Briefe / Mitteilungen

Covid-19-Impfpolitik: Sozial- und Präventivmedizin heute

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19481
Veröffentlichung: 06.01.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(0102):20

Dr. med. Markus Gassner, Landarzt, Grabs

Covid-19-Impfpolitik: 
Sozial- und Präventivmedizin heute

In anderen Sprachen verwendet man für Impfen den Begriff «Vaccination». Der Landarzt Edward Jenner erkannte den für den Menschen nützlichen Artensprung des Pocken­virus auf die Kuh. Die zum Schutz vor Pocken wirksame «Übertragung durch Aufpfropfen» («Impfen») dieses weniger pathogenen Virus publizierte er 1799 in der Schweiz.

Die Zeitschrift Illustration vom 10.9.1803 publiziert das bekannte Bild über die Vaccination in einer Strasse von Paris. Dabei wird ein Kleinkind mit Impfstoff direkt ab einer Kuh geimpft. Das zahlreiche interessierte Publikum schaut zu. Noble Herren und ein Polizist belegen, dass es sich dabei um eine offiziell unterstützte Aktion handelt.

Mit diesem Impfkonzept: Impfen dort, wo sich die zu Impfenden aufhalten, konnten die Pocken weltweit ausgerottet werden. Was würde die Pockenimpfung heute kosten, wenn unsere Vorfahren diese Seuche nicht weitsichtig sehr aufwändig eliminiert hätten?

Bei Covid-19 wünschen viele, von Masken befreit sich im und neben dem Schnee frei zu tummeln. Sorglose «eigenverantwortliche» Parlamentarier singen in Räten, beschliessen harte Massnahmen für das Volk und gefährden selbst das Vertrauen. Impfungen sind unbestritten wichtig für die Prävention. Womit ist bald geklärt. Wen zuerst ist noch umstritten. Sicher nicht, wer zuerst bestellt oder am meisten bezahlt. Da hat man international schlechte Erfahrungen gemacht mit Maskenkäufen, Medikamenten und anderen Impfstoffen, wie aktuell gegen Grippe. Hochrisikopersonen wie Kranke und ihr Pflegepersonal können sich als Erste privilegiert impfen lassen. Hier ist logisch, dass diese am besten dort geimpft werden, wo sie sich aufhalten, also dort, wo sie arbeiten.

Wo man die übrige Bevölkerung am opti­malsten impft, bleibt unklar. «Impfen auf der Stras­se» ist geplant, neu in Impfcontainern oder Impfzelten auf öffentlichen Plätzen, Kasernenarealen, ausgemusterten Flugplätzen usw.

Damit ergeben sich wieder gleiche Probleme wie bei den Intensivpflegebetten. Man rechnet pro Impfplatz mit 10 Personen, davon solle einer ein Arzt sein. Hat man dazu das notwendige ausgebildete Personal?

Wie sollen Impfcontainer auf dem Land funktionieren? Räume in Schulen würden sich besser eignen. Die Akzeptanz wäre über diese Resilienz wie beim Herstellen von Masken in der Schule besser. Mit dem Epidemiegesetz wurde der Schularztdienst flächendeckend aus diversen (standes-)politischen Interessen abgeschafft. Die Haftpflichtfrage bei Impfschäden wurde privatisiert. Die zu Impfenden sollen dies auch in «Eigenverantwortung» übernehmen, teilweise sogar die Impfkosten. Die Impfungen der wichtigen Gruppe der Adoleszenten in höheren Schulen wurden supprimiert.

Nun ist man erstaunt, wenn die Akzeptanz vernünftiger Massnahmen bei «Kunden» im Gesundheitswesen nicht mehr funktioniert. Die Impfungen gegen Hepatitis B, gegen Maser­n, vielleicht sogar gegen Polio, funktioniert nicht mehr optimal. Man könnte diese Krankheiten auch ausrotten, Reduzieren ist aber kurzfristig billiger. Wegen der hohen Kosten von Covid-19 wäre es sinnvoll, auch diese Impfungen jetzt zu organisieren!

Bei der Impfaktion der Nomaden mit dem Schweizerischen Katastrophenhilfekorps 1983 in der Sahara hatte ich nie einen Hauch von Impfskepsis gespürt, obwohl sie Impf­reak­tionen durchaus kannten und uns fragten, wie man diese behandeln kann (Pocken, BCG, Maser­n gleichzeitig).

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