FMH

Medizinische Versorgungssicherheit beginnt bei den Fachkräften

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19715
Veröffentlichung: 24.03.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(12):416

Christoph Bosshard

Dr. med., Vizepräsident der FMH, Departementsverantwortlicher Daten, Demographie und Qualität / SAQM

«Wenn der Chef um 17 Uhr zum Spital rausgeht, so nimmt er den Nachmittag frei», war einer der bösen Sprüche aus meiner Weiterbildungszeit. Auch wenn sich damals, vor 30 Jahren, die Arbeitszeiten noch ganz anders präsentierten, als dies heute der Fall ist, so zeigt doch die in dieser Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung vorgestellte FMH-Ärztestatistik 2020 einmal mehr das deutlich überdurchschnittliche Arbeitspensum und damit hohe zeitliche Engagement der Ärzteschaft in unserem Land. Während sich die ver­traglichen Arbeitszeiten eines Vollzeitpensums in anderen Berufen irgendwo zwischen 40 und 42 Stunden pro Woche bewegen, sprechen wir bei der Ärzteschaft mit einem durchschnittlichen Arbeits­volumen von 47 Stunden pro Woche von eine­m Teilzeitpensum von 85 Prozent! Somit liegt ein ärzt­liches Vollzeitpensum bei durchschnittlich über 55 Stunden pro Woche oder ­anders ausgedrückt: Eine Vollzeit-Äquivalenz einer Ärztin oder eines Arztes entspricht 1,31 Vollzeit-Äquivalenzen in anderen Be­rufen.

Warum bemühe ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, hier mit dieser Milchbüchlein-Rechnung? Ganz einfach deshalb, weil der immer wieder gerne bemühte ­internationale Ärztedichtevergleich diesen Aspekt nicht berücksichtigt. Wenn wir uns aktuell pro Kopf gerechnet in einer gut vergleichbaren Situation mit unseren europäischen Nachbarn befinden, zeigt doch die langjährige Entwicklung klar, dass sich die ärztlichen Arbeitspensen reduzieren. Wenn wir nun unsere Ärztedichte von 4,5 Ärzten pro 1000 Einwohnende durch den obigen Wert von 1,31 dividieren, so landen wir bei einem Wert von knapp 3,4 – was sogar unter dem OECD-Durchschnitt zu liegen kommt. Alles nur Zukunftsmusik? Nein, die Zukunft hat schon begonnen! Wir kompensieren unseren offensichtlichen ­Mangel an ärztlichen Fachkräften mit einem massiven Import an Ärztinnen und Ärzten: Mehr als ein Drittel (37,4 Prozent) aller in unserem Land berufstätigen ­Kolleginnen und Kollegen sind Träger eines aus­ländischen Diploms, haben ihr Medizinstudium also nicht in der Schweiz absolviert und abgeschlossen. Die ­aktuellen Zahlen zeigen, dass sich dieser Prozentanteil seit dem Vorjahr sogar noch um 1,1 Prozent gesteigert hat.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen allen danken, ob inländischer oder ausländischer Herkunft, dass Sie jeden Tag und jede Nacht Teil unseres ausgezeichneten Gesund­heitswesens sind und an vorderster Front mit­helfen, dieses am Laufen zu halten. Gleichzeitig beschleicht mich aber auch Sorge und eine gewisse Scham. Sorge deshalb, weil ich mich frage, wie lange wir noch auf diese massive Unterstützung aus dem Ausland zählen können, und Scham, weil wir hier ganz einfach an einem Brain-Drain mitschuldig sind, welcher schliesslich bis in die schwächsten Regionen unseres Erdballs reicht: Wir profitieren von den Aus­bildungsinvestitionen anderer. Schwarzmalerei? Mitnichten! Die Vollzeitäquivalente haben im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich zugenommen (+0,03%) und dies trotz Zunahme der Kopfzahl um 1,63 Prozent! Und hier sei in aller Klarheit festgehalten: Teilzeit ist kein Gender-Thema! Die Reduktion der Pensen von 2010 bis 2020 erfolgte in allen Bereichen und ist akzentuiert bei den Männern sowie in der Praxisambulanz und Grundversorgung. Ein zusätzlicher Blick auf die sich Jahr für Jahr weiterentwickelnde demo­graphische Pyramide lässt gewisse Schlüsse zu. Oder anders gesagt: Die Fachkräfte werden uns aus­gehen, bevor uns das Geld ausgeht.

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