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In memoriam Norbert Gschwend (1925–2020)

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19001
Veröffentlichung: 01.07.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(2728):837

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Am 22. März 2020 hat uns mit Profes­sor Norbert Gschwend eine gros­se Persönlichkeit der Orthopädie und Handchirurgie verlassen. Mit seinem unglaublich offenen Geist hat Norbert Gschwend eine ganze Epoche der chirurgischen Disziplin mitgestaltet. Und mit seinem schier unstillbaren Wissensdurst, seiner charismatischen Art, dieses Wissen zu vermitteln, und seiner Empathie, die Erkenntnis in den Dienst der ­Patienten zu stellen, hat er eine ganze Generation von Orthopäden und Handchirurgen geprägt.

Im Jahr 1969, als der Kunstgelenk­ersatz noch in den Kinderschuhen steckte, war Norbert Gschwend weltweit der erste Handchirurg, der ein 2-Komponenten-Kunstgelenk in ein durch die Rheumaerkrankung komplett zerstörtes Handgelenk eingesetzt hat. Zusammen mit seinem medizinischen Partner Professor Dr. Heiner Scheier und dem Ingenieur André Bähler hat er an verschie­denen Kunstgelenklösungen gearbeitet. Unter dem ­Namen «GSB» wurden neben dem Hand­gelenk auch schmerzhaft zerstörte Kniegelenke und Ellbogen in ganz Europa mit ihren Implantaten ­ersetzt.

Im Alter von 37 Jahren hat Norbert Gschwend die Schulthess Klinik im Kreis 8 in Zürich übernommen. Damals war die Klinik eine kaum beachtete, kleine Institution mit einem Arzt, zwei Pflegenden und wenigen Betten. Man war vor allem auf konservative Lang­zeitbehandlungen am Bewegungsapparat spezialisiert. Patienten waren vor allem Kinder, die Gehschwierigkeiten hatten, unter Wirbelsäulenverkrümmungen, Geburtsgebrechen an der Hüfte oder den Folgen der damals noch aktiven Poliomyelitis litten.

Nach einer intensiven und harten Anfangszeit, in der die Klinik bisweilen kurz vor dem Bankrott stand, hat Norbert Gschwend die Schulthess Klinik zu einer weltweit anerkannten Institution für die Behandlung von orthopädischen Leiden gemacht. Besonders am Herzen lagen ihm die Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis, damals noch Polyarthritis genannt, die man in jener Zeit mit Medikamenten kaum kontrollieren konnte. Die Folge waren Gelenkzerstörungen in einem Ausmass, das für viele Betroffene die Invalidität bedeutete. Einige Patienten waren immobil im Bett und vollständig auf externe Pflege angewiesen, unfähig, selbständig zu essen. Vielen dieser Menschen konnte Norbert Gschwend ein zweites Leben schenken und ­ihnen eine gewisse Mobilität und vor allem Unabhängigkeit zurückgeben.

Norbert Gschwend war immer daran gelegen, sein ­medizinisches Tun so zu dokumentieren, dass er auch selbst immer dazugelernt hat. Er hat Qualitätsiniti­a­tiven in Gang gesetzt, zu einer Zeit, in der noch niemand diesen Begriff in der Medizin überhaupt systematisch verwendet hatte. Er legte zudem grossen Wert darauf, den internationalen Austausch zu pflegen und immer von den Besten zu lernen. Und er war Mitbegründer vieler orthopädischer und handchirurgischer Fachgesellschaften im In- und Ausland. Gerade in der Rheumachirurgie war er ein europäisches Aushängeschild, an dem sich viele Kollegen und Kliniken orientiert haben.

Der Umgang im Team war geprägt von gegenseitiger Wertschätzung und Offenheit. Selbst die Meinung junger Assistenten war gefragt und wurde respektiert. Die Fortschritte in der Rheumachirurgie sind auch seiner Initiative zu verdanken, alle betreuenden Personen in den Behandlungsplan einzubeziehen. Er war einer der Ersten in der Schweiz, die konsequent den Austausch mit den nicht operativ tätigen Rheumatologen gesucht und auch gefunden haben.

Bei Norbert Gschwend stand aber immer der Patient im Mittelpunkt, und Ziel seiner schier unerschöpf­lichen Schaffenskraft war die stetige Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten in seinem Fachgebiet. Viele nationale und internationale Ehrungen und Preise zeugen davon.

Im Jahr 2000, mit 75 Jahren, zog sich Norbert Gschwend von seiner aktiven, klinischen Tätigkeit in der Schulthess Klinik zurück. Seine bis zuletzt vorhandene ­Neugier, gepaart mit einer unglaublich breiten humanistischen Bildung, hat ihn zu einem faszinierenden Gesprächspartner gemacht.

Mit Norbert Gschwend verlieren wir einen Freund, Lehrer und Mentor, der als visionärer Arzt weit über die Grenzen von Zürich hinaus sein medizinisches Fachgebiet mitgeprägt hat.

Dr. med. Daniel Herren MHA

Chefarzt Handchirurgie, Schulthess Klinik Zürich

Korrespondenzadresse

Schulthess Klinik
kommunikation[at]kws.ch

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