FMH

Wie steht es um die ­Prämiensorgen in der Schweiz?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19231
Veröffentlichung: 23.09.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(39):1209-1212

Nora Willea, Jürg Schlupb

a Dr. phil., persönliche wissenschaftliche Mitarbeiterin des Präsidenten; b Dr. med., Präsident der FMH

In den Sorgenstatistiken der Schweiz liegen die Krankenkassenprämien neben Themen wie der AHV, Zuwanderung und Umweltschutz häufig auf den ersten Rängen. Doch warum betrachten mal 9% und mal 70% die Prämien als drängendstes Pro­blem? Und hängen die allgemeinen Sorgen mit der eigenen Prämienbelastung zusammen? Wir werfen einen Blick in die Zahlen.

Wenn es um die Sorgen der Schweiz geht, wird zumeist das «Sorgenbarometer» herangezogen. Diese Untersuchung erhebt seit 1988, welches in den Augen der Bevölkerung die wichtigsten Probleme sind. Seit 1993 wird auch der Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» berücksichtigt, der sich seither mal als seltenere, mal als verbreitetere Sorge erwiesen hat: Während Anfang des Jahrtausends mit 64% fast zwei Drittel der Befragten den Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» als bedeutende Sorge einstuften, hatte sich dieser Anteil zehn Jahre später auf 30% mehr als halbiert. Ab 2013 stuften für einige Jahre knapp über 20% der Befragten «Gesundheit, Krankenkassen» als wichtige Sorge ein – in den letzten beiden Jahren dann mit 41% wieder etwa doppelt so viele Personen (Abb. 1). Das jüngste – im Dezember 2019 publizierte – Sorgenbarometer platziert «das Gesundheitswesen, respektive die steigenden Prämien» darum auf dem zweiten Platz des Schweizer Sorgenrankings [1].

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Abbildung 1: Wichtigste Sorgen des Credit Suisse Sorgenbarometers 1993–2019 [1].

Die «zweitgrösste Sorge» schafft es bei der Mehrheit nicht in die Sorgen-Top-5

«Zweitgrösste Sorge» bedeutet jedoch nicht, dass viele Befragte den Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» spontan als Problem nennen. Bei einer offenen Befragung – ohne das Vorlegen einer Themenauswahl – wird als Problem am häufigsten die Altersvorsorge genannt (41%), gefolgt vom Klimawandel (31%) und Europa­fragen (30%). Auf Platz 2 der Probleme rückt der Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» erst, wenn die Befragten aus einer Themenliste «die fünf wichtigsten Probleme der Schweiz» auswählen sollen. Dann findet sich bei 47% der Befragten die Altersvorsorge in der Auswahl, bei 41% das Thema «Gesundheit, Krankenkassen» und bei 30% das Thema «Ausländer­Innen». «Zweitgrösste Sorge» bedeutet hier also, dass 41% der Bevölkerung «Gesundheit, Krankenkassen» als eines der fünf wichtigsten Probleme der Schweiz betrachten – während 59% meinen, dass dieses Thema nicht zur Top 5 der Schweizer Sorgen gehört [1].

Wiederum eine andere Platzierung ergibt sich, wenn weiter gefragt wird, welches der ausgewählten fünf Probleme «an erster Stelle gelöst» werden müsste: Hier belegt das Thema «Gesundheit, Krankenkassen» dann mit 9% der Nennungen erst den dritten Platz – deutlich nach der «AHV/Altersvorsorge» (16%) und dem «Umweltschutz/Klimawandel» (12%) [1].

Für 9% das dringendste Problem – und für 70% eines der (vielen) drängendsten Probleme

Andere Befragungen der jüngeren Zeit messen den Krankenkassenprämien als Sorge der Bevölkerung jedoch eine erheblich grössere Bedeutung zu. So zeigte die Tamedia-Nachwahlbefragung im Oktober 2019, dass «die Gesundheitskosten die grösste Sorge» seien [2]. Hier konnten die Befragten zu 20 Themen mit «Ja» oder «Nein» angeben, ob in diesem Bereich «für Sie die drängendsten Probleme» liegen. Bei den «Gesundheitskosten» bejahten dies 62% (Tab. 1), einen Monat zuvor waren es sogar 70% [3]. Die Befragten orteten in der Regel jedoch in mehreren Bereichen die «drängendsten Probleme»: Die über alle Themen zusammenaddierten Ja-Stimmen summieren sich auf 508% [2].

Tabelle 1: Frage «In welchem/-n Bereich/-en liegen für Sie die drängendsten Probleme? (Mehrfachantworten möglich)» aus der Tamedia-Nachwahlbefragung, 17.–20. Oktober 2019; n = 33 474 [2].
BereichAnteil «Ja»
Gesundheitskosten62%
Altersvorsorge/Renten59%
Klimawandel/Umweltzerstörung52%
Verhältnis zur EU42%
Migration/Zuwanderung41%
Asylwesen32%
Bildungswesen27%
Wirtschaftslage21%
Verkehrsinfrastruktur21%
Kriminalität19%
Vermögensverteilung19%
Arbeitslosigkeit18%
Islamistischer Terror18%
Miet- und Immobilienpreise18%
Sicherheit/Armee14%
Demografischer Wandel13%
Religiöser Fundamentalismus13%
Politische Lage im Ausland12%
Drogenmissbrauch4%
In einem anderen Bereich3%
Nirgends / weiss nicht1%

Ähnlich identifizierte eine andere repräsentative Umfrage des Vergleichsportals moneyland.ch die Krankenkassenprämien als «grösste Sorge» [4]. Auf einer Skala von 1 («überhaupt keine Sorgen») bis 10 («sehr grosse Sorgen») bewerteten 74% der Befragten die Krankenkassenprämien mit 7 bis 10 Punkten. Vergleichbar häufig sorgten sich die Leute um Umweltprobleme (70%), die allgemeine Altersvorsorge (66%), den Klimawandel (66%) und die AHV (65%).

Sorgen über Krankenkassenprämien und Gesundheitskosten werden folglich offenbar dann besonders deutlich, wenn verschiedene Themen einzeln bewertet werden sollen. Müssen hingegen, wie im Sorgenbarometer, Themen priorisiert werden, kommt dem Bereich «Gesundheit, Krankenkassen» ein geringeres Gewicht zu.

Ältere Menschen und Westschweizer sorgen sich mehr um Prämien und Gesundheit

Ein in allen bislang zitierten Befragungen konsistentes Ergebnis ist, dass Sorgen um den Themenbereich Gesundheit und Krankenkassen bei älteren Menschen häufiger auftreten: So fand die moneyland-Befragung, dass sich von den 18- bis 25-Jährigen 52% um die Krankenkassenprämien sorgen, von den 50- bis 74-Jährigen hingegen 82% [4]. Auch die Sprachregionen spielen eine Rolle: So sorgen sich 80% der Romands über die OKP-Prämien, bei den Deutschschweizern sind es 70%. Um die eigene Gesundheit sorgt man sich in der Westschweiz sogar deutlich häufiger (79%) als in der Deutschschweiz (45%).

Dauerhafte Probleme mit den Prämien sind nicht selten – und dennoch so selten wie noch nie

Während die bislang erwähnten Befragungen sehr allgemein nach den Sorgen der Schweiz fragen, erfasst der jährliche Gesundheitsmonitor von gfs.bern, wie stark die OKP-Prämien ganz konkret als persönliche finanzielle Belastung wahrgenommen werden. Für verschiedene Ausgabenbereiche eines Haushalts wird erfragt, ob er «ein dauerhaftes oder gelegentliches Problem» darstellt [5]. Obwohl objektiv die Steuern höhere Beträge ausmachen als die OKP-Prämien, werden letztere in der Regel häufiger als Problem eingestuft. Personen mit dauerhaften oder gelegentlichen Prämienproblemen machten Ende der 90er Jahre etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, ab 2003 sogar etwa die Hälfte. Seit 2011 sank ihr Anteil jedoch wieder stetig. Ein dauerhaftes Problem mit den Prämienzahlungen berichteten in den letzten drei Jahren nur zwischen 5 und 11% – so wenige wie noch nie (Abb. 2).

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Abbildung 2: Anteil der Bevölkerung, der die Krankenkassenprämien als dauerhaftes oder gelegentliches Problem einstuft. Ergebnisse des gfs-Gesundheitsmonitors 1997 bis 2019 [5].

Allgemeine Sorgen um die Prämien spiegeln nicht unbedingt persönliche Prämienprobleme

Die Häufigkeit persönlicher Prämienprobleme scheint mit der allgemeinen Problemwahrnehmung jedoch kaum zusammenzuhängen (Abb. 3). So berichtete zwischen 2003 und 2011 weitgehend konstant etwa die Hälfte der Befragten zumindest gelegentliche Pro­bleme mit den OKP-Prämien – und dennoch verlor im gleichen Zeitraum der Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» im Sorgenbarometer stark an Bedeutung: Die Einstufung als wichtige Sorge halbierte sich von 63 auf 30%. In den Jahren 2013 bis 2016 erreichte das Thema «Gesundheit, Krankenkassen» im Sorgenbarometer die seit 20 Jahren tiefsten Werte, obwohl gleichzeitig immer etwa 40% der Befragten zumindest gelegentliche Probleme mit den Prämienzahlungen angaben. In den Jahren 2018 und 2019 verdoppelte sich die Einstufung als wichtige Sorge im Sorgenbarometer wieder – während gleichzeitig weniger Personen eine persönliche Belastung durch die Prämien berichteten. Als im Jahr 2019 gemäss Tamedia und moneyland um die 70% die Prämien als eine der drängendsten Sorgen betrachteten, gaben gleichzeitig 65% der Befragten bei gfs.bern an, nicht einmal gelegentlich Probleme mit den Prämienzahlungen zu haben.

Prämiensorgen und Prämienentwicklung zeigen keinen klaren Zusammenhang

Auch die objektive Prämienentwicklung scheint sich nicht direkt in den Sorgenstatistiken niederzuschlagen (Abb. 3). So stieg der Anteil der Prämienausgaben am Haushaltsbudget zwischen 1998 und 2017 nahezu stetig von 4,3 auf 6,5% [6], die allgemeinen und persönlichen Prämiensorgen wuchsen jedoch nicht stetig an, sondern waren mal seltener und mal häufiger. In den Jahren 2000 und 2001, als die mittlere Prämie um 3,2 bzw. 3,6% anstieg, lag das Sorgenbarometer genauso um die 60% wie in den Folgejahren, in denen der Prämienanstieg mit bis zu 9% deutlich höher ausfiel. Im Jahr 2010, als die mittlere Prämie ebenfalls um fast 9% stieg, waren die Sorgen mit etwa 40% hingegen deutlich seltener – und gleich häufig wie im Jahr 2008, als die mittlere Prämie sogar sank. Zwar könnte man das langfristige Sinken des Sorgenbarometers als Reaktion auf tendenziell geringere Prämienanstiege interpretieren, dem widerspräche jedoch, dass die Sorgenbarometer-Werte 2018 und 2019 wieder stark stiegen.

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Abbildung 3: Prämienentwicklung und Sorgenentwicklung im Vergleich (Angaben aus [1, 5, 9, 10]).

Prämiensorgen spiegeln echte Probleme – und noch sehr viel mehr

Der Blick in die Statistiken zeigt, dass das Ausmass der Prämiensorgen nicht nur davon abhängt, wen man fragt, sondern auch davon, wonach genau man fragt. Fragt man einfach, inwieweit die OKP-Prämien Grund zur Sorge seien, identifizieren grosse Mehrheiten hier ein Problem. Müssen hingegen Themen priorisiert werden, nennen weniger Personen die Prämien als wichtige Sorge. Und: Offen nach den grössten Problemen gefragt – spielt der Themenkreis «Gesundheit, Krankenkassen» keine bedeutende Rolle.

Der Vergleich verschiedener Zeitreihen zeigt, dass die Entwicklung der Sorgenhäufigkeit nicht oder nicht allein mit der realen Prämienentwicklung erklärt werden kann. Dennoch dürften die Sorgen über die OKP-Prämien aber zumindest in Haushalten des untersten Einkommensquintils durch reale Probleme motiviert sein: In diesen Haushalten ist die Belastung durch die OKP-Prämien hoch [7] und spürbar gestiegen [6]. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass auch Menschen die Krankenkassenprämien als Sorgenthema einstufen, die mit den eigenen Prämienzahlungen keine Pro­bleme haben. Hier ist ein Einfluss der öffentlichen Diskussion zum Thema anzunehmen, die seit Jahren viele bedrohliche Metaphern wie «Prämienexplosion» und teilweise sogar falsche Behauptungen transportiert (für Beispiele siehe [6] und [8]). Selbst positive Entwicklungen werden als «Atempausen» negativ gedeutet.

Die Gesamtschau der Zahlen lässt also vermuten, dass die Sorgenstatistiken einerseits Sorgen aufgrund realer Probleme spiegeln – zusätzlich aber auch Sorgen umfassen, die durch die beunruhigende öffentliche Diskussion entstehen. Die Zahlen zeigen ausserdem, dass sich Sorgen schnell relativieren, sobald priorisiert werden muss. Dies lässt auch aufmerken, weil der Zielkonflikt zwischen niedrigen Prämien einerseits und einer gut zugänglichen, qualitativ hochstehenden Versorgung andererseits in keinem der Sorgenwerte abgebildet wird. Sorgenstatistiken bestätigen uns also lediglich, dass dieser Zielkonflikt gute Kompromisse braucht – wie diese aussehen sollten, lassen sie völlig offen.

Korrespondenzadresse

Dr. phil. Nora Wille
Nussbaumstrasse 29
Postfach 300
CH-3000 Bern 15

Literatur

 1 Golder L, et al. Credit Suisse Sorgenbarometer 2019. Aufgabe nicht erfüllt? Reformstau, Führungslosigkeit und die Erwartung einer Wirtschaftskrise hinterlassen Spuren. gfs.bern, Dezember 2019.

 2 Leeman L, et al. Tamedia-Nachwahlumfrage 2019. LeeWas GmbH und Tamedia AG, 2019.

 3 Leeman L, et al. Tamedia-Wahlumfrage 2019, 6. Welle, September 2019. LeeWas GmbH und Tamedia AG, 2019.

 4 Moneyland.ch. Die grössten Sorgen der Schweiz, Online-Artikel vom 4.9.2019; URL: https://www.moneyland.ch/de/sorgen-barometer-schweiz-2019

 5 Bieri U, et al. Das Wichtigste in Kürze zum Gesundheitsmonitor 2019. Qualität vor Kosten, sinkende Bereitschaft zu Verzicht. gfs.bern. Interpharma, 2019, Basel.

 6 Wille N, Schlup J. Prämienbelastung der Schweizer Haushalte – die aktuellsten Zahlen. Wie entwickelt sich die Prämienbelastung der Haushalte? Schweiz Ärzteztg. 2020;101(38):1175–80.

 7 Wille N, Schlup J. Prämienbelastung der Schweizer Haushalte – die aktuellsten Zahlen des BFS. Was geben Schweizer Haushalte für die Prämien aus? Schweiz Ärzteztg. 2020;101(36):1057–60.

 8 Wille N, Schlup J. Prämienbelastung der Schweizer Haushalte – ein Faktencheck. Schweizer Krankenkassenprämien: Wer zahlt wie viel? Schweiz Ärzteztg. 2019;100(37):1212–5.

 9 Haushaltseinkommen und -ausgaben sämtlicher Haushalte nach Jahr, T20.02.01.00.01; bzw. Entwicklung der Haushaltseinkommen und -ausgaben, T20.2.1.1; https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/einkommen-verbrauch-vermoegen/haushaltsbudget.assetdetail.10867220.html

10 Bundesamt für Gesundheit, T 1.01 Obligatorische Krankenpflegeversicherung ab 1996: wichtigste Indikatoren; URL: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/statistiken-zur-krankenversicherung/statistik-der-obligatorischen-krankenversicherung.html

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