Briefe / Mitteilungen

Zur Bildung des Arztes

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18722
Veröffentlichung: 11.03.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(11):370-371

Dr. med. Markus Gassner, Grabs

Zur Bildung des Arztes

Das deutsche Wort Bildung ist etymologisch unklar, aber sinnvoll. Ohne Zweifel hat es ­etwas mit Bildern zu tun. Der Mensch soll ­lernen, Bilder zu verstehen und zu gestalten. In anderen gängigen europäischen Fragen wird Bildung mit «education» übersetzt. Dies bedeutet, jemanden herauszuführen, was auf Deutsch dem Begriff Erziehung («formation», Instruieren, Lehren) näherkommt. Der Begriff Pädagogik entspricht der Methodik: «ein Kind führen».

Aktuell wird entschieden, welche Bildung für die Ärzte von morgen wichtig ist. Wann sollen welche bildungspolitischen Weichen für einen guten Orthopäden, Landarzt gestellt werden: vor oder während der Mittelschulbildung, zu Beginn der medizinischen Ausbildung, bei der Weiter- oder Fortbildung.

Das Ziel der Mittelschulbildung, des Gymna­siums – die Matura –, ist in der Schweiz definiert als Ausweis der Studierfähigkeit. Dabei ist auch die vertiefte «gesellschaftliche Reife» gemeint: Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu ­jener persönlichen Reife, die Voraussetzung für ein Hochschulstudium ist und die sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet (Maturitäts-Anerkennungsverordnung [MAV] Art. 5).

Diese Bildung wird heute immer wichtiger, weil zunehmend Ärzte, Juristen, Theologen, Naturwissenschaftler und Ökonomen einander nicht mehr verstehen. Der «reife» Weitblick wird in der Ausbildung dem analytisch «zielgerichteten», digitalisierten Denken untergeordnet. Der Arzt, der sich um kranke Menschen kümmern muss, wird ökonomisch zum Leistungserbringer für Kunden einer ­Sozialversicherung degradiert. Entspricht dies dem Wunsch oder der Würde eines Pa­tienten? Wollen Patienten Kunden sein, nur Medizin konsumieren?

Der Mensch denkt analog, in Bildern, auch wenn dazu digitale Techniken nützlich sind, z.B. zum Finden vieler Details in vielen Bildern. Aber einzelne Pixel, sogar Algorithmen sind ohne Zusammenhänge «sinnlos». Selbst in abstrakten Gebieten wie z.B. der Genetik ist immer der Phänotyp, der einzelne Mensch in seinem Umfeld (Epigenetik) massgebend. Algorithmen sind letztlich eine technologische Methodik.

Für die medizinische Forschung ist die Beobachtung wegweisend. Auch heute kann (und sollte eigentlich) noch jeder Arzt über sein Sehen, Hören und Hinterfragen das Wesentliche erkennen. Landärzte hatten viele relevante Erkenntnisse induziert, z.B. Pockenimpfung, Jod und Kochsalz. Dies bleibt die nachhaltigste Methodik. Dazu braucht es keine patent­orientierte Campusforschungen dank sehr reicher Sponsoren, primär nicht einmal eine Ethik-Kommission. Will man Beobachtungen verifizieren, z.B. über Serologien, wird es heute sofort prohibitiv kompliziert. Die heutigen Regelungen verbieten sogar ein Sponsoring der Open-Access-Kosten bei einer Publikation: eine ungelöste perverse wissenschaftliche ­Informationslogistik.

Die Forschung ist heute universitär institutionalisiert und verunmöglicht die individuelle Forschung. Auf dem Gebiet der Umweltmedizin muss dies nicht so sein. Die häufigsten Umwelterkrankungen heute sind Allergien. Mit blossem Auge sind Allergene und deren Quellen erkennbar. Die Beobachtungen sind nachhaltig: Man soll nicht unnötig Allergene pflanzen im Park, an der Strasse.

Der Patient soll aber seine Allergene unter Mithilfe seines Arztes erkennen, selbst beobachten.

Eine individuelle Forschung ist so einfach. ­Voraussetzung dazu ist allerdings eine gute interfakultäre Bildung, Vernetzung, Zeit und Ausdauer.

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