Zu guter Letzt

Die Wahrheit der Ärzte – in drei Varianten

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19506
Veröffentlichung: 03.02.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(05):196

Hans Stalder

Prof. em. der Medizin, Redaktionsmitglied

«Toute vérité n’est pas bonne à dire.» Dieses französische Sprichwort des 13. Jahrhunderts traf voll zu, wenn zu meiner Assistentenzeit eine unheilbare Krankheit wie Krebs diagnostiziert wurde: Die Dia­gnose durfte nicht dem Patienten, sondern allenfalls der Familie mitgeteilt werden. Oder an den Sippenchef: So war es, als wir einen Roma behandelt hatten und sich der eher bedrohliche Clan im Hof des Spitals niedergelassen hatte. Heute ist es unsere Pflicht, die Patienten zu informieren, und schon die Studenten lernen, wie man schlechte Nachrichten vermittelt. Aber es gibt immer noch viele Regionen auf der Welt, wo es nicht üblich ist, den Patienten die Wahrheit zu sagen: Die Pflege, die auch die Information beinhaltet, ist Sache der Familie oder der Sippe. Dies zu erkennen ist wichtig im Umgang mit Patienten anderer Herkunft. Die Wahrheit zu sagen, eine für uns so selbstverständliche Pflicht, muss also an die soziale und kulturelle Situation des Patienten angepasst werden. Aber geben wir zu, dass es auch für uns nicht immer selbstverständlich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Könnte zum Beispiel die Aufzählung aller möglichen Nebenwirkungen eines Medikaments nicht die vom Patienten erwartete positive Wirkung – den Placebo-Effekt – verringern und damit der Genesung abträglich sein? Ethik und Deontologie sind nicht immer leicht in Einklang zu bringen ...

«Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr» (Hermann Hesse, Siddhartha). Eines Tages kam ein Kollege in mein Büro und bat mich, die Syphilis-Diagnose aus seinem elektronischen Patientendossier zu streichen. Er hielt den VDRL (Venereal Disease Research Laboratory) von einem früheren Aufenthalt für ein falsch positives Resultat. Aber ein Faktum aus dem elektronischen Dossier zu streichen ist genauso schwierig, wie ein belastendes Foto von Facebook zu entfernen! Was tun, wenn die «Wahrheit» der Krankengeschichte nicht mit der «Wahrheit» des Patienten übereinstimmt? Notizen in elektronischen Dossiers bleiben stabil und unveränderlich, während sich das Gedächtnis der Menschen mit der Zeit verändert: Ihre Wahrheit entwickelt sich. Ausserdem basiert unsere Wahrheit auf wissenschaftlichen Grundlagen, die für den Patienten nicht immer unmittelbar verständlich sind. Umso wichtiger ist es, bei einem neuen Pa­tienten, zum Beispiel in der Notfallstation, zunächst eine gründliche Anamnese zu erheben. Dies wird die Erinnerungen des Patienten wachrufen und seine Wahrheit ans Licht bringen. Dann können wir diese mit der anderen vergleichen, der in der Krankenakte.

«Toute vérité n’est pas bonne à dire, ni bonne à croire» (Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, Le Mariage de Figaro, 1784). Die SÄZ-Rubrik der Briefe ist der Ort, wo Ärzte ihre Anliegen frei äussern und Verbesserungsvorschläge anbringen können. Aber in letzter Zeit ist ein Problem mit den Leserbriefen aufgetaucht: Was tun, wenn einige Kollegen die Wahrheit verdrehen und, illustre Verfasser imitierend, das schreiben, was man heute Fake News nennt? Offenbar hat sich dafür die Covid-19-Epidemie als eine gute Gelegenheit erwiesen. Wie reagiert man, wenn ein Kollege Sätze schreibt wie: «Die Covid-19-Epidemie ist nichts anderes als eine leichte Grippe», «Der PCR-Test ist nicht spezifisch für SARS-CoV-2» oder «Kann man von einer Infektion sprechen, wenn jemand keine Symptome hat?». Wenn er diese Viren mit «Staphylokokken, die einen diabetischen Fuss kolonisieren» vergleicht? Oder wenn er behauptet, dass die «Pandemie» (in Anführungszeichen!) vorbei ist? Im Moment hat unsere Bevölkerung noch viel Vertrauen in unseren Beruf. Um dieses nicht zu verlieren, ist es deshalb die Pflicht eines jeden Arztes, seine Worte abzuwägen und sie auf wissenschaftliche Daten zu stützen.

Das heisst nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass es nicht erlaubt oder gar erwünscht sei, dass Sie Ihr Herz ausschütten und einen Leserbrief schreiben, um unsere Bundes- und Kantonsbehörden bezüglich der Bekämpfung von Covid-19 zu kritisieren, wenn Sie gute Argumente dafür haben! Es gäbe einige.

Korrespondenzadresse

johann.stalder[at]unige.ch

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