Horizonte

Henri Bounameaux, seit 1. Mai neuer Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW

«Abstand ist das Gebot der Stunde»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18834
Veröffentlichung: 06.05.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(1920):658-660

Daniel Lüthi

Freier Journalist und Fotograf, Medientrainer, Bern

Er wird Präsident in Zeiten einer Pandemie: Wer hätte das gedacht, als er im vergangenen November gewählt wurde?! Und jetzt, kurz vor Amtsantritt, macht das neuartige Coronavirus, das die Welt terrorisiert, auch dieses Gespräch zu einer Begegnung der besonderen Art. Voraussetzung sei, schrieb Henri Bounameaux im Vorfeld, dass wir beide symptomfrei seien. Einer seiner ersten Sätze dann: «Abstand ist das Gebot der Stunde. Das ist zurzeit, nebst regelmässigem Händewaschen, fast das Einzige, was nützt.»

fullscreen

Die persönliche Betroffenheit

Ein Arzt, der «Abstand halten» als Maxime verkündet: Wer hätte das vor ein paar Wochen noch als selbst­verständlich hingenommen? Unser Gespräch wird verschiedene Aspekte dieser Maxime offenbaren.

Die persönliche Betroffenheit steht am Anfang: ein ­Corona-Fall in der eigenen Familie. Und für Henri Bounameaux die Frage, wann er seine Grosskinder wieder sehen kann. Natürlich, das weiss gerade ein Mediziner: «Wir müssen immer mit dem Risiko leben, krank zu werden. Und je älter man wird, desto näher kommt das Ende.» Bloss, und da kennt Bounameaux die Hintergründe besonders gut: «Mit einer Corona-Infektion, eine­r viralen Pneumonie, möchte ich nicht auf der ­Intensivstation eines Spitals landen.»

Unsere Sitzordnung ist geklärt, wir haben mit genügend Distanz Platz genommen. Auseinanderrücken ist angesagt, trotz des geforderten Zusammenrückens in der Krise. Dem Automatismus, uns die Hände zu reichen, haben wir bewusst widerstanden. Vom persön­lichen Abstand aus gehen wir einen Schritt weiter. Praktisch nahtlos kommen wir zu einem von Bounameaux’ Schwerpunktthemen: «Viele haben Angst vor dem Virus – und werden sich gegen die normale saisonale Grippe trotzdem nicht impfen lassen. Dabei sterben daran allein in der Schweiz jährlich zwischen 8000 und 10 000 Menschen.» Jetzt ist der sonst eher zurückhaltende, distinguierte Monsieur fast ein wenig ausser sich: «Impfen ist einer der grössten Fortschritte der Medizin. Sich dagegen aufzulehnen, ist ein Unsinn.» Das habe mit einem wissenschaftsfeindlichen Klima zu tun, gegen das er sich in seiner neuen Funktion wehren wolle: «Sogar studierte Leute wie Ärzte oder Pflegende sind zum Teil so individualisiert, dass sie an die Kontamination der anderen nicht denken.» Von Leuten, die von Impfungen Abstand nehmen, distanziert sich der neue SAMW-Präsident also klar.

Abstand zu einem Verbot

Ähnlich ist seine Haltung bei einem weiteren inhalt­lichen Schwerpunkt, den er in seiner Amtszeit setzen will: Wer Tierversuche grundsätzlich bekämpfe, wende sich gegen die wissenschaftliche Forschung und damit den medizinischen Fortschritt, sagt Bounameaux. «Ich bin kein Tierfeind – aber man soll die ersten Experimente nicht an Menschen machen.» Natürlich müsse jeder Versuch gerechtfertigt und auch mit ethischen Richtlinien klar geregelt sein, aber: «Ein Verbot von Tierversuchen wäre völlig falsch.»

Mit Tieren übrigens erholt sich Henri Bounameaux am liebsten. «Ich bin Reiter», erzählt er, etwa viermal pro Woche mache er mit seinem französischen Halbblüter einen Ausritt, seine Tochter und eine seiner Enkelinnen ist aktiv im «Concours complet» in den Diszi­plinen Dressur, Springen und Cross. Pferde hätten in seiner Familie immer eine Rolle gespielt, betont Bounameaux.

Ja, die Familie. Die Ehefrau und die beiden Töchter: Sie seien neben all seinen beruflichen Engagements wahrscheinlich zu kurz gekommen, sagt der pensionierte und doch nach wie vor so aktive Professor; wenn er zurückblickend etwas bedaure, dann das. Jetzt könne er alles etwas ruhiger nehmen, müsse sich nicht mehr mit jeder Kleinigkeit beschäftigen. Und da ist wieder dieser Begriff: «Jetzt kann ich Abstand nehmen.»

Zur Person

Prof. Dr. med. Henri Bounameaux wurde 1953 in Lüttich, Belgien, geboren. Die ersten Schuljahre absolvierte er in Lubumbashi, im Süden der heutigen Demokratischen Republik Kongo, wo sein Vater als Arzt und Medizinprofessor arbeitete. Im Alter von 14 Jahren kam er nach Basel, wo er dann auch Medizin studierte. Nach dem Staatsexamen 1978 spezialisierte er sich auf Innere Medizin und Angiologie. 1993 bis 2015 war er am Universitätsspital Genf HUG Chefarzt der neugeschaffenen Abteilung für Angiologie und Hämostaseologie. 2002 wurde er zum Ordinarius ernannt und Vorsteher des Departementes Innere Medizin. 2011 bis 2019 war er in Genf Dekan der medizi­nischen Fakultät und am HUG Direktor Lehre und Forschung. Im November 2019 wurde er zum neuen Präsidenten der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW ­gewählt. Am 1. Mai hat er dieses Amt angetreten. Henri Bounameaux ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und sechsfacher Grossvater. Er lebt in Satigny bei Genf.

fullscreen

Von Privilegien Abstand nehmen

Gleichzeitig muss er sich in seinem neuen Amt wieder neu engagieren. «Viele meiner Kollegen, die in Pension gehen, eröffnen eine Privatpraxis», sinniert Bounameaux, «ich hätte das feu sacré nicht mehr, individuelle Patienten zu behandeln. Das habe ich 40 Jahre lang gemacht.» Jetzt wolle er Brücken bauen, zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft beispielsweise. Und zwischen der Ärzteschaft und anderen Disziplinen im Gesundheitswesen: «Wir müssen Privilegien abschaffen.» Die Ärztinnen und Ärzte seien ohnehin überlastet, delegieren an andere Fachleute sei angesagt. «Um den Fuss eines Diabetikers zu beurteilen, muss man nicht zehn bis fünfzehn Jahre lang Medizin studiert haben», ist Bounameaux überzeugt. Ob er hierzulande das kubanische System einführen wolle, sei er in diesem Zusammenhang auch schon gefragt worden, fügt er schmunzelnd bei. Seine Antwort: «So schnell geht das nicht.»

Aber mit Fingerspitzengefühl wolle er gegen unnütze medizinische Tätigkeiten und gegen einen gewissen Merkantilismus in der Ärzteschaft vorgehen. Zum Beispiel: «In Genf gibt es 40 MRI-Apparate. Braucht es wirklich einen 41sten?» Wir müssten uns mehr dem holländischen oder dem skandinavischen Modell annähern, sagt Bounameaux, «die Spezialisten sind im Spital, in der Gesellschaft die Grundversorger, die ­Allgemeinmediziner. Das funktioniert und kostet ­weniger.» Grundsätzlich stehe für ihn nicht das Ein­kommen des Einzelnen im Vordergrund, sondern die Verteilung, «und diese müssen wir auf lange Sicht ­ändern».

Wichtig sei auch, dass in der Schweiz junge Ärztinnen und Ärzte dazu motiviert würden zu forschen – und dafür auch entschädigt würden. «50 Prozent soll das Spital für die klinische Tätigkeit bezahlen, 50 Prozent die Universität für die Forschung.» Und hier müsse auch die SAMW investieren: «Die Akademie muss Experimente unterstützen und mithelfen, Finanzierungen dafür zu finden.»

Der Abstand vom Tagesgeschehen

Die Akademie ist eine übergeordnete Instanz, eine ­Referenz. Deshalb müsse er als SAMW-Präsident zur Tagesaktualität immer wieder Abstand gewinnen, müsse er alles von weiter weg, in einem grösseren Kontext betrachten, ist Bounameaux überzeugt. Womit wir wieder beim dominierenden Stichwort dieser Begegnung sind – und bei der aktuellen Pandemie und ihren möglichen Folgen. Übergeordnete, medizin-ethische Fragestellungen sind ein Grundpfeiler der SAMW. Also: Wie sieht es im Zusammenhang mit der Corona-Krise mit der Stigmatisierung von gesellschaftlichen Gruppen aus, die ohnehin schon stigmatisiert sind? Beschleunigt diese Ausnahmesituation den Egoismus jedes Einzelnen und die Segmentierung einer ohnehin schon sehr individualistischen Gesellschaft? Und damit die Vereinsamung von immer mehr Menschen? «Gute Fragen», antwortet Henri Bounameaux.

«Ich habe mir bereits überlegt, mit dem SAMW-Vorstand eine Klausur dazu zu veranstalten, etwa unter dem ­Titel ‘Epidemien und ihre ethischen Aspekte’.»

Vorderhand geht es auch bei ihm um Handfesteres. Um die Erleichterung zum Beispiel über den Umstand, dass es im Zug wenig Reisende hat und das «Social Distancing» damit problemlos möglich ist. Oder um die Notwendigkeit, möglichst rasch einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus zu haben.

Und irgendwann wieder die Umarmung

Dass antivirale Wirkstoffe für Medikamente und Impfungen zu wenig gut entwickelt seien, habe er als Dekan des Universitätsspitals Genf bereits 2015 nach der Ebola-Krise festgestellt, sagt Henri Bounameaux. Deshalb habe er ein entsprechendes Zentrum mit einer ­eigenen Professur initiiert. Überhaupt sei die Bedrohung der Welt durch bisher unbekannte Viren nicht neu: Im Mittelalter habe es die Pest gegeben, nach dem Ersten Weltkrieg die sogenannte Spanische Grippe. Er hält kurz inne und macht schmunzelnd die Bemerkung: «Die ‘Spanische’ Grippe kam mit US-Soldaten aus Amerika – vielleicht sollten wir Herrn Trump heute daran erinnern.» Zur aktuellen Pandemie wagt der ­Medizinprofessor Mitte März nur eine vage Prognose: «Sie wird in den kommenden Wochen einen Gipfel ­erreichen – und sie wird wieder verschwinden. Ich glaube also nicht, dass ich meine Enkelkinder nie mehr werde umarmen können.»

Credits

Fotos: Daniel Lüthi

Korrespondenzadresse

dl[at]dlkommunikation.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close