Zu guter Letzt

Digitaler versus persönlichen ­Austausch

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20124
Veröffentlichung: 22.09.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(38):1252

Daniel Schröpfer

Dr. med., Stadtarzt Zürich, Vorstand Verein der Leitenden Spitalärzte der Schweiz (VLSS), Redaktionsmitglied

Die letzten Wochen gaben Hoffnung, dass der persönliche Austausch sowohl im Privaten wie auch im Beruf­lichen wieder mehr möglich wird. Aktuell verändern sich die täglichen Fallzahlen deutlich und zeigen, dass wir noch einen (weiten) Weg vor uns haben. Schutzmassnahmen und entsprechende Konzepte sind notwendig, um diese Situation zu beherrschen und eine «Normalisierung» herbeizuführen.

Die Situation seit letztem Jahr hat viele Veränderungen angestossen − insbesondere im Hinblick auf die Nutzung elektronischer Formate für die Kommunikation.

Neben der Arbeit mit den Patientinnen und Patienten wurde mir in den letzten Monaten die Teilnahme an diversen virtuellen Meetings «ermöglicht». Nicht nur die unterschiedlichen technischen Voraussetzungen stellen neben der persönlichen Affinität zu dieser Form der Kommunikation aus meiner Sicht − überwindbare − Hürden dar. Ich durfte lernen, dass trotz korrektem Vorgehen zur Erstellung eines Onlinemeetings mir, dem Ersteller, der Zugang verwehrt wurde. Ebenso die Inkompatibilität diverser Systeme unterschiedlicher Institutionen. Die Wichtigkeit des rechtzeitigen Einwählens, der Umgang mit Kamera und ­Mikrofon und nicht zu vergessen die Wahl des Hintergrunds − diese Herausforderungen zu Beginn eines Onlinemeetings durften wir alle kennenlernen.

Eine besondere Steigerung stellten für mich Onlinemeetings von initial mehr als vier Stunden am Stück dar − Konzentrationsschwäche und Gähnen inklusive. Wäre jemand auf die Idee gekommen, ein physisches Meeting von dieser Dauer ohne Pause zu planen? Auch das haben wir lernen dürfen: Diese Marathonsitzungen gehören zum Glück der Vergangenheit an.

Virtuelle Meetings haben unbestritten Vorteile: zum Beispiel entfallen Reiseweg und -zeit. Meine Erfahrung zeigt, dass der digitale Austausch weit weniger spontan und interaktiv ist. Eine Videounterstützung für die Aus- und Weiterbildung in gewissen Berufen respektive Situationen ist sicher eine Bereicherung, doch die Korrekturmöglichkeit der Realität darf im persönlichen Austausch nicht unterschätzt werden.

So habe ich im Austausch mit einer Universitätsleitung realisiert, dass es bald an Hochschulen und Universitäten Studierende geben wird, die nur eine virtuelle Universität kennen und keinen physischen Unterricht «erleben durften». Drei bis vier Semester ohne Präsenzunterricht. Wie funktioniert der Abgleich mit den Mitstudierenden, das gemeinsame Lernen, der soziale Austausch? Dies lässt in mir kein gutes Gefühl zurück für die junge Generation.

Viele Weiterbildungen und Kongresse im ärztlichen Bereich sind im letzten Jahr auf Onlineveranstaltungen oder virtuelle Meetings umgestellt worden. Einige Male ist dies sicher möglich, doch für mich gilt auch hier: Es fehlt der persönliche Austausch. Im September 2020 und im Juli 2021 durfte ich zwei Veranstaltungen vor Ort besuchen. Ein Erlebnis, der persönliche Kontakt und Austausch. Mein Dank gilt den Veranstalterinnen und Veranstaltern, die physische Veranstaltungen mit entsprechenden Schutzkonzepten ermöglicht haben und gezeigt haben, dass es machbar ist. 

Die elektronische Kommunikation betrifft für mich nicht nur Meetings, sondern auch den E-Mail-Verkehr. Haben Sie einmal gezählt, wie viele Newsletter oder Lesetipps Sie täglich per E-Mail zugesendet bekommen? Wie viele davon lesen oder überfliegen Sie? Eine grosse Anzahl (medizinischer) Zeitschriften ist mittlerweile ebenfalls online verfügbar. Dies ist für ein Team mit verschiedenen Standorten ein enormer Vorteil. Das störanfällige physische Hin- und Hertragen der Zeitschriften fällt weg, und für die Umwelt ist die Produktion ohne Papier ebenfalls ein Plus. Jedem steht die Möglichkeit weiterhin offen, spannende Artikel auszudrucken. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass man bei einer E-Mail selber entscheiden kann, wann man sich dieser widmet oder ob man sie ungelesen gleich löscht. Ich habe weiterhin das Bedürfnis, eine Zeitung, ein Journal oder ein Buch auch physisch in der Hand zu halten und die Seiten umblättern zu dürfen. Natürlich habe ich auch Bücher schon elektronisch gelesen, es ist für mich noch immer ungewohnt.

Wie sehen Sie das? Würden Sie eine digitale Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung so lesen wie eine gedruckte Ausgabe? Würden Sie die bisherige Art und Weise weiterhin schätzen oder gelegentlich den delete-Knopf drücken?

Korrespondenzadresse

daniel.schroepfer[at]zuerich.ch

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