FMH

Yvonne Gilli, neue Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärtzinnen und Ärzte

«Als Frau in einer Führungsposition bin ich in einer Vorbildfunktion»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19411
Veröffentlichung: 02.12.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(49):1638-1640

Das Interview führte: Julia Rippstein

Yvonne Gilli wurde am 28. Oktober 2020 als neue FMH-Präsidentin gewählt. Somit ist sie die erste Frau, welche die Spitze des Ärztinnen- und Ärzteverbands übernimmt. Im Interview mit der SÄZ erzählt Yvonne Gilli, wie sie Karrieren von Frauen in der Medizin fördern möchte und wo sie die wichtigsten Handlungsfelder während ihrer Legislatur sieht.

Zur Person

Yvonne Gilli (1957) ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und ursprünglich Pflegefachfrau. Sie führte bisher eine Praxis mit den Schwerpunkten Komplementärmedizin und Gynäkologie in Wil (SG). Zwischen 2007 und 2015 war Yvonne Gilli Nationalrätin der Grünen Partei und Mitglied der Gesundheitskommission. Seit 2016 ist sie Mitglied im Zentralvorstand der FMH und dort zuständig für das Departement ­Digitalisierung/eHealth. Yvonne Gilli ist geschieden und hat drei Kinder.

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Yvonne Gilli: «Es ist gut zu wissen, dass ich im politischen Gegenwind auf diese ­Unterstützung zählen darf.»

Frau Gilli, es ist nun ein Monat her, dass Sie zur ­FMH-Präsidentin gewählt wurden: Was hat die Wahl bei Ihnen ausgelöst?

Freude und Dankbarkeit für das Vertrauen, das mir die Delegierten der Ärztekammer sowie auch meine Kollegen und meine neue Kollegin im Zentralvorstand entgegengebracht haben. Mit den Gesprächen und Vor­bereitungen für die Übergabe des Präsidiums wächst das Gefühl für die Verantwortung. Dieses ist nicht ­unbeschwert und macht mich auch bescheiden. Erfolge werden wir nur kollektiv und gemeinsam erreichen können. Es braucht ein starkes Kollegium im ­Zentralvorstand, Expertenwissen in den Abteilungen und engagierte Kolleginnen und Kollegen in den Mitgliederorganisationen.

Sie wurden mit 123 von 163 Stimmen gewählt. Hatte Sie dieses klare Ergebnis überrascht?

Ja, dieses starke Resultat hat mich überrascht. Es ist gut zu wissen, dass ich im politischen Gegenwind auf diese Unterstützung zählen darf. Den Interessen der Delegierten als repräsentative Vertretung der Ärzteschaft in der Schweiz werde ich in den kommenden vier Jahren zusammen mit dem Zentralvorstand verpflichtet sein.

Wann werden Sie Ihr Amt offiziell antreten, und wie erfolgt die Übergabe zwischen Ihnen und dem aktuellen Präsidenten Jürg Schlup?

Ich werde das Amt am 1. Februar antreten. In der Zwischenzeit arbeite ich wie gewohnt als Mitglied des Zentralvorstandes weiter, so dass die Einführung in die neue Funktion in gegenseitiger Absprache Schritt für Schritt sorgfältig erfolgen kann.

Sie übernehmen das Präsidium der FMH zu einem Zeitpunkt, in dem ganz Europa besonders stark von der zweiten Covid-19-Welle betroffen ist. Welche Botschaft möchten Sie vor diesem Hintergrund an die Ärzteschaft und die Bevölkerung richten?

Es braucht uns alle, die Bevölkerung und die Ärzteschaft in enger Zusammenarbeit mit weiteren Gesundheitsfachpersonen, um diese Pandemie bewältigen zu können. Stützen wir uns dabei auf die offiziellen Informationsstellen wie das Bundesamt für Gesundheit und stellen wir zugunsten eines gemeinsamen Vor­gehens unsere individuellen Befindlichkeiten etwas zurück. Die Lage ist zu ernst, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen.

Wie werden Sie sich als Frau, Mutter von drei Kindern, «höchste Ärztin der Schweiz» und ehemalige ­Politi­kerin dafür einsetzen, Karrieren von Frauen in der Medizin zu fördern?

Als Frau in einer Führungsposition bin ich zusammen mit anderen Wegbereiterinnen in einer Vorbildfunktion und setze mich im Rahmen meiner Kompetenzen dafür ein, dass systemische Hindernisse für Frauenkarrieren beseitigt werden. Dazu gehört die frühe ­Förderung des Interesses an Naturwissenschaften. Wichtig sind weiter Arbeitsbedingungen, welche es erlauben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. In weit grösseren Dimensionen hat das Kamala Harris, die gewählte Vizepräsidentin der USA, in einem Satz zusammengefasst: «Ich bin die erste Frau in dieser ­Position, aber ich werde nicht die letzte sein.»

Die meisten Medizinabsolventen sind inzwischen Frauen, doch Führungspositionen werden nach wie vor überwiegend von Männern besetzt – was sich auch im FMH-Zentralvorstand widerspiegelt. Wie fühlt es sich an, die erste Frau zu sein, die die Verbindung der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz führt?

Es ist ein Gefühl der Gewissheit, dass es heute möglich ist. Im Zentralvorstand arbeiten heute zwei Frauen! Das ist eine Steigerung um 100%. In Zukunft wird der Frauenanteil im ZV weiter steigen. Im Übrigen denke ich, dass die Entwicklung zu mehr Gendergerechtigkeit eine gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern ist. Auch die jungen Ärzte haben heute das Bedürfnis nach einer guten Balance zwischen Familie, Privatleben und Beruf.

Sie waren acht Jahre lang Nationalrätin: Wie ­werden Ihre politischen Erfahrungen Ihre Tätigkeit bei der FMH beeinflussen?

Diese Erfahrung ist mir wichtig. Es ist ein grosser ­Vorteil, die Kultur unter der Bundeshauskuppel zu verstehen. Mit vielen aktiven Politikerinnen im National- und Ständerat sowie auch im jetzigen Bundesrat habe ich direkt zusammengearbeitet. Durch die Möglichkeit, während der letzten vier Jahre auch die behörd­liche Arbeit in Arbeits- und Expertengruppen zu unterstützen, hat sich mein Horizont nochmals erweitert. In einem gewissen Sinn ist die politische Sprache eine ­kodierte Sprache. Man muss zwischen den Zeilen lesen können. Und in einem sogenannten «Haifischbecken» ist es für alle Beteiligten wichtig zu wissen, wem man vertrauen kann.

Sie gehören seit Jahren der Grünen Partei an. Wird künftig auch die Ökologie eine wichtige Rolle in der Standespolitik der FMH spielen?

Unabhängig von der Parteipolitik wird die Ökologie in unserem Leben eine immer wichtigere Rolle spielen. Es gibt gewichtige Mitgliedorganisationen wie den Verein der Schweizerischen Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO, die sich aktiv dieser Aufgabe annehmen. Und es gibt im Ausland bereits Spitäler, die sich mit betrieblichen Massnahmen profilieren, die auch die Umwelt schonen. Das kann auch ökonomische Ersparnisse bewirken.

Als Mitglied des FMH-Zentralvorstandes haben Sie sich bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen, insbesondere bei der Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD), einen Namen gemacht. Wie können Sie dem EPD zum erfolgreichen Durchbruch verhelfen?

Einem guten Produkt muss ich nicht zum Durchbruch verhelfen. Gern leistet die Ärzteschaft ihren Beitrag dazu, dass das elektronische Patientendossier nicht nur ein Archiv für Patientenakten wird, sondern auch als Arbeitsinstrument im Berufsalltag die Qualität der Behandlung unterstützt. Um dies zu ermöglichen, müssen die politischen Verantwortlichen zuerst noch merken, dass es unabdingbar ist, die Ärzteschaft in ihre strategischen und operativen Führungsgremien aufzunehmen.

Wo sehen Sie die grössten politischen Herausforderungen in der kommenden Legislaturperiode?

In der täglichen Arbeit erfahren wir, wie politische Rahmenbedingungen sich direkt auf die Qualität der medizinischen Versorgung und auf die berufliche ­Zufriedenheit auswirken. Heute besteht die Gefahr, dass aus einer rein ökonomischen und kurzsichtigen Perspektive heraus Fehlanreize geschaffen werden. Dazu gehört zum Beispiel das Globalbudget. Unter dem verharmlosenden Titel von Zielvorgaben oder de­gressiven Tarifen verschlechtert diese Massnahme die ­Patientenversorgung und rationiert die medizinischen Leistungen gerade für die schwächsten Patienten mit Mehrfacherkrankungen und komplexen Krankheitsbildern. Solche unüberlegten Massnahmen müssen wir verhindern und aufzeigen, welchen Beitrag die Ärzteschaft leisten kann, damit die Gesundheitsversorgung gut und bezahlbar bleibt. Ein Beispiel dafür ist die Tarifpartnerschaft, welche TARDOC geschaffen hat. Als weiteres Beispiel können wir die einheitliche Finanzierung nennen, welche Fehlanreize zwischen stationären und ambulanten Behandlungen beseitigt.

Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Heraus­forderungen der kommenden Jahre einerseits für den Arztberuf und die medizinische Versorgung in der Schweiz andererseits?

Der Arztberuf hat eine grosse gesellschaftliche Be­deutung, weil Gesundheit und Krankheit uns alle existentiell betreffen. Gesellschaftliche Veränderungen werden deshalb das Arztbild mitprägen. Wichtige Herausforderungen sind die zunehmende gesellschaft­liche und politische Polarisierung, welche im Zusammenhang mit Alter und Multikulturalität auch die solidarische Finanzierung der Gesundheitsversorgung bedroht. Unmittelbar auf die Ärzteschaft bezogen werden uns die Feminisierung des Berufes, der Fachkräftemangel und die politische Übersteuerung beschäftigen. Um diese Herausforderungen anzugehen, müssen wir uns dafür einsetzen, dass Ärztinnen und Ärzte auch in Zukunft in selbstbestimmten und freiberuf­lichen Arbeitsmodellen unter zeitgemässen Arbeits­bedingungen praktizieren können.

Korrespondenzadresse

julia.rippstein[at]emh.ch

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