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Datenkompetenz als Grundlage sachgerechter Entscheidungen

Aufruf für mehr Datenkompetenz

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19425
Veröffentlichung: 27.01.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(04):121-123

Monique Lehky Hagena, Diego Kuonenb

a Dr. med., Executive MBA focus healthcare, Fachärztin für Innere Medizin, FMH, Co-Präsidentin Schweizer Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften (KKA); b Prof. Dr. ès sc., CStat PStat, Statistiker, CEO Statoo Consulting Bern, Professor für Datenwissenschaft Universität Genf

Die Autorin und der Autor sind Co-Initianten von «Data Literacy – Schweiz».

Die Coronavirus-Pandemie zeigt die Wichtigkeit unserer Datenkompetenz für sachgerechte Entscheidungen. Mut zu kritischen Fragen und die Suche nach sinnvollen Erklärungen sind ein Schlüsselfaktor für Datenkompetenz. Gerade im Rahmen der zweiten Covid-Welle sollten wesentliche Fragen gestellt und Strate­gieanpassungen im Hinblick auf die Datenerhebung und -interpretation angeregt werden.

Die Covid-Problematik hat Datenkompetenzprobleme und damit einhergehende gesellschaftliche Polarisierungen sichtbar gemacht. Daher lancierte die Schweizer Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften (KKA) gemeinsam mit international renommierten Statistikern im Juli 2020 einen dringlichen, breit getragenen Appel an die Politik für mehr Datenkompetenz (www.data-literacy.ch). Die Forderung beinhaltet, dass die Datenkompetenz (data literacy) in der Bevölkerung, in den Medien und in der Bildung vom Kindergartenalter an in einem lebenslangen Lern- und Weiterbildungsprozess dringend nachhaltig gefördert und gefordert werden muss. Das zugrundeliegende Ziel ist, in der Gesellschaft künftig einen verantwortungsbewussten, kritischen, ethischen und nachhaltigen Umgang mit Daten sicherstellen zu können.

Ende September reichte der Walliser Ständerat Beat Rieder eine entsprechende Interpellation [1] an den Bundesrat ein, welche im Dezember 2020 im Parlament diskutiert werden sollte. In einer ersten Antwort scheint der Bundesrat der Ansicht zu sein, dass es in der Schweiz keine weitergehenden Massnahmen zur Verbesserung der Datenkompetenz in der Bevölkerung, in den Medien und in der Bildung brauche. Dies kann in Anbetracht der aktuellen Erfahrungen im Umgang mit den Daten und der Coronavirus-Pandemie nur erstaunen. Umso wichtiger ist es, dass noch mehr Bürgerinnen und Bürger, Kolleginnen und Kollegen den gemeinsamen Appell unter www.data-literacy.ch unterschreiben.

Anpassung der aktuellen Teststrategie sinnvoll

Zwischenzeitlich wurde die Schweiz, wie auch die meisten europäischen Länder, mit unerwarteter Heftigkeit von einer zweiten Coronaviruswelle erfasst. Viele Länder befinden sich erneut in Lockdown-ähnlichen Verhältnissen, auch die Schweiz. Über die Gründe für diese unerwartete Entwicklung wird ­zurzeit breit und unterschiedlich spekuliert. Sünden­böcke und verdächtige Events werden gesucht.

Appell an die Politik

Datenkompetenz (data literacy) umfasst die Fähigkeiten, Daten auf kritische Art und Weise zu sammeln, zu managen, zu bewerten und anzuwenden.

Im Juli 2020 wurde ein eindringlicher Appell an die Politik lanciert (www.data-literacy.ch), eine flächendeckende, fachlich kompetent geführte nationale Datenkompetenz-Kampagne einzuleiten. Sie soll politisch getragen sein und mit internationalen Kampagnen koordiniert werden. Dies mit dem Ziel, künftig einen verantwortungsbewussten, kritischen, ethischen und nachhal­tigen Umgang mit Daten sicherzustellen. Datenkompetenz ist heutzutage wie Lesen und Schreiben unverzichtbar für den Erhalt der Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft wie Freiheit, Gleichberechtigung, Mitbestimmungsrecht und Teilhabe.

Wegen der sehr ähnlichen Entwicklung in vielen ­europäischen Ländern ist zu fragen, ob die in den implementierten Teststrategien vernachlässigten falsch ­negativ getesteten, symptomatischen Fälle nicht doch eine relevante Rolle gespielt haben könnten. Zwar bestehen seit Februar 2020 die Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG), dass symptomatische Patienten mit negativen SARS-CoV-2-Abstrichen bis 24 Stunden nach Abklingen der Symptome zu Hause bleiben sollten. Wegen der Testgläubigkeit, also der Annahme, dass hauptsächlich durch massives Testen die Epidemie eingegrenzt werden könne, zeigte sich im Alltag leider oft, dass ein negatives Testresultat als Freipass gesehen wurde für das Weiterführen normaler Lebensaktivitäten ohne verschärfte Hygiene- und Vorsichtsmassnahmen. Dies auch vor allem vor dem Hintergrund des in der breiten Bevölkerung fehlenden Verständnisses, dass Testresultate je nach Situation, Risiko und Verlauf zum Teil unterschiedlich gewertet und interpretiert werden müssen. Die überlasteten Testzentren fokussierten sich verständlicherweise auf die positiv getesteten Fälle und deren Tracing. Die negativ getesteten sym­ptomatischen Personen fielen sehr oft durch die ­Maschen.

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Six blind people and the elephant: Datenkompetenz heisst, Daten adäquat in ihrem Kontext zu erfassen, zu verstehen und inter­professionell korrekt zu analysieren und zu interpretieren. So können Daten sachgerecht, ethisch korrekt und verständlich kommuniziert und angewendet werden.

Gerade in Anbetracht der aktuellen winterlich gehäuften viralen Erkrankungen, die klinisch kaum von einer Covid-Erkrankung unterscheidbar sind, scheint eine rasche Anpassung der aktuellen Teststrategie sinnvoll, insbesondere auch, da unsere Gesellschaft bisher dazu erzogen wurde, bei leichten Krankheitssymptomen weiter arbeiten zu gehen. Das Robert-Koch-Institut hat bereits Ende Oktober 2020 Empfehlungen für eine vereinfachte Erstellung von Arbeitsunfähigkeitsattesten für fünf bis sieben Tage auch bei leichten Krankheitssymptomen publiziert. In der Schweiz wäre es diesbezüglich wichtig, auf nationaler Ebene rasch einfach umsetzbare Konsensvorschläge in Zusammenarbeit zwischen BAG, ­Covid-Task-Force, den niedergelassenen Ärzten und Hausärzten sowie den Verantwortlichen der Swiss Insurance Medicine zu publizieren. Es scheint durchaus wahrscheinlich, dass eine konsequentere Isolation ­potentiell infektiöser Patienten auch bei negativem Corona-Test einen relevanten ­Impact auf die Ausbreitung des Virus haben könnte. ­Jedenfalls scheint sich dies in den Falldaten für Deutschland seit dessen Strategieanpassung widerzuspiegeln. Im November schien der exponentielle Fallzahlenanstieg in Deutschland im Gegensatz zu den Nachbarländern Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz gebremst worden zu sein.

Ambulanter Sektor vernachlässigt

In diesem Zusammenhang schiene es sinnvoll, die ­Zusammenarbeit mit den existierenden Netzwerken (Kantonale Ärztegesellschaften, FMH, mfe) zu intensivieren, um deren Erfahrungen und Rückmeldungen gerade auch im ambulanten Sektor, der in der aktuellen Gesundheitskrise vernachlässigt worden zu sein scheint, konstruktiv und proaktiv in die Strategie­anpassungen einbinden zu können. Denn gerade in dieser unsicheren Zeit spielt das Vertrauen der Pa­tientinnen und Patienten in ihre Hausärzte und ­behandelnden Ärzte eine wichtige Rolle und könnte zielführend genutzt werden, um weitere Lock­down-Massnahmen verhindern zu können.

Ebenfalls fällt auf, dass verständlicher- und richtigerweise intensiv in den Spitälern und an schweren Covid-Fällen geforscht wird. Aufgrund der hohen Fallzahlen im ambulanten Sektor wird nun in der Schweiz aus nachvollziehbaren Effizienzgründen darauf verzichtet, klinische Befunde zu erheben für ambulante Fälle, die nicht hospitalisiert, in einem Altersheim oder verstorben sind. Dadurch geht jedoch ein wichtiges Vergleichskollektiv verloren, das ermöglichen könnte, präzisere Erkenntnisse zu gewinnen, weshalb gewisse Personen aus Risikogruppen schwer erkranken und andere nicht. Gerade im Hinblick darauf, dass wir weitere ­Coronavirus-Wellen möglichst verhindern möchten, schiene es wichtig, rasch Forschungsprojekte im ambulanten Sektor gerade auch bezüglich der Effizienz möglicher präventiver Massnahmen gegen schwere Verläufe zu lancieren.

Gelegenheit für neue Datenerfassungsstrategien

Der Management-Denker Peter Drucker wird oft mit den Worten zitiert: «Man kann nicht managen, was man nicht messen kann.» Deswegen beginnt Datenkompetenz (data literacy) mit der Frage, wie man eigentlich die «richtigen» Dinge misst, bevor es darum geht, wie man sie «richtig» misst. Aus Datenkompetenzsicht böte sich in der aktuellen Situation unter ­anderem die Gelegenheit, neue, innovative, proaktive Datenerfassungsstrategien zu lancieren, die allenfalls auf statistisch brauchbaren und verknüpfbaren Stichprobenerhebungs-Strategien aufbauen würden. Denn qualitativ befriedigende Vollerhebungen scheinen kaum umsetzbar und könnten zu wenig proaktiv und flexibel gehandhabt werden. Entsprechende Anregungen sind durch die KKA beim BAG deponiert worden.

Das Wichtigste in Kürze

www.data-literacy.ch ist ein Appell an die Politik, die Datenkompetenz der Bevölkerung durch einen lebenslangen Lern- und Weiterbildungsprozess nachhaltig zu fördern.

• Die Coronavirus-Pandemie zeigt die Wichtigkeit der Datenkompetenz für sachgerechte Entscheidungen.

• Es ist zu fragen, ob die in der Teststrategie vernachlässigten falsch negativ getesteten, symptomatischen Fälle eine relevante Rolle bei der Ausbreitung des Virus gespielt haben. Die konsequentere Isolation potentiell infektiöser Patienten auch bei negativem Test könnte einen relevanten Impact haben. Eine rasche Anpassung der aktuellen Teststrategie scheint sinnvoll.

• Um weitere Corona-Wellen zu verhindern, müssten auch im ambulanten Bereich rasch Forschungsprojekte zur Effizienz möglicher präventiver Massnahmen gegen schwere Verläufe lanciert werden.

• Die aktuelle Situation bietet die Gelegenheit, innovative und proaktive Datenerfassungsstrategien zu lancieren, die auf statistisch brauchbaren und verknüpfbaren Stichproben­erhebungs-Strategien aufbauen.

L’essentiel en bref

www.data-literacy.ch appelle le monde politique à promouvoir durablement la littératie des données de la population par le ­biais d’un processus d’apprentissage et de formation continue.

• La pandémie du coronavirus montre l’importance de la littératie des données pour prendre des décisions appropriées.

• Il faut se demander si les faux négatifs des cas symptomatiques, qui ont été jusqu’ici négligés dans la stratégie de test, ont joué un rôle significatif dans la propagation du virus. Un isolement plus systématique des patients symptomatiques potentiellement infectieux, même après un test négatif, pourrait avoir un impact important. Il semble judicieux d’adapter rapidement la stratégie actuelle dans ce sens.

• Pour prévenir de nouvelles vagues de coronavirus, il faudrait lancer rapidement, dans le domaine ambulatoire aussi, des projets de recherche sur l’efficacité de possibles mesures permettant de prévenir les formes du Covid sévères.

• La situation actuelle offre l’opportunité de lancer des nouvelles stratégies de collecte de données innovantes et proactives, basées sur des stratégies d’échantillonnage statistiquement valables et interconnectables.

Aktueller Nachtrag

Gerade mit der derzeitigen Entdeckung der neuen «Schweizer» Sars-CoV-2-Variante, die in gewissen PCR-Tests nicht immer erkannt wird, ist es umso wichtiger, die Problematik der falsch negativen Testresultate stärker zu gewichten und die Bevölkerung darauf ­hinzuweisen, bei Symptomen zu Hause zu bleiben, ­unabhängig davon, ob der Covid-Test positiv oder negativ ist.

Korrespondenzadresse

Dr. med.
Monique Lehky Hagen
Englisch-Gruss-Strasse 1
CH-3902 Glis
lehkyhagen[at]hin.ch

Literatur

1 Interpellation 20.4173. www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20204173

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