Zu guter Letzt

Auf die Sorgen von Jung und Alt eingehen

Über ­Interdependenzen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19323
Veröffentlichung: 11.11.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(46):1554

Jean Martin

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Das ohnehin stetig wachsende Problem globaler Ungleichgewichte wird durch die Covid-19-Pandemie noch verschärft. Ein Begleitphänomen dieser Entwicklung besteht darin, dass ein Teil der Bevölkerung lieber die Augen davor verschliesst und denjenigen Gehör schenkt, die die Problematik leugnen. In Nord- und Südamerika nimmt die Fahrlässigkeit mitunter ungeahnte Ausmasse an: Zum Teil ist es verboten, die nachgewiesenen wissenschaftlichen Fakten zur Sprache zu bringen, auch in den Schulen. Wie sollen Kinder so auf die Zukunft vorbereitet werden?

Der Generaldirektor des Spitals Wallis, der Psychiater Eric Bonvin, verweist auf unseren Lebensstil: «Wir zerstören das Ökosystem und intensivieren, kurz bevor wir sie ausrotten, noch den Kontakt zu Wildtieren, die eine grosse Anahl an Viren beherbergen. Und dazu reisen wir wie verrückt durch die ganze Welt. Wir müssen in Einklang mit unserer Umwelt leben, statt sie auf fast schon selbstmörderische Weise kaputtzumachen» [1].

Es gibt vielerlei Möglichkeiten, auf die Herausforderungen zu reagieren. Dies kann auf persönlicher, gemeinschaftlicher oder Vereinsebene stattfinden: Zurückhaltende Menschen werden vielleicht eher ihren Lebensstil umstellen, andere werden in bissigerer Form aktiv, wie die «Doctors for XR», die Ende September auf dem Bundesplatz Präsenz gezeigt haben.

Ein recht neues Forschungsgebiet, die Ökopsychologie, stützt sich auf die Arbeit der Amerikanerin Joanna Macy (*1929), insbesondere auf ihre Bücher und Workshops über «Arbeit, die wieder Verbindung schafft». So sagt der Ökopsychologe Nikola Sanz: «Öko-Angst ist bei Menschen zu beobachten, denen klar ist, dass sie ­etwas tun sollten, die aber nicht wissen, womit oder wo sie beginnen können» [2]. Ein anderer Experte, Michel Egger, verwendet das Bild der «Kompostierung», einen positiven Prozess, durch den scheinbar negative Emo­tionen zu einer Art Dünger werden können, der die Handlungsfähigkeit stärkt und Ängste abwehrt.

Manche Stimmen beklagen die unsichere Faktenlage im Umgang mit Covid-19 sowie in Fragen des Klimas. Das ist korrekt, aber mit diesen Unsicherheiten müssen wir einfach leben. Andere sehen ihre Aufgabe ­darin, Zweifel zu säen. «Die Demokratien wissen noch nicht wirklich, wie sie auf soziale Netzwerke und die Verbreitung von Informationen reagieren sollen. Es entstehen Systeme der Wissenschafts- und Realitätsverweigerung, bei denen noch nicht klar ist, wie mit ihnen umgegangen werden soll» [3].

«Besonders empfänglich für die Öko-Angst zeigen sich junge Menschen, die sehr viel in sozialen Netzwerken unterwegs sind und dort auf furchterregende Videos stossen», so Egger. Aber: Öko-Angst oder die Sorge um das Klima ist letztlich eine normale Reaktion auf die Bedrohungen, die für die Biosphäre und unsere Zukunft bestehen. Die Öko-Ängstlichen sind besorgte ­Realisten, keine kranken Menschen. Angesichts eines ernsthaft gestörten Systems verunsichert zu sein ist eher ein Zeichen von Gesundheit.

Damit wir in Zukunft besser handeln können, müssen wir alle uns dringend der Interdependenzen bewusst werden, die unser Leben bestimmen. Alles Leben ist geprägt von Beziehungen, Zusammenarbeit und manchmal von Konkurrenz – aber das Ziel sollte in jedem Fall ein friedliches Zusammenleben sein. Der Mensch ist kein von der Natur unabhängiges oder ihr überlegenes Wesen; er ist Teil der Natur, untrennbar mit ihr verbunden. «Es ist an der Zeit, dass wir demütig wieder zu der Einsicht gelangen, ein Teil der Natur zu sein» (Koller).

Das Motto sollte demnach lauten: Interdependenzen ­berücksichtigen, pflegen und im Gleichgewicht halten. «Covid-19 hat unser kaputtes Verhältnis zur Umwelt sichtbar gemacht» [3]. Ab sofort muss für sämtliche Wirtschaftsabläufe eine systematische Bewertung der Externalitäten erfolgen, d.h. eine sorgfältige Untersuchung der potenziell schädlichen Auswirkungen aller Aktivitäten, u.a. in Industrie, Landwirtschaft und Tourismus. Die Ältesten unter uns haben in einer Welt gelebt, die entsprechende Exzesse perfekt ignoriert hat. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sollte aufgegeben werden, weil im produzierten «Reichtum» alle notwendigen Massnahmen zur Eindämmung der Umweltverschmutzung und sonstiger durch unsere Aktivitäten verursachten Schäden mit einfliessen. Ärztinnen und Ärzte und ­andere An­gehörige der Gesundheitsberufe müssen ihre Stimme erheben. Es gibt natürlich nicht nur einen Weg zum Ziel, aber unser Engagement ist unverzichtbar.

Korrespondenzadresse

jean.martin[at]saez.ch

Literatur

1 Bonvin E, Revue médicale suisse, 1.7.2020, 16, 1322–5.

2 Einige der genannten Informationen stammen aus dem Migros-­Magazin vom 29.6.2020, 36–41, mit Beiträgen der Umweltschützerin ­Sarah Koller und der Umweltpsychologen Michel Egger und ­Nikola Sanz.

3 Interview von B. Kiefer, Le Temps (Lausanne), 30.9.2020, 4.

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