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Zu guter Letzt

Multiorganversagen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20089
Veröffentlichung: 15.09.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(37):1216

Piet van Spijk

Dr. med., Dr. phil., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Präsident Forum Medizin und Philosophie

Liebe Leserinnen und Leser, ich mute Ihnen im Folgenden Unangenehmes zu. Sie geniessen mein volles Verständnis, wenn Sie auf die Lektüre verzichten. Gewisse Dinge – Tod verheissende Diagnosen beispielsweise – will man einfach nicht hören. Denn sie können so starke Ängste hervorrufen, dass sie uns überlasten und uns das Weiterleben zur Hölle machen.

Für all jene, welche trotzdem weiterlesen, möchte ich mit einer kurzen Geschichte zumindest einen sanften Einstieg ins Thema ermöglichen. Eine junge Mutter überlässt ihre siebenjährige Lisa eines Morgens dem Vater und fährt zur Arbeit. Gegen Mittag teilt das ­Mädchen seinem Vater mit, dass es etwas müde sei und sich deshalb hinlegen wolle. Solches ist sich der Vater von Lisa nicht gewohnt. Er bringt dem Mädchen ein Glas Wasser und misst seine Temperatur: 37,2 Grad. Eine halbe Stunde später beginnt Lisa zu erbrechen, das Fieberthermometer zeigt jetzt 38,4 Grad. Der Vater wird unsicher, kontaktiert den Hausarzt, und dann geht alles schnell: Notfallbesuch in der Arztpraxis, ­Rettungswagen, Transport in das nahegelegene Universitätsspital, Intensiv­station. Die Mutter wird von der Arbeit gerufen. Als sie im Spital ankommt, ist Lisa tot. Diganose: Multiorganversagen im Rahmen einer Meningokokken-Sepsis.

Ich habe diese Tragödie als junger Assistenzarzt nur am Rande mitbekommen, trotzdem hat sie sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ich lernte: Wenn in hochkomplexen Systemen, wie wir Menschen es sind, durch Giftstoffe oder Ähnliches ein starker Schaden entsteht, kann ein ausfallender Regelkreis einen anderen, mit ihm verbundenen, ebenfalls zerstören, dieser wieder­um einen nächsten und so weiter. Mein Wissen, dass dies manchmal sehr schnell gehen kann, hat mir in meiner ärztlichen Tätigkeit einige Male dabei geholfen, Kata­strophen zu verhindern. So weit, so schlecht. Viele Kollegen und Kolleginnen haben Ähnliches erlebt.

Durch die gegenwärtige Pandemie sensibilisiert, habe ich mir kürzlich die Frage gestellt, was sich die Meningokokken wohl denken, wenn sie in Windeseile ihre ­eigene Lebensgrundlage, ihren Wirt, in den Tod reiten. Meine Antwort ist klar: Denken tun sie gar nichts, wie könnten sie auch, es sind nur primitive Bakterien.

Doch: Kürzlich überfielen mich im Zusammenhang mit Lisas Geschichte und aktuellen Geschehnissen schreckliche Gedanken, die ich seither nicht mehr ­loswerde, die mich belasten, ja verfolgen. Da ist zum ­einen der Gedanke, dass die komplexen, ineinandergreifenden Systemkreisläufe menschlicher Organismen in vieler Hinsicht denjenigen des «Ökosystems Erde» gleichen. Und da begann ich in Analogie zu Lisas Krankheitsverlauf, die gegenwärtige Klimaerwärmung von gut einem Grad mit leichtem Fieber zu assoziieren. Was, wenn der durchschnittliche Temperaturanstieg nicht nur in den Alpen und in der Arktis schnell mal zwei und mehr Grad betragen wird und wenn die daraus folgenden Flächenbrände in der arktischen Tundra mit einer enormen CO2-Produktion einhergehen?

Könnten das Zeichen dafür sein, dass der Mensch als eine Art «Meningokokke des Ökosystems» dabei ist, ein Multiorganversagen dieses komplexen, Organismus-ähnlichen Systems in Gang zu setzen? Was also, wenn das eine Grad Klimaerwärmung weltweit (und die zwei bis drei Grad in exponierten Gegenden) dem Moment entspricht, an welchem Lisa zu erbrechen beginnt und alles eigentlich schon zu spät ist? Was, wenn das geplante Handeln in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren viel zu spät kommt, weil sich das Ökosystem der Erde schon jetzt unwiederbringlich so stark verändert, dass das Überleben des Menschen unmöglich wird?

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich hoffe, dass es Ihnen möglich ist, meine Ängste mit überzeugenden Argumenten zu entkräften. Vielleicht hinkt mein Vergleich mit der Meningokokken-Sepsis. Es besteht sicher eine Klimaerwärmung, aber diese ist vielleicht mit der zeitlichen Dynamik eines Multiorganversagens unseres Ökosystems nicht zu vergleichen. So würde es aus­reichen, die Therapie nur langsam und zögerlich zu starten. Vielleicht sind die Brände in der Arktis, die Mittelmeerbrände, die Wärmerekorde in Kanada und die Überschwemmungen in Deutschland tatsächlich nichts als dumme Zufälle, die uns nur am Rande zu ­beschäftigen haben. Überzeugen Sie mich, liebe Leserschaft, ich hoffe auf Sie!

PS: Falls Sie – was ich nicht hoffe – meine Ängste nicht zu entkräften vermögen, was ist um Himmels Willen zu tun?

Korrespondenzadresse

pvanspijk[at]svsl.ch

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