Zu guter Letzt

Es ist Zeit, die Pflege zu pflegen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19888
Veröffentlichung: 09.06.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(23):794

Urs Brügger

Prof. Dr. oec., Mitglied der Redaktion

Gemäss Umfragen geniessen Ärztinnen und Ärzte verglichen mit anderen Berufsgruppen in der Bevölkerung ein sehr hohes Vertrauen. Noch besser schneiden allerdings regelmässig die Pflegenden ab. Doch bei den Pflegefachpersonen selbst scheint der eigene Beruf immer weniger beliebt. Viele sind frustriert, überarbeitet, gestresst, nahe am Burnout oder bereits mittendrin. Nicht wenige ziehen die Reissleine und steigen früh­zeitig aus dem Beruf aus. «Die Pflegenden sind müde und wütend», schreibt der SBK, der Berufsverband der Pflegefachpersonen, auf seiner Website.

Die Pflegefachpersonen haben arbeitsmässig die Hauptlast der Pandemie getragen. Sie haben getestet, triagiert, betreut, gepflegt, unterstützt – rund um die Uhr. In vielen Fällen waren sie es, die isolierte und einsame Sterbende bis zum letzten Atemzug begleitet haben. Nicht die Beatmungsgeräte waren der limitierende Faktor in den Spitälern, sondern der Mangel an Fachkräften, insbesondere an spezialisiertem Pflegeper­sonal.

Natürlich rührt der SBK mit derart markigen Aussagen auch die Werbetrommel für seine Pflegeinitiative. Über einzelne Aspekte und Massnahmen der Initiative gibt es unterschiedliche Ansichten, doch dass etwas geschehen muss, um die Situation der Pflege zu ver­bessern und damit eine hochwertige Gesundheitsversorgung nachhaltig zu sichern, scheint unbestritten. Im März 2021 hat das Parlament dem indirekten Gegenvorschlag zur Initiative zugestimmt, der wichtige Punkte derselben aufnimmt. So will der Gegenvorschlag erstens die Aus- und Weiterbildung stärken und zweitens den Pflegefachpersonen mehr Autonomie ­geben, indem sie gewisse Leistungen ohne ärztliche Verordnung abrechnen können.

Eine weitere Forderung der Initiative ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – aus SBK-Sicht der Grundstein dafür, dass Pflegefachpersonen im Beruf bleiben. Diese werde im indirekten Vorschlag vernachlässigt. Einfach mehr Leute auszubilden, die dann nur kurze Zeit im Beruf bleiben, bringe nichts. Yvonne Ribi, Präsidentin des SBK, sagt dazu: «Das ist, als ob man versucht, ein Sieb mit Wasser zu füllen.»

Die Pflegeinitiative schlägt unter anderem vor, Quoten für das Betreuungsverhältnis von Patientinnen/Pati­enten pro Pflegefachperson und Regeln für eine bessere finanzielle Abgeltung der Pflege gesetzlich fest­zulegen. Ich persönlich halte derartige Vorgaben nicht für den richtigen Weg, da diese zu rigide sind und unter­schiedlichen Gegebenheiten und zukünftigen Entwick­lungen zu wenig Rechnung tragen. Nichtsdes­totrotz ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen dringend nötig.

Dabei geht es meiner Meinung nach vor allem um zwei Punkte: Erstens geht es darum, dass Pflegende entsprechend ihrer Ausbildung und ihrer Kompetenzen eingesetzt werden sollten. Der Pflegeberuf hat sich über die letzten Jahre stark weiterentwickelt; es gibt immer mehr Pflegende mit Masterabschluss oder Doktorat. Unter dem Kürzel APN – für Advanced Practice ­Nursing – entstehen gegenwärtig neue Rollen im ambulanten wie auch im stationären Setting. Für diese Veränderungen braucht es dringend entsprechende ­regulatorische Anpassungen und Finanzierungsmechanismen. Dies stärkt die Pflege als Profession und hebt ihren Status im Gesundheitssystem.

Zweitens sollten Pflegende gleichwertige Partne­rinnen und Partner auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen werden. Es ist eine Ressourcenverschwendung, wenn die Berufsgruppe mit den meisten Kontakten zu Patientinnen und Patienten sowie viel Verständnis von Prozessen und starken Management-Skills nicht adäquant an wichtigen Entscheidungen im Spitalmanagement oder in der Gesundheitspolitik beteiligt ist. Die Pflege sollte in relevanten Institutionen und Gremien der Gesundheitsversorgung ihre Perspektive einbringen können und dadurch mehr Einfluss und Macht erhalten. Pflegefachpersonen sind bereit, Leadership im interprofessionellen Setting zu übernehmen.

Der Bevölkerung ist die grosse Bedeutung der Pflege durch die Corona-Pandemie noch stärker bewusst geworden. Spitalmanagement, Ärztinnen und Politiker sollten dieser Berufsgruppe nun auch noch den Stellenwert geben, den sie verdient. Dies stärkt die Gesundheitsversorgung sowie unser Gesundheitssystem und dürfte sich als wirksame und nachhaltige Massnahme gegen den Fachkräftemangel in der Pflege ­erweisen.

Korrespondenzadresse

urs.bruegger[at]bfh.ch

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