Zu guter Letzt

Intensives Hirnrattern 
oder nur ­blödes Glotzen?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20037
Veröffentlichung: 18.08.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(33):1072

Camille Bertossa

Cand. med., Universität Zürich, Vice-President for Public Relations, Swiss Medical Students’ Association (swimsa)

Der mühsamste Teil beim Einstieg ins Metier des ­Medizinberufes ist in meinen Augen das ewige Rumstehen und Zuschauen.

Viel Nützliches kann und/oder darf man als Unterassistentin und Unterassistent nicht machen, weshalb man schnell nicht mehr weiss, was man mit sich selbst ­anfangen soll. Die meiste Zeit verbringt man damit, zu überlegen, wie man nicht allzu überflüssig wirkend ­dastehen kann. Schliesslich möchte man motiviert und tatbereit wirken, am Geschehen teilnehmen und nicht wie ein Pfahl Löcher in den Boden bohren oder wie eine Schlaftablette umherirren.

Schüchtern wirft man dann ab und zu die Frage in die Runde «Kann ich etwas helfen?», worauf man meistens ein mitleidiges Lächeln oder ein höfliches «Nein» als Antwort erhält.

Damit man trotz allem einigermassen ernst genommen werden kann, rüstet man sich demonstrativ mit Notizblock und Kugelschreiber aus oder nimmt gar ein Lehrbuch mit, um ab und zu mal etwas nachschlagen zu können (und intellektuell zu wirken).

Stethoskop lässig um den Hals hängen? Das wirkt dann doch zu überheblich und könnte wiederum das Gegenteil des beabsichtigten Effekts bewirken. Dann belässt man es doch lieber bei wenigen und schlichten Accessoires (denn weniger ist bekanntlich mehr).

Nun komme ich zur Frage, wie man sich am besten während einer Konsultation verhält, welche man begleiten darf. Hier ist Vorsicht geboten, denn wer hier wirre Gedanken auf die Fragen der jeweils ausbildenden Ärztinnen und Ärzte äussert, macht sich nicht nur bei diesen, sondern auch vor der jeweiligen Patientin oder dem jeweiligen Patienten zum Trottel. Unter ­Umständen werden einem dann auch während der restlichen Konsultation immer wieder einmal irritierte Blicke zugeworfen.

Umso mehr freut man sich, wenn man während einer CPR das Protokoll ausfüllen und dabei ebenso konzentriert und beschäftigt wie alle anderen um sich herum die Vitalparameter brav niederschreiben kann. Dann aber kommt alles anders – in einem hektisch-gestressten Ton und zittriger Stimme schreit einem jemand ­etwas zu. Was tun, wenn man es nun akustisch nicht verstanden hat? Nachfragen bedeutet in diesen Situationen seine eigene CPR. Zögern bedeutet: Man konnte sich schlussendlich doch wieder nicht nützlich machen. Hier ist also Hirnrattern gefragt und auch ein wenig Glück. Am Ende sitzt man entweder in der Patsche oder man kann sich einen sicheren Karrierestart ergattert.

In anderen Situationen brennen einem Anamnese­fragen so sehr auf der Zunge, dass sie dann schlussendlich versehentlich rausrutschen. In dem Moment, wenn sich alle Blicke (fragend, erstaunt, verunsichert, vorwurfsvoll oder belustigt) in die eigene Richtung drehen, wünscht man sich, man hätte sich mit dem ­Zuschauen begnügt und die Anamnesefrage (welche vielleicht nie gestellt worden wäre) in das eigene Fragen-Archiv versorgt.

Das Tageshoch wird erreicht, wenn der Auftrag erteilt wird, in der zuständigen Hausarztpraxis anzurufen, um nach den Berichten der Patientin oder des Patienten zu fragen. Nach Eingang des Berichts erfüllt einen das Gefühl von Glück, Zufriedenheit und Errungenschaft. Kommentar nebenbei: Das Hoch würde nicht eintreffen, wenn die Patientenakten bereits alle elek­tronisch wären ...

Fazit zum Medizin-Grünschnabel-Dasein: Vielleicht ist es tatsächlich die letzte Gelegenheit, entspannt dem Geschehen zuschauen zu können. Ich freue mich ­jedoch trotz allem auf die Zeit, in der man richtig zur Tat schreiten darf/kann.

Korrespondenzadresse

vppr[at]swimsa.ch

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