Briefe / Mitteilungen

«Solidarität» und «Ethik»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19580
Veröffentlichung: 03.02.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(05):174

Dr. med. Samuel Aebi, ­Facharzt ­Allgemeine Medizin, Ittigen

«Solidarität» und «Ethik»

Der saloppe Gebrauch dieser beiden moralisch entstellten Begriffe sowohl unter uns Ärzten als auch unter den führenden Politikern ist für den nüchtern denkenden, aufgeklärten Bürger schmerzlich.

Unter dem vielzitierten Wort «Solidarität in der sog. Coronakrise» wäre eigentlich zu verstehen, dass die Regierungsmitglieder des Bundes und der Kantone, die Parlamentarier, die Universitätsangestellten der Taskforce, im Grunde genommen alle staatlich abgesicherten Gehalts- und Lohnempfänger während der verordneten Massnahmen abgestuft beispielsweise auf 50% bis 30% ihrer Gehälter zugunsten der betroffenen berufseingeschränkten Arbeitnehmer und Arbeitgeber verzichten würden. Es wäre dann auch besonders interessant, wie einschneidend die Regierungs­beschlüsse noch ausfallen würden. Diese sogenannte «Solidarität» stützt sich ja auf das Fundament der sogenannten «Ethik». Wenn man sieht, wie utilitaristisch und egoistisch auch dieser Begriff verwendet wird, müsste wieder einmal in Berücksichtigung gezogen werden, dass wir eine geradezu unheimliche Doppelmoral leben: dass für die zunehmend überalterten, über 80-jährigen Menschen, die bereits über 90% ihrer durchschnittlichen Überlebenszeit hinter sich gebracht haben, ganze jüngere Generationen in wirtschaft­lichen, sozialen und psychischen Abgrund verdammt werden und daneben jährlich mindestens 10 000 ungeborene Individuen bei ­einer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 80 Jahren mit einem ethisch-juristischen Ablassbrief in den ersten 12 Wochen ­ihres Daseins ungestraft meuchlings umgebracht werden. Es braucht zu diesem Ver­ständnis keinen religiös dogmatischen Hintergrund, das klare rationale Denken genügt, um zu wissen, dass aus keinem befruchteten menschlichen Ei etwas anderes als ein menschliches Individuum hervorgeht. Dasselbe rationale Denken weist uns darauf hin, dass mit den grossartigen medizinischen und hygienischen Fortschritten diese – wenn auch unkorrekt, unter Weglassung der abgetriebenen Individuen berechnete, ständig steigende Lebenserwartung – immer näher an die naturgegebene Sterblichkeit des Menschen heranrücken. Wir werden doch, wenn wir solche Erscheinungen wie die «Coronakrise» etwas menschlicher verstehen wollen, besonders aufgefordert, über Notwendigkeit von Krankheit im Zusammenhang mit der Endlichkeit, mit Sterben und Tod noch etwas umfassender zu denken. Es sind ja niemals Zahlen, die sterben, es sind in jedem Falle immer ganz bestimmte, einmalige Individuen mit einer ganz einzigartigen Biographie, die schicksalsmässig mit oder an Covid-19 erkranken und möglicherweise daran sterben. Ist es denn wirklich die alleinige ärztliche und politische Aufgabe, das Tor am Ende des Lebens mit aller politischen und medizinischen Brachialgewalt zu verrammen? Mit höchstem ­Respekt stehe ich vor all den Pflegepersonen, den Angehörigen, den Kollegen, die in selbstloser Hingabe sich diesen Menschen seelisch-geistig und somatisch heilend widmen, den Tod mit gebührender Ehrfurcht akzeptierend. Ist es richtig, dass wir Haus- und Klinikärzte vom reinen Apparatezwang, von virologischen Schreibtisch- und Laborgelehrten, von Politikern und Statistikern statt beraten, bevormundet werden müssen? Muss die Heilkunst sich vor der medizinisch-statistisch-juristischen Politik beugen? Quo vadis Homo sapiens?

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