Briefe / Mitteilungen

Medizinethik, die Tochter der Medizin und Philosophie

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19724
Veröffentlichung: 31.03.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(1314):468

Medizinethik, die Tochter der ­Medizin und Philosophie

Brief zu: Van Spijk P. Die Schwester der Medizin. Schweiz Ärzteztg. 2021;102(7):267–8.

Ein grosser Teil unserer beruflichen Problematik fusst darauf, dass mit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritten der Medizin die geisteswissenschaftliche Medizin ins zweite Glied verdrängt wurde. Der Ersatz des Philosophicums durch das Physicum im Medizinstudium symbolisiert dies. Tertullian herbeizuziehen, um zu zeigen, wie vor 2000 Jahren Philosophie zur Medizin gehörte, ist legitim, aber speziell: er verfasste Streitschriften gegen Juden, eine weitere, mit welcher er die Verschleierung der Jungfrauen, unverheirateten Frauen, Witwen in der Kirche forderte. Er habe ein negatives Menschenbild gehabt, weshalb er nicht heiliggesprochen worden sei. Der Wandel von der geistes- zur naturwissenschaftlichen Dominanz hat nicht nur in der Medizin stattgefunden; er prägt unsere Gesellschaft. In der Medizin ist das Zuhören einem Abchecken und Befolgen von Algorithmen gewichen, mit Aufnehmen von Daten und Laborwerten in der Absicht, direkt zur Diagnose und Therapie zu gelangen. Dabei besteht die Gefahr, dass der Mensch auf der Strecke bleibt. Für die technischen Möglichkeiten in der Medizin sind wir unermesslich dankbar. Dabei darf die Menschlichkeit nicht ­verloren gehen. So wie kürzlich im Artikel «Minds in Medicine» (SÄZ 2021;102(10):371–3) beschrieben: «Das Berufsbild des Arztes als Begleiter in der Krankheit scheint zu verschwinden. Kann es gelingen, den geistigen und philosophischen Anteil der Medizin wieder zu aktivieren?» Hier setzt die Medizin­ethik an. Ein kritisches Hinterfragen mit «Philosophie und Medizin» zu praktizieren, indem man sich auf Platon und Sokrates beruft, um dann einen Schritt weiter zu gehen, indem man nicht mehr sagt, «ich weiss, dass ich nichts weiss», sondern stattdessen, «dass ich wenig weiss», greift zu kurz. Es wäre wohl wichtiger, die Sinnkrise der Medizin zu ana­lysieren und zu fragen, wie es um die berufsethische Rollenverantwortung des Arztes steht angesichts der Veränderungen von Mensch, Medizin, Gesellschaft, Technik, Markt und Umwelt. Philosophische Themen, wie sie Piet van Spijk auflistet, wie Verteilung der Intensivbetten / Hüftprothese mit 95 Jahren, sind Fragen der Medizinethik. Ich möchte vorschlagen, wenn Philosophie die Schwester der Medizin ist, dass Medizinethik die erwachsene selbständige Tochter der beiden ist. Medizinethik bietet mehr als Beschäftigung mit PID, Crispr und Sterbehilfe. Sie stellt in alle­n Bereichen der menschlichen, irdischen oder kosmischen Existenz ethisch-mora­lische Überlegungen an und befasst sich mit den Problemen der Medizin angewandter als die Philosophie. In Zürich (und neu in Luzern) ist der Medizinethikkurs im Studium gut imple­mentiert. Für die approbierten Ärzte bietet sich die Möglichkeit der Absolvierung des Studiums in angewandter Ethik an der Universität Zürich an. Eine längerfristig wünschenswerte Option für die approbierten Ärzte wäre die Organisation eines nationalen Medizinethikkurses durch das SIWF. Mit dem Kurs «Medizin und Philosophie» von Luzern wird der medizinethische Bedarf für die Ärzte nicht abgedeckt. Fazit: 1. Wenn Philosophie die Schwester der Medizin ist, so ist die Medizinethik deren Tochter. 2. Viele der von Piet van Spijk vorgeschlagenen Themen für den Kurs «Medizin und Philosophie» sind Kernthemen der Medizinethik. 3. Eigentlich stellt dieser Kurs einen Parallelstudiengang zum Ethikstudium dar. 4. Deshalb stellt sich die Frage, ob er nicht längerfristig so aus­gebaut werden sollte, dass die medizinethische Kompetenz damit auch gleich erworben würde.

Dr. med. Bernhard Estermann, 
Malters

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