FMH

Kostenexplosion 2021?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20115
Veröffentlichung: 01.09.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(35):1117

Urs Stoffel

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Ambulante Versorgung und Tarife

Bald ist es wieder so weit, der Prämienherbst steht vor der Tür und mit ihm auch die alljährlichen Diskus­sionsrunden um Statistiken und Massnahmenvorschläge, wie dem Wachstum der Gesundheitskosten Einhalt geboten werden könnte.

Seit 2016 hat das Departement Ambulante Versorgung und Tarife der FMH kontinuierlich ein differenziertes und aussagekräftiges Monitoring der ambulanten Arztkosten in den Praxen aufgebaut. Einer der Eckpfeiler dieses Datenmonitorings ist die umfassende ärzteeigene Datensammlung durch Trustcenter, welche von der NewIndex für dieses Monitoring aufgearbeitet und bereitgestellt wird. Dieser Datenpool basiert auf Rechnungsdaten von circa 10 500 Arztpraxen und 316 Mil­lionen Rechnungskopien (Stand Ende März 2021). Die verwendeten Daten sind immer anonymisiert. Es ist die Aufgabe der FMH, zu evaluieren, wie sich die Gesundheitskosten im praxisambulanten Bereich ent­wickeln, und die Gründe für diese Entwicklungen zu analysieren.

Wir konnten beispielsweise aufzeigen, dass das TARMED-­Volumen pro Patient seit Jahren stabil ist [1], die ­Anzahl Patienten im Verlauf der Jahre aber zunimmt und sich damit teilweise auch die Kostenentwicklung begründen lässt.

Eine weitere Analyse zeigt die Zuwachsrate bei den Leistungen, die von Versicherern eingefordert werden, wie beispielsweise dem formalisierten Arztbericht. Hier lässt sich je nach Position bis zu einer Verdopplung von einem Jahr zum nächsten beobachten.

Santésuisse erwartet 2021 den grössten Kostenschub seit Jahren [2]. Ihre Auswertung basiert auf den aktuellen Zahlen des Versicherungsverbandes für das erste Halbjahr (Januar bis Juni 2021). Auf den ersten Blick sieht man ein erhebliches Wachstum von 7,7% für ärztliche Behandlungen im Vorjahresvergleich. Auf den zweiten Blick präsentiert sich jedoch ein etwas differenzierteres Bild: Die vor knapp einem Jahr publizierten Entwicklungen für das erste Halbjahr 2020 wiesen ­einen Rückgang der Kosten von 4,4% auf [3]. Grund ­dafür war, dass über längere Zeit nicht dringliche Behandlungen und Eingriffe nicht durchgeführt werden durften. Das diesjährige Wachstum kann also nur mit einer Periode verglichen werden, in welcher die Behandlungen ebenfalls uneingeschränkt erbracht werden konnten. Es handelt sich dabei um den sogenannten Basiseffekt. Berücksichtigt man diesen, so liegen die Kosten im ersten Halbjahr 2021 trotz anhaltender Pandemie – und diese erzeugt bei Weitem nicht nur Test- und Impfkosten – auf dem Niveau von 2019! Seit mehreren Jahren liegt nun das Wachstum der ­Gesundheitskosten bei 3% und entspricht somit bereits den Wachstumszielvorgaben, welche der Experten­bericht im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) 2017 als «ehrgeizig» und langfristig an­zustreben beschrieben hatte [4]. Es gibt somit keinen Anlass für politischen Aktivismus mit drastischen Kostendämpfungsmassnahmen.

Wie die Entwicklung für das gesamte Jahr 2021 aus­sehen wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Noch ist die Corona-Pandemie nicht überstanden, und auch das Jahr 2021 wird sicher kein «normales» Jahr sein. Genau für solche Fälle haben die Versicherer prämienfinanzierte Reserven angelegt. Wann, wenn nicht jetzt, sollte auf diese Reserven zugegriffen werden, um die finanziellen Auswirkungen der grössten Pandemie der letzten Jahrzehnte abzufedern?

Literatur

1 Schutz K, Zehnder S. TARMED-Volumen pro Patient seit Jahren stabil. Schweiz Ärzteztg. 2021(102);19–20:640–2.

2 Pinto C. Die Gesundheitskosten schnellen in die Höhe. SonntagsZeitung, 8.8.2021, S. 5.

3 Monitoring der Krankenversicherungs-Kostenentwicklung (MOKKE) (admin.ch), Abrufdatum: 24.9.2020.

4 Kostendämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung: Bericht der Expertengruppe, https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/50084.pdf

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