Briefe / Mitteilungen

Hausarztmedizin, Palliative Care und Corona

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19028
Veröffentlichung: 01.07.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(2728):849-850

Dr. med. Hans Walter Bühler, Kandersteg

Hausarztmedizin, Palliative Care und Corona

Seit Anfang der Corona-Krise konnte ich es nie verstehen: weshalb ein solch zentralistisches Management? War da kein Platz für die Hausärzte? Das Testen: nie von Sentinella gehört? Haben wir nicht 2006 an einer nationalen Demo vor dem Bundeshaus in Bern für eine grössere Bedeutung unserer Hausarztmedizin demonstriert (?) mit der heutigen Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auf der Rednertribüne.

Wozu wurde in den letzten 15 Jahren Palliative Care landesweit ausgebaut? Es ist leider eine Tatsache, dass viele Mediziner, Spezialisten und Experten ihre liebe Mühe mit Menschen am Lebensende, auf dem Sterbebett haben, weil sie den Umgang und das Gespräch mit ihne­n nie gelernt haben. Umso mehr ist das eine Kernkompetenz von Hausärztinnen und Hausärzten und Mitarbeitenden von Palliative Care. Genau in diesem Sinn hat sich die Ex-Bundesrätin Doris Leuthard im TV klar ausgedrückt: Für ihre Mutter wäre die Intensivstation oder Beatmungsmaschine kein Thema! Unsere Eltern, unsere betagten Patienten zu Hause und in Pflegeheimen würden sich grossmehrheitlich genauso entscheiden – so man ihren Willen und ihre Auto­nomie respektiert! Viele reservierte Intensivbetten werden darum gar nicht belegt.

Dem ruhig und mit Bedacht geführten Gespräch zwischen Ärzten/Pflegenden und Pa­tienten standen die Horrorbilder aus der Lombardei und Bergamo entgegen. Bundesrat Berset gestand später freimütig im Zeitungsinterview, dass ihm während des Staatsbesuchs vom 23.2. in Rom bei Ministerpräsident Conte schlagartig bewusst wurde, welch grosse ­Corona-Welle auf die Schweiz zurollt. Diese Bilder via alle Medien haben auch unsere Köpfe und Gedanken sprichwörtlich verseucht!

«Fake» – war damals meine laute Reaktion. Meine Erfahrungen mit Spitälern, ja sogar Unispitälern in Italien und Spanien, als Begleitperson hautnah dabei, haben mir eines aufgezeigt: Das Gesundheitswesen wurde in diesen Ländern «gesund»-gespart und an die Wand gefahren. Die Pflege ist katastrophal, mit den Verhältnissen in der Schweiz nicht vergleichbar!

Bundesrat Cassis, unser oberster Arzt, hätte das als italienisch-schweizerischer Doppelbürger (der er war) besser wissen können, seine Bundesratskollegen inkl. BAG besser beraten müssen! Meine Erkenntnis: Tragen wir wieder mehr Sorge hier bei uns zu unseren Allgemeinspitälern! Kein weiterer Abbau zugunsten des profitablen Privatsektors! Kritik hintendrein ist immer einfach – heisst es. Meine Tagebucheinträge waren klar. «Massenhysterie Corona» am 29.2. und «Angst, Panik und Hysterie» am 15.3. halten zum Teil bis heute an. Nur langsam waren auch andere kritischere Stimmen hörbar. Gott sei Dank!

Als Hausärzte mit einem bio-psycho-sozialen Hintergrund hätte uns von allem Anfang an genauso klar sein müssen, dass ein wirtschaftlicher Lockdown mit seinen ökonomischen Folgen vielleicht grössere medizinische Auswirkungen hat als das Virus selbst.

Deshalb meine Forderung: In eine nationale Task Force gehören neben den viel genannten Experten Virologen, Infektiologen, Epidemiologen, Intensivmedizinern und Hygienefachleuten auch gewöhnliche Fachleute des Alltags wie Ökonomen, Historiker, Philosophen, Schriftsteller ... und Hausärzte.

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