FMH

«Mikro!»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19934
Veröffentlichung: 09.06.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(23):759

Michel Matter

Dr. med., Vizepräsident der FMH, Departement Dienstleistungen und Berufsentwicklung

Seit letztem Jahr hören wir diese Aufforderung immer wieder, und sie wird wohl noch lange in unserem kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. In zahlreichen beruflichen oder privaten Videokonferenzen – mal mit nur einigen wenigen, mal mit mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – hat sie für Verwirrung und Aufregung gesorgt.

Jetzt, da ich diese Zeilen verfasse, hat der Bundesrat mitgeteilt, dass Zusammenkünfte wieder in Präsenzform möglich sind. Dies kommt leider zu spät für die meisten Universitäten: Das akademische Jahr 2020/21 ist in einer noch nie dagewesenen Form verlaufen. Studierende, die ihre Professorinnen und Professoren noch nicht persönlich kennengelernt haben; junge Menschen, die noch nie im Hörsaal sassen, kein Seminar vor Ort besuchen konnten, bestenfalls das eine oder andere klinische Praktikum gemacht haben. Kurse, Zusammenkünfte und Schulungen wurden ­reihenweise abgesagt. Dennoch werden diese letzten Monate zu Recht gleich gezählt wie jene in den Jahren zuvor. Online-Unterricht und Videokonferenzen sind nun Teil unseres Alltags geworden. All dies war mit ­einem enormen Aufwand verbunden, den es anzuerkennen gilt.

Sobald das neue akademische Jahr beginnt, müssen wir das Verpasste unbedingt nachholen, denn nichts ersetzt den direkten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten sowie die Visite am Krankenbett. Die technischen Hilfsmittel nehmen einen immer grösseren Stellenwert in unserem Leben ein. Sie scheinen alles zu messen und zu analysieren. Die Daten häufen sich an, überschneiden und überlagern sich, ergänzen sich oder heben sich gegenseitig auf. Höchste Zeit, dass wir wieder ein Gleichgewicht finden. Es ist ebenso wichtig, dass wir uns wieder fortbilden können, auf Kongresse gehen, Kolleginnen und Kollegen treffen und Messen besuchen, wo Trends und Innovationen vorgestellt werden und der medizinische Fortschritt greifbar ist. So langsam scheint es absehbar.

Die Zeiten ändern sich, und wie so oft geht dies mit Fragen im Hinblick auf politische Entscheidungen einher, die sich direkt auf unsere tägliche Arbeit und den ­medizinischen Nachwuchs auswirken. Ein Drittel der in der Schweiz praktizierenden Ärztinnen und Ärzte ist über 60 Jahre alt. Unsere Arztpraxen verändern sich, und dieser Wandel ermöglicht es uns, eine bessere Work-Life-Balance in einer Gesellschaft zu schaffen, in der das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben höchste Bedeutung geniesst. Die Suche nach ­einer optimalen, individuellen Lebensqualität ist essentiell, schliesslich sehen wir die Auswirkungen der Krise auf die Psyche nicht nur bei unseren Patientinnen und Patienten, sondern auch bei vielen unserer Kolleginnen und Kollegen. Wenn unsere nationalen und kantonalen Organisationen kein Gehör finden, werden politische Entscheidungen – von der Aufer­legung eines Globalbudgets, das zu einer Einschränkung der Versorgung führt, bis hin zur kantonalen ­Planung des ambulanten Bereichs – sich nachteilig auf unsere ärztliche Praxis auswirken. Gemeinsam mit der Bevölkerung werden wir jede Massnahme bekämpfen, welche die Qualität der Gesundheitsversorgung beeinträchtigt.

Noch hören wir laufend «Mikro!», aber wir werden ­unser Leben von vor der Pandemie wiedererlangen. Dieses Leben war und ist geprägt von unserem Willen zur ­beruflichen Weiterbildung, um eine immer bessere Behandlung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten, aber eben auch von Kämpfen, damit wir die therapeutische Unabhängigkeit, die unsere Beziehung zu den Patientinnen und Patienten massgeblich bestimmt, bewahren können. Welchen Sinn hat es, sich Fähig­keiten anzueignen, die dann durch einen Kostendeckel begrenzt werden, da eine Rationalisierung der Gesundheitsversorgung wegen angeblich unkontrollierter Kostensteigerungen erfolgen soll? Das Gegenteil ist der Fall, die Zahlen des BAG zeigen, dass wir seit mehreren Jahren verantwortungsbewusste und pro­aktive Akteure und Partner sind (TARDOC, ambulante Fallpauschalen, Smarter Medicine, Interprofessionalität, Qualitäts­zirkel, öffentlich-private Partnerschaften usw.), die professionell, ethisch und wirtschaftlich handeln.

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