Briefe / Mitteilungen

Alt werden

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19645
Veröffentlichung: 03.03.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(09):328

Dr. med. Bernhard Wiesli, 
pensionierter Gastroenterologe

Alt werden

Alt werden sei nichts für Feiglinge, sagt meine Frau. Ich bin von Professor Stalder angeregt worden, darüber nachzudenken.

Als ich noch in die Primarschule ging, waren die Leute, die auf der Strasse vorbeigingen, alt, sehr alt, zwischen 20 und 30 Jahren. Seither denke ich in Dekaden, alle 10 Jahre kommt ein neuer Abschnitt. Jetzt denke ich in Jahren, später wird es in Monaten sein. Nur die Seele wird nicht älter. Die Zeit geht schneller, das Gehen langsamer. Die Zunahme an Jahren ist linear, nur die Gewohnheiten wiederholen sich, im Kreis. Sie sind ein Gerüst für den Alltag. Abwechslung ist dann sehr wohltuend.

Im Spital wird bei mehrfachen oder gleichzeitigen Eintritten eine Triage gemacht: Wer wird zuerst behandelt, was ist dringender? Zu unserer Zeit wurde ohne Rücksicht auf ­Alter oder Geschlecht jeder, ohne zu über­legen, ob und wie viele Jahre der Betreffende hätte, das Beste gegeben, auch wenn er aus dem Gefängnis kam und/oder ein Mörder war oder 90 Jahre. Das wird auch heute noch so sein. Allerdings muss heute mehr auf den Gewinn geschaut werden, die Spitalzeiten werden so kurz gehalten wie nur möglich. Dass ein Pa­tient überwintern konnte, wie ­damals, wäre nicht mehr möglich. Wir wussten, der ältere, arme Mann kommt jeden ­November und bleibt bis Ende Februar, je nach Schnee und Kälte noch etwas länger, gratis und vom Chefarzt ohne Frage gewährt! Der Mann musste sich nur gelegentlich den Blutdruck messen lassen. So ändern sich die Zeiten. Das war für ihn auch echte Weihnachten, die Herberge hatte ihn aufgenommen.

Wie sich die Gesprächsinhalte während des Lebens verändern: bei einer Familienzusammenkunft redeten die Jüngsten über ihre Lehrplätze, in der Mitte ein junges Paar mit einer professionellen Astrologin über ihre Zukunft: Ehe, Kinder, Beruf? Zuoberst am Tisch sprachen die plus/minus 50-Jährigen über den Sinn des Lebens. In meinem Alter spricht man oft über Altersheime, Erbschaft oder Schenkung oder die Anzahl von Opera­tionen.

Im Alter muss Manches abgegeben werden, wir können besser vergeben und auch geben, wir sind in der Zeit der Alten, der Weisen. So sollte es sein. Früher hatte ich zu wenig Zeit für Vieles bei voller, oft übervoller Agenda. Jede Minute war gefüllt, deshalb keine Zeit mehr. Heute habe ich mehr Zeit, erledige ­alles mit normaler Geschwindigkeit und bin deshalb im Vergleich langsam und bin froh, frühzeitig ein Hobby begonnen zu ­haben. Im Übrigen geht es ganz gut, wie ein Klassenkollege sagt: oben Licht und unten dicht.

Ich wollte nie so alt werden, bin jetzt aber dort. Junge werden auch alt, aber nicht so plötzlich. Aber das Leben bleibt für alle lebensgefährlich.

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