500

Briefe / Mitteilungen

Die Erreichbarkeit des Hausarztes

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18712
Veröffentlichung: 04.03.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(10):330

Dr. med. Max Schreier, 
Hausarzt im Ruhestand

Die Erreichbarkeit des Hausarztes*

Die vergangene Erreichbarkeit

Als ich 1974 meine Allgemeinpraxis in Krieg­stetten im solothurnischen Äusseren Wasseramt eröffnete, praktizierten fünf Kollegen am Limit. Das Einzugsgebiet umfasste 14 Gemeinden. Zweimal jährlich trafen sich sämtliche Kollegen samt Gattinnen zu einem Freundschaftsessen, das in den ersten Jahren turnusgemäss bei einem Kollegen zu Hause, später auswärts in einem Gasthaus stattfand. An diesen Treffen wurde auch der Notfalldienst für das nächste Halbjahr geregelt. Die Dienstzeit umfasste jeweils den Donnerstagnachmittag sowie das darauffolgende Wochenende bis Montagmorgen um 8 Uhr. Während der Woche war jeder Arzt für seine Patienten allein verantwortlich und tags und nachts erreichbar. Bei kurzdauernden Abwesenheiten (Einladungen, Kino- oder Theaterbesuch) gab das Alibiphon über eine Vertretung Auskunft. In einer Periode mit Notfalldienst war man während 10 Tagen rund um die Uhr nonstop im Einsatz. Ab dem 60. Altersjahr konnte man sich von dieser belastenden Tätigkeit dispensieren lassen. Der Besuch von Fortbildungsveranstaltungen war damals für die praktizierende Ärzteschaft noch freiwillig. In der Fortbildungsverordnung der neunziger Jahre wurden pro Jahr 30 Stunden besuchte Fortbildung und 50 Stunden Selbststudium verlangt.

Wie steht es heute um die Erreichbarkeit der Grundversorger?

Während meiner Praxiszeit stieg die Anzahl der Hausärzte und Hausärztinnen von 7 im Jahre 1974 auf 21 im Jahre 2002 an. Im Jahre 1980 traf es einen Arzt auf 2487 Einwohner und im Jahre 2017 einen Arzt auf 1178 Einwohner. Die Ärztedichte hat also massiv zugenommen, wie steht es aber mit der Präsenz der Hausärzte? Im Jahre 1980 arbeitete jeder der 7 Ärzte in einem Vollpensum zu 100%, im Jahre 2019 kamen gemäss Befragung alle 13 Kollegen und 8 Ärztinnen auf ein durchschnittliches Arbeitsvolumen von 71,4%. Die reduzierten Präsenzzeiten haben zur Folge, dass der einzelne Hausarzt nicht mehr so gut erreichbar ist wie in früheren Zeiten. Während früher nur Spezialärzte während der ­Bürozeit erreichbar waren, trifft dies heute auch auf die Grundversorger zu. Ausserhalb der eingeschränkten Öffnungszeiten der Praxen landet der Patient auf der Notfallstation im Spital mit sämtlichen Nachteilen, die ich hier nicht aufführen kann.

Die reduzierte Tätigkeit der Grundversorger hat ausserdem zur Folge, dass Patienten nach der Pensionierung ihres bisherigen Hausarztes grösste Mühe haben, sogar in einer Gemeinschaftspraxis einen neuen Hausarzt zu finden.

Im Beitrag «Der Hausarzt im Wandel der Zeit» von Benedikt Horn in Primary and Hospital Care (2016) zitiert er P. Wiederkehr aus der SÄZ (1983): «Aus der Sicht des Patienten ist die Gewissheit, dass sein Arzt jederzeit kommt, falls er ihn braucht, von erheblicher Bedeutung. Hausbesuch und Notfalldienst sind zwei Visitenkarten der Ärzte.»

Es ist unbestritten, dass ein reduziertes Arbeitspensum für die praktizierende Ärzteschaft auch positive Auswirkungen hat. So fällt es namentlich für die wachsende Anzahl von Ärztinnen mit einem Teilzeitjob leichter, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, und die männlichen Kollegen können sich vermehrt ihrer Familie und ihren Hobbys widmen. Nicht zuletzt könnte dies auch zu einer Burnout-Prophylaxe beitragen.

Der Trend geht heute eindeutig in Richtung Gemeinschaftspraxen. Die heutige Ärztegeneration ist offenbar nicht mehr bestrebt, als Einzelkämpfer eine Praxis mit sämtlichen Auflagen und Risiken zu führen. Die Belastung durch administrativen Mehraufwand führt ausserdem dazu, dass nicht nur die Ärzte an der eigentlichen medizinischen Arbeit gehindert werden. Die behördliche Überregulierung des Arztberufes zeugt von Misstrauen und führt zur Bevormundung der Ärzteschaft!

Fazit dieses Beitrages: In Gruppenpraxen sollte es möglich sein, dass ein Arzt rund um die Uhr erreichbar ist. Das elektronische Pa­tientendossier würde die Kommunikation wesentlich erleichtern und Doppelspurigkeiten in Diagnose und Therapie vermeiden.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close