Zu guter Letzt

Zweifel

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19733
Veröffentlichung: 21.04.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(16):558

Hans Stalder

Prof. em. der Medizin, Redaktionsmitglied

Il y a quelque chose de logique, et même de moral, dans le fait que ce soient surtout nous, les vieux, qui payons le plus lourd tribut à cet ogre sans frontières. – Raison de plus pour lui échapper, dis-je.*

Ich bin glücklich! Das Coronavirus hat mich bislang nicht erwischt, und ich bin nun schon zweimal geimpft worden. Nach einigen vergeblichen Versuchen konnte ich mich online für die erste Impfung einschreiben und bekam am nächsten Tag einen Termin. Der zweite folgte vier Wochen später, beide wurden auf meinem Handy bestätigt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat also alles wie am Schnürchen geklappt. Ich verspüre keine Nebenwirkungen und kann heute meine Enkelkinder ohne Angst wieder in die Arme schliessen. Was für ein Privileg!

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich anfangs Zweifel hatte: Sich Ribonukleinsäuren von einem Virus injizieren lassen? Damit diese in meine Zellen eindringen, um ihre viralen Proteine zu synthetisieren? Schnell wurde mir bewusst, dass dies ja jedes Mal passiert, wenn uns ein Virus infiziert oder wenn wir mit ab­geschwächten Viren z.B. gegen Röteln, Masern oder Mumps geimpft werden. Die Viren zwingen uns dazu, Tausende ihrer viralen mRNA-Moleküle zu produzieren ... Da sind die neuen mRNA-Impfstoffe viel raffinierter, denn es besteht nicht die Gefahr, dass sich ein abgeschwächtes Virus wieder in eine virulente Mutan­te verwandelt oder dass sich die RNA in unsere DNA integriert, wie es bei Retroviren mit ihrer Retrotrans­ferase der Fall ist. Die mRNA-Impfstoffe produzieren genau das signifikante Oberflächenprotein, dessen Antikörper uns vor dem Virusbefall schützen. Und schliesslich sind die Ergebnisse der Impfversuche spektakulär und übertrafen alle Erwartungen: 95% Effizienz und wenig Nebenwirkungen!

Einmal geimpft, überkamen mich jedoch neue Zweifel. Warum gerade ich? Ich, mit meiner staatlichen Rente, einem Haus mit Garten und einem Computer, mit dem ich Konzerte und Opern herunterladen kann? Ganz klar gehöre ich zu den Privilegierten in dieser Epidemie. Warum werden nicht zuerst die Jüngsten geimpft, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, warum nicht diejenigen, die dem Virus viel stärker ausgesetzt sind, wie zum Beispiel die Kassiererinnen im Supermarkt? Hätte ich nicht ihnen meine Impfstoffdosen überlassen ­sollen? Oder den Ärzten und dem Pflegepersonal in ­Altersheimen, Krankenhäusern und der Spitex?

Unter dem Pflegepersonal gibt es immer noch viele, die sich nicht impfen lassen wollen. Denen habe ich keine Dosis geklaut. Übrigens verstehe ich überhaupt nicht, warum sich Ärzte und Pflegepersonen weigern, sich impfen zu lassen: Wie können sie, dem Virus tagtäglich ausgesetzt, sich nicht schützen wollen? Weshalb konsultieren sie nicht seriöse und schlüssige ­wissenschaftliche Daten, die die Wirksamkeit und ­Sicherheit des Impfstoffs belegen? Wie können sie, die einen entschieden altruistischen Beruf gewählt haben, das Risiko eingehen, eine potenziell tödliche Krankheit an Patienten zu übertragen, die sich vertrauensvoll an sie wenden?

Natürlich beruhigte es mich, dass unsere Behörden entschieden haben, dass vulnerable Personen den Impfstoff als Erste erhalten sollen. Aufgrund meines Alters gehöre ich dazu, wie einige meiner gleichaltrigen Freunde (und sogar einige viel jüngere) bezeugen, die stark von der Krankheit und ihren Folgen betroffen oder gar verstorben sind.

Man sagt, die Impfung soll verhindern, dass die Intensivstationen der Krankenhäuser überlastet werden. Wenn man mich hierzu befragt hätte, hätte ich ­ge­antwortet, dass ich sowieso nicht auf die Intensivstation will. Ich muss zugeben, meine Motivation für die Covid-19-Impfung war eher (oder sogar rein?) egoistisch, ähnlich wie bei der jährlichen Grippeimpfung, welcher ich mich unterziehe: Ich möchte einfach nur geschützt sein. Also befolge ich gehorsam und etwas scheinheilig die Richtlinien unserer Gesundheits­behörden. Und jetzt hoffe ich, dass ich bald meinen Impfpass erhalte, damit ich wieder reisen und ins Kino, ins Theater und in Konzerte gehen kann. ­Abermals Zweifel?

* Bernard Pivot. …mais la vie continue. Paris: Albin Michel; 2020.

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