FMH

Interview mit dem scheidenden Präsidenten der FMH

«Ich halte nichts von ­Selbstdarstellung»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19510
Veröffentlichung: 27.01.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(04):114-116

Das Interview führte: Matthias Scholer

Chefredaktor SÄZ

Im Jahr 2012 wurde Jürg Schlup, für viele überraschend, zum Präsidenten Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH gewählt. Nach acht Jahren verzichtete der Berner auf eine erneute Kandidatur. Ende Januar gibt er nun die Leitung an seine Nachfolgerin Yvonne Gilli ab. Zeit, auf acht bewegte Jahre zurückzublicken.

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Jürg Schlup – ein beharrlicher und ausdauernder Homo politicus.

Jürg Schlup, Sie waren acht Jahre Präsident Ver­bindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH. Nun ­beginnt ein neues Kapitel in ihrem Leben. Was herrscht vor, Freude oder Wehmut?

Beides. Ich hatte die Ehre, die Verbindung der Ärztinnen und Ärzte der Schweiz zu leiten, was mir als Homo politicus viel Freude bereitet hat. Aber: «Partir, c’est toujours mourir un peu» [1].

Ihre Wahl im Jahr 2012 war eine ziemliche Über­raschung. Gibt es vor den Wahlen bei der FMH analog zu den Bundesratswahlen auch eine «Nacht der langen Messer», während der solche Überraschungscoups geplant werden?

Je nachdem. 2012 wollten die neu für den ZV Kandidierenden einen Wechsel, der damalige Präsident nicht. Damit ergab sich damals eine unberechenbare Kampfwahl. Bei Kampfwahlen ist es naturgemäss so, dass auch kurzfristige Überzeugungsarbeit, Absprachen und Allianzen eine wichtige Rolle spielen. 2020 wollte der amtierende Präsident einen Wechsel und wurde dabei von Zentralvorstand und Ärztekammer unterstützt. Das begünstigt ein stabiles Wahlverfahren.

In Ihrem ersten Editorial in der «Schweizerischen Ärztezeitung» (SÄZ) schreiben Sie in Anspielung an die divers zusammengesetzte Ärzteschaft: «Ein Orchester kann nur im respektvollen Zusammenspiel aller Interpreten ein stimmiges Gesamtresultat erreichen.» Konnten Sie als Dirigent die einzelnen Musiker entsprechend harmonisch einstimmen?

Dies habe ich zumindest angestrebt, und ich denke, ich war damit auch einigermassen erfolgreich. Unser standespolitisches Orchester kann sich nur durch präzises Zusammenspiel Gehör verschaffen. Als Dirigent muss man ein kooperatives Klima schaffen und auch die­jenigen, die am liebsten nur Solos spielen würden, einbinden. Nur so kann ein Orchester oder eine Standesorganisation gemeinsam Erfolge erzielen.

Sie wurden in der Presse gerne als stiller, aber beharrlicher Schaffer beschrieben. Täuscht dieser Eindruck?

Ich bin beharrlich und sehr ausdauernd. Ich halte nichts von Selbstdarstellung. Sie hilft uns nicht weiter. Entscheidend ist allein die Wirkung im Ziel. Und ich gehe immer davon aus, dass der andere auch recht haben könnte. Mir sind Verantwortungsgefühl und Augenmass entscheidend wichtig, beides habe ich bei meinen Gegenspielern oft vermisst. Und ich weiss, dass in der Politik und in der Standespolitik der Konsens ein knappes Gut ist und damit wertvoll. Und schliesslich war mir stets bewusst, dass es mit der FMH über 100 Jahre lang ja auch gegangen ist, bevor ich zum Präsidenten gewählt wurde.

Wenn Sie auf Ihre Legislatur zurückblicken, welches waren die Höhepunkte, an die Sie sich heute noch mit Freude und Genugtuung zurückerinnern?

Es gibt viele Ereignisse, an die ich mich gerne erinnere. Der grösste Erfolg war die Revision des ambulanten Arzttarifs. Der Dachverband der Krankenversicherer hatte mich 2012 freudig begrüsst, weil – wie mir gesagt wurde – nun nach Jahren wieder ein konstruktiver Dialog möglich wurde. 2015 gelang es uns dann, mit den Kranken- und Unfall-Versicherern eine gemeinsame Tariforganisation zu gründen. Letztlich haben wir 2019 mit der Einreichung des TARDOC gemeinsam mit den innovativen Krankenversicherern und unterstützt von den Unfallversicherern bzw. der MTK ein grosses Ziel erreicht. Aber auch andere Themen konnten wir vorantreiben, zum Beispiel die Qualität mit dem Label «reponsibel practice FMH» oder die interprofessionelle Zusammenarbeit durch die Förderung von Physician Associates. Intern war es eine grosse Herausforderung, den Ärztekammerbeschluss von 2015, das Budget um 20% zu reduzieren, umzusetzen. Und ganz besonders habe ich mich gefreut, als ich trotz vielen schwierigen Themen und verbandinternem Tarifstreit 2016 von der Ärztekammer mit 161 von 167 Stimmen wiedergewählt wurde.

Und über welche Niederlagen ärgern Sie sich noch heute?

Auch der schlimmste Tiefpunkt ist mit dem ambulanten Arzttarif verbunden. Die Ablehnung des revidierten ambulanten Arzttarifs 2016 durch unsere Mitglieder bei tiefer Stimmbeteiligung hat der Ärzteschaft politisch sehr geschadet. Die vielen Vorstösse in Bundesbern, die auf eine Abschaffung der Tarifautonomie und Staatstarife zielen, machten sich das zu nutze.

Mit TARDOC konnte die FMH einen wichtigen Meilenstein erreichen. TARDOC ist aber noch nicht am Ziel. Woran liegt es?

Sie haben recht, nach Einreichung des Tarifs im Sommer 2019 und auch nach Nachreichung der Ergänzungen haben wir lange keine Rückmeldung erhalten. 
Das BAG kommt im Prüfbericht vom November 2020 zum Schluss, dass der TARDOC mit Anpassungen materiell genehmigungsfähig ist.

Nun droht bereits das nächste Ungemach in Form eines «nationalen Gesamtkostenziels». Sind Sie froh, dass Sie sich mit dieser Frage nicht mehr aktiv auseinandersetzen müssen?

Als FMH-Präsident werden mich politische Kostenziele zu Lasten der Patientenversorgung nicht mehr treffen. Langfristig betrachtet sind wir aber alle Patienten. Und als Patient wäre ich dann wohl – wie wir alle irgendwann – davon betroffen.

Wie gut ist die Ärzteschaft in Bundesbern vertreten? Kennen die Politikerinnen und Politiker die Sorgen und Nöte der Ärzteschaft genügend?

Gemäss Umfragen des FöG [2] haben die Anliegen der FMH in Bundesbern einen vergleichbaren Bekanntheitsgrad wie die von santésuisse. Damit sind unsere Anliegen besser bekannt als beispielsweise die von H+ oder Interpharma. Grundsätzlich haben wir aber nicht nur im Gesundheitswesen einen Ärztemangel, sondern auch in Parlament und Verwaltung. Wie sich die Gesetzgebung im Alltag der Patientenversorgung auswirkt, ist dort kaum jemandem aus eigener Erfahrung bekannt. Es ist darum ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit, Parlamentarierinnen und Parlamentariern unsere Perspektive zu vermitteln.

2020 war aufgrund von Covid-19 ein turbulentes Jahr. Inwiefern war die Pandemie eine Herausforderung für Sie als FMH-Präsident?

Unser Zentralvorstand musste – Corona-bedingt –seine Arbeitskadenz massiv erhöhen. Mit 78 protokollierten Sitzungen haben wir dreimal mehr als im Vorjahr getagt. Insbesondere in den Bereichen eHealth, Public Health, Tarifierung, Covid-Gesetzgebung und vor allem Kommunikation war viel Zusatzarbeit zu leisten. Für das Generalsekretariat war auch eine besondere Herausforderung, unter Covid-Bedingungen wegen der Gebäudesanierung umzuziehen. Zuletzt musste auch noch die zweitägige Ärztekammer ad hoc und erstmals in ihrer Geschichte als virtuelle Sitzung durchgeführt werden: Obwohl wir nur zwei Arbeitstage Vorlauf hatten, konnten wir zehn Wahlgänge, 40 Abstimmungen und alle Diskussionen der 173 teilnehmenden, stimmberechtigten Delegierten erfolgreich durchführen. Eine grossartige Teamleistung! Ich danke allen Kadern und Mitarbeitenden der FMH, der Generalsekretärin und dem Zentralvorstand herzlich für die ausgezeichnete Arbeit während dieses Ausnahmejahrs.

Hat die Pandemie Auswirkungen auf die Sicht der Bevölkerung und der Politik auf das Gesundheits­wesen und auf die Kostendiskussion?

Die Versorgungssicherheit steht durch die Pandemie stärker im Fokus. Dies zeigte sich auch im Parlament, das praktisch einstimmig einen Vorstoss zur Versorgungssicherheit überwies. Das aktuelle Sorgenbarometer GfS Bern [3] zeigt zudem, dass die Krankenkassenprämien deutlich seltener als Sorge betrachtet werden. Fachkräftemangel und Versorgungsengpässe erhalten mehr Aufmerksamkeit, die Kosten tenden­ziell etwas weniger.

Mit Yvonne Gilli präsidiert ab dem 1. Februar zum ersten Mal eine Frau die FMH. Auch das SIWF wird mit der Wahl von Monika Brodmann zur Präsidentin weiblicher. Ein Zeichen, dass künftig mehr Frauen auch in weiteren Kaderpositionen Einsitz halten sollten?

Es ist schon ein wichtiges Signal, dass zwei Frauen diese Positionen besetzen. Obwohl der Frauenanteil in unserem Beruf in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, sind Frauen in den Kaderpositionen weiterhin unterrepräsentiert. Ärztinnen in standespolitischen Kaderpositionen sind nicht nur als Vorbilder wichtig, sie können sich auch mit einem anderen Erfahrungshintergrund für gute Rahmenbedingungen und Chancengleichheit einsetzen.

Sowohl beruflich als auch politisch hat Yvonne Gilli ein ziemlich anderes Profil als Sie. Trotzdem wurde Frau Gilli mit einer grossen Mehrheit gewählt. Wie interpretieren Sie dieses Resultat? Braucht es einen frischen Wind in der Ärzteschaft und der Standes­politik?

Frischen Wind braucht es immer wieder, besonders im Gesundheitswesen, wo wir mitten in einer sehr dynamischen Entwicklung stehen. Das war auch ein wesentlicher Grund, warum ich nicht für eine dritte Amtsperiode angetreten bin.

Was sind aus Ihrer Sicht die grössten standes­politischen und gesundheitspolitischen Herausforderungen der jetzigen Legislatur im Parlament?

Die grösste Herausforderung sind die beiden Kostendämpfungspakete des Bundesrats, die unsere Patientenversorgung gefährden. Man möchte uns Ärzten die Rolle zuweisen, die Leistungen für Patienten einzuschränken, wenn das Budget knapp ist bzw. das Kostenziel überschritten werden könnte. Wir werden uns mit allen Kräften dagegen wehren und wehren müssen, denn diese staatlichen Kostenregulierungen finden in der Politik viel Unterstützung.

Was sind die Pläne für Ihre eigene Zukunft? ­Zurück in die Hausarztpraxis oder doch eher ­etwas beruflich kürzertreten?

Ich musste und durfte ad hoc mein Präsidium – Corona-bedingt – ein halbes Jahr verlängern. Das hat auch meine Planung augenblicklich verändert. Jetzt schaue ich mal, dann werde ich sehen.

Korrespondenzadresse

matthias.scholer[at]emh.ch

Literatur

1 Le Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry.

2 Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft, ­Universität Zürich.

3 Sorgenbarometer 2020 der Credit Suisse.

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