlichkeit korrekt zu erfassen und richtig zu interpretieren.

Im Verlaufe meiner beruf­lichen Tätigkeit habe ich selber mitbekommen, wie rasch sich jeweils gültige Normen wieder ändern können. Wenn wir der Nachwelt ein möglichst repräsentatives Bild über die Geschichte der Medizinischen Genetik überlassen wollen, sollten wir als Zeitzeugen die zu einer bestimmten Zeit gültigen Verhältnisse festhalten, um diese – selbstverständlich – mit Vertretern verschiedener Fächer zu evaluieren. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Beurteilung von Verhaltensweisen wird keineswegs nur von Historikerinnen und Historikern gefordert, sondern ist auch von uns gefragt. Heute können wir dazu einschlägige Stellungnahmen von bioethischen Gremien konsultieren. Wie einmal künftige Generationen unser Tun im nun ­beginnenden Zeitalter mit dem «whole genome sequencing» und dem «CRISPR gene-editing» beurteilen werden, können wir nicht mehr erfahren. Sind wir aber «bessere Menschen» als unsere Vorgänger? Wohl kaum!

Korrespondenzadresse

hansjakob.mueller[at]unibas.ch

Literatur

1 Germann P. Vergessene Kooperationen. Schweiz Ärztezgt. 2017;98(9):262–5.

2 Argast R. Eine arglose Eugenik? Hans Moser und die Neupositionierung der genetischen Beratung in der Schweiz, 1974–1980. Transverse: Zeitschrift für Geschichte. 2011;18:85–103.

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