Tribüne

Interview mit Ueli Bollag, ehemaliger Kinder- und Hausarzt und Pate der DIGGER Foundation

«Ich war Zeuge menschlicher ­Tragödien»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19639
Veröffentlichung: 24.03.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(12):441-443

Das Interview führte: Julia Rippstein

Redaktorin SÄZ

Mit 80 Jahren engagiert sich der pensionierte Kinderarzt Ueli Bollag in der DIGGER Foundation für Minenräumung. Gegenüber der SÄZ erläutert der einstige Weltenbummler, was dieses Projekt einzigartig macht und warum die Bekämpfung von Minen so wichtig ist.

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Als Kinderarzt arbeitete Ueli Bollag unter anderem in Kambodscha, wo er viele Opfer von Minen gesehen hat, darunter häufig Kinder.

Herr Bollag, können Sie bitte erklären, was genau die DIGGER Foundation ist?

Sie ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Tavannes im Berner Jura, die Hilfsprojekte im Bereich der maschinellen Minenräumung fördert. Mit Schweizer Know-how entwickelt, produziert und vertreibt sie Entminungsmaschinen, die Menschen beim Minenräumen unterstützen. Diese lebensbedrohliche Arbeit wird so weniger gefährlich, effizienter und auch kostengünstiger.

Und wie wurden Sie auf diese Stiftung aufmerksam?

Als Allgemein- und Kinderarzt habe ich mehrere Jahre in Entwicklungsländern verbracht und gearbeitet. Dort war ich immer wieder mit Minenopfern konfrontiert. Das hat mich geprägt. 2013 hörte ich zum ersten Mal von der DIGGER Foundation. Nach meiner Rückkehr aus Südfrankreich, wo ich mehr als zwanzig Jahre lebte, nahm ich Kontakt auf mit DIGGER. Seither engagiere ich mich für dieses tolle Projekt.

Was hat Sie an der Organisation überzeugt?

Die Minenräumung ist wortwörtlich ein Handwerk. Die Menschen in den betroffenen Ländern, sei es Vietnam, Kongo oder Angola, räumen die Minen selber von Hand. Das ist nicht nur ein langwieriges, sondern auch ein hochgefährliches Unterfangen. Der Einsatz von Maschinen reduziert das Risiko eines Unfalls – und das bedeutet hier Lebensgefahr – erheblich. Aus­serdem kommen die Räumarbeiten so viel schneller voran.

Was ist das Besondere an DIGGER?

DIGGER ist das einzige gemeinnützige Unternehmen im Bereich der Minenräumung weltweit. Im Gegensatz zu kommerziellen Minenräumunternehmen ist die Stiftung eine Non-Profit-Organisation und somit direkter Gesprächspartner für Donatoren und Erhalt von Subventionen. Das ermöglicht, Entminungsmaschinen auch dort zur Verfügung zu stellen, wo die anfragenden Länder nicht über die finanziellen Mittel ver­fügen, solche Hochleistungsgeräte zu erwerben. Das Konzept funktioniert: Seit mehr als zwanzig ­Jahren werden erfolgreich Einsätze durchgeführt in ehema­ligen Kriegsgebieten wie Südsudan, Tschad, Mosambik oder Bosnien.

Neu entwickelte Maschinen werden erst eingesetzt, wenn sie hundertprozentig sicher sind. Ausserdem werden die Leute vor Ort über mehrere Wochen geschult, damit sie die Maschinen richtig bedienen können. So werden auch Arbeitsstellen geschaffen. Fachleute von DIGGER reisen später regelmässig vor Ort, um zu prüfen, ob alles gut läuft.

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Sicherheit über alles: Das Fahrzeug wird von einer Person aus sicherer Distanz zum ­Gefahrenbereich ferngesteuert.

Waren Sie schon mal in betroffenen Ländern, um den Einsatz der Maschinen zu bestaunen?

Nein, aber ich war in Tavannes, und der Besuch hat mich tief beeindruckt: Die topmodernen Maschinen werden in einem alten Zeughaus gebaut. Vor allem die einzigartige Philosophie, die hohe Motivation und auch das persönliche Engagement des Geschäftsführers Frédéric Guerne, zusammen mit seinem Team, imponieren mir.

Können Sie etwas mehr vom Initianten des Projekts, Frédéric Guerne, erzählen?

Frédéric Guerne ist Elektroingenieur und gründete 1998 die Stiftung. Er sucht Non-Profit-Geldgeber und sammelt Spenden. Derzeit arbeitet Guerne zusammen mit zehn Mechanikern, Ingenieuren und Elektrikern, alle beseelt vom gleichen Idealismus wie er selbst, sprich Arbeit zu handelsunüblichen tiefen Löhnen.

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Hilfreiche Panzerfahrzeuge

Dieses gepanzerte Fahrzeug ist eine Antwort von DIGGER auf das Minenproblem. Es ist explosionssicher und dennoch leicht genug, um auch in Gebiete transportiert zu werden, die schwer und nur auf schlechten Wegen zu erreichen sind. Das Fahrzeug wird von einer Person aus sicherer Entfernung zum Gefahrenbereich ferngesteuert, so dass Menschen ungefährdet bleiben. Der Panzer ist mit einem Gerät ausgestattet, das dichten Bodenbewuchs beseitigt und die Erde bis zu einer Tiefe von 25 cm zerkleinert. Dieser Vorgang neutralisiert die Minen und pflügt den Boden um für die spätere Benutzung. Vorgängig erfolgt dann eine Nach­kontrolle, um das Gebiet gemäss den geltenden strengen Ent­minungsstandards für sicher zu erklären.

Eine Maschine mit einem Team von zehn Personen (Minenräumer, Mechaniker, Fahrer, Köche und medizinisches Personal) leistet so viel wie 200 bis 300 Minenräumer, die von Hand arbeiten und dabei grossen Gefahren ausgesetzt sind.

Warum ist Minenräumung sinnvoll?

Wie gesagt, Minen werden weiterhin von Hand geräumt, was gefährlich und unergiebig ist. Die mensch­lichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Schäden sind enorm. Minenfelder verhindern etwa den Bau von Schulen zur Bildung von Tausenden von Kindern. Sie verunmöglichen die Nutzung von Feldern für Landwirtschaft, oft einzige und lebenswichtige Einnahmequelle für die Bevölkerung in vom Krieg heimgesuchten ärmeren Ländern. Es kommt hinzu, dass die Säuberung von Minenfeldern viel billiger ist als der wiederholte Einsatz von medizinisch-chirurgischem Reparationspersonal.

Lässt sich die Anzahl der Minenopfer beziffern?

Weltweit ist die Bevölkerung von über siebzig Ländern täglich mit Minen konfrontiert. Die Zahl der Opfer, also getötete oder verstümmelte Menschen, wird jährlich auf 5000 bis 10 000 geschätzt. Die Zahl der indirekten Opfer ist viel grösser und schwieriger zu schätzen. Es sind wahrscheinlich Millionen von Opfern: Flüchtlinge, vereinsamte Menschen oder Personen ohne jede Existenzgrundlage.

In welchen Ländern waren Sie als Arzt tätig, und was haben Sie dort bei Minenverletzungen erlebt?

Ich habe unter anderem in Nigeria, Kambodscha, Jamaika, Haiti, Nicaragua, Papua-Neuguinea, Libanon, Indonesien und Nepal gearbeitet. In Kambodscha habe ich viele Opfer von Minen gesehen und war Zeuge menschlicher Tragödien. Dort erlebte ich, wie acht Soldaten und Zivilisten durch die Explosion einer Panzerabwehrmine verbrannt wurden. Ich versuchte, ihre Schmerzen mit Morphium zu mildern, konnte sie aber nicht retten. In Flüchtlingslagern begegnete ich vielen Menschen mit durch Minenexplosionen verursachten Verletzungen und sah nicht nur physische, sondern auch enorme kollaterale psychische Schäden.

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Eine DIGGER-Maschine im Einsatz in Bosnien, 2015.

Was muss aus ärztlicher Sicht bei der Minenräumung berücksichtigt werden?

In erster Linie muss die Minenräumung tatsächlich gewährleistet werden. Sie gilt als Primärprävention. Nur so kann man Verletzungen und ihre schlimmen Folgen verhindern – statt sie heilen zu müssen. Beim Anliegen, die Gefahr für Menschen zu reduzieren, spielen Spürhunde eine wichtige Rolle. Zusammen mit dem Internationalen Zentrum für humanitäre Minenentsorgung in Genf (GICHD) hat DIGGER das Konzept «Mine Detecting Dogs» entwickelt. Der mit Mikrofon, Lautsprecher und Elektronik ausgerüstete Gürtel wird Minensuchhunden umgebunden. So können die abgerichteten Hunde ohne Leine arbeiten. Die aufgespürten Minenstellen werden mit Smartphones überwacht und aufgezeichnet. Auch Riesenhamsterratten werden auf den Geruch von Sprengstoff dressiert und zur Minensuche eingesetzt. Aber wissen Sie, welche Tiere laut Studien der Universität von Montana am effizientesten beim Minenaufspüren sind?

Nein, erzählen Sie mal.

Honigbienen – und dies nach nur minimalem Training.

Mehr Infos unter: foundation.digger.ch / Stiftung DIGGER, Route de Pierre-Pertuis 28, Case postale 59, 2710 Tavannes, Tel. 032 481 11 02; info[at]digger.ch

Besuch der EXPO-DIGGER für Gruppen und Privatpersonen auf Reservation von März bis Dezember: www.expo.digger.ch/de

Credits

© Porträt: Ueli Bollag, zVg

© Panzer: DIGGER Foundation

Korrespondenzadresse

julia.rippstein[at]emh.ch

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