FMH

Datenaufbereitung und Medizin­informatik – wie weiter?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19451
Veröffentlichung: 09.12.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(50):1673

Yvonne Gilli

Dr. med., Departementsverantwortliche Digitalisierung/E-Health

Diesen Sommer hat das BAG einen Expertenbericht zur Umsetzung des Epidemiengesetzes in Auftrag gegeben. In puncto Meldepflicht kommt der Bericht zum Schluss, dass der Rückstand des digitalisierten Meldens auf die vom BAG selbst gesetzten Ziele so gross ist, dass von einem eigentlichen Vollzugsrückstand ­gesprochen werden kann [1]. Dem BAG wird empfohlen, die Rolle der Wissenschaft und deren Studien im Zusammenhang mit dem Vollzug zum Epidemiengesetz zu klären. Hierin ist unter anderem die Weitergabe von Daten an Dritte oder sind die Daten von Laboratorien zu verstehen.

Anfang November konnte man in den Medien ­lesen, dass der Bund die Digitalisierung schon seit 15 Jahren verschleppt [2]. Zwar hat das BAG die Möglichkeit vorgesehen, Covid-Fälle «digital» zu melden, jedoch hat sich diese im klinischen Alltag als viel zu umständlich und unpraktikabel erwiesen, weswegen viele Kolleginnen und Kollegen resignierten. Auch gäbe es gemäss dem Expertenbericht Zweifel an der ­Datenqualität, welche eine grundlegende Voraussetzung für eine valide Weiterverwendung dieser Daten für die Forschung darstellt.

Wie aufwendig die Aufbereitung von Daten ist, führt uns unser nördliches Nachbarland mit seiner Medizin-Informatik-Initiative [3] vor Augen. Im Teilprojekt MIRACUM [4] wurden retrospektive Daten (2004–2016) von 3 Millionen Patienten mit mehr als 70 Millionen empirischen Datenpunkten aus bildgebender Diagnostik, genetischen und molekularen Befunden analysiert. Ziel davon ist beispielsweise, an Tumorboards optimale Therapieoptionen anzubieten und wirkungsvoller behandeln zu können. Die Aufbereitung und Auswertung der Daten geschieht in Datenkompetenzzentren der zehn angeschlossenen Universitätsspitäler, die einem gemeinsamen Qualitätsrahmenwerk und einer Daten-Governance unterliegen. Selbstredend bedarf es bei dieser Datenmenge Verfahren aus dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz und dem Natural Language Processing, um die komplexen, heterogenen und meist nicht-standardisierten klinischen Daten aus der Routine überhaupt nutzbar aufzuarbeiten.

In Deutschland fördert die Medizin-Informatik-Initiative die Voraussetzungen, dass Forschung und Versorgung näher zusammenrücken. Die Chancen der Digitalisierung in der Medizin sollen bestmöglich genutzt werden, um die medizinische Forschung zu stärken und die Patientenversorgung zu verbessern. In der Schweiz ist das Swiss Personalized Health Network (SPHN) [5] eine vergleichbare Initiative im Auftrag des Bundes. Das Ziel von SPHN ist die Entwicklung, Implementierung und Validierung von koordinierten Dateninfrastrukturen, um gesundheitsrelevante Daten für die Forschung nutzbar zu machen. Was jedoch fehlt, ist die «Verbindung» zu anderen Infrastrukturprojekten wie zum Beispiel dem Elektronischen Patientendossier, medizinischen Registern wie dem Krebsregister oder ­einem funktionierenden Meldesystem für übertragbare Krankheiten. Zumindest unser nördlicher Nachbar hat diesen Stecker seit Juni 2020 definiert. Ärztinnen und Ärzte sowie Labors können bereits jetzt SARS-­­CoV-2-Fälle mittels standardisierter Schnittstellen (HL7 FHIR) elektronisch an die Gesundheitsbe­hörden sowie an das Robert-Koch-Institut melden. Welche Vorteile interoperable Standards bieten, merken wir spätestens dann, wenn wir uns in das südliche Nachbarland begeben. Der Schweizer Stecker für Steckdosen sieht ähnlich aus wie der italienische: drei runde Pole, die lediglich etwas anders angeordnet sind als beim italienischen Modell – eben nur ähnlich, aber ­leider nicht passend.

Literatur

1 www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/e-f/evalber-mt/situationsanalyse-epidemiengesetz-schlussbericht.pdf.download.pdf/2020-schlussbericht-situationsanalyse%20epidemiengesetz-d.pdf

2 www.aargauerzeitung.ch/schweiz/bund-verschleppt-digitalisierung-schon-seit-15-jahren-das-protokoll-eines-angekuendigten-­fiaskos-139714074

3 www.medizininformatik-initiative.de

4 www.miracum.org

5 https://sphn.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close