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FMH

Eine starke Gesundheitsversorgung braucht eine starke Pflege

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20127
Veröffentlichung: 08.09.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(36):1155

Yvonne Gilli

Dr. med., Präsidentin der FMH

«Die Zukunft der Pflege ist eine qualifizierte, professionelle Pflege, oder es gibt keine Zukunft der Pflege», lautet ein bekannter Ausspruch der Ordensschwester und Pflegepionierin Liliane Juchli. Dieser Zukunft werden wir nun am 28. November etwas auf die Sprünge helfen müssen, denn mit der Volksinitiative «Für eine starke Pflege» hat der Pflegeverband diverse Probleme aufs politische Tapet gebracht: Qualifizierte Pflege braucht ausreichend Fachpersonen – und damit genügend Ausbildung, aber auch verbesserte Arbeitsbedingungen, um die Pflegefachpersonen (länger) in ihrem Beruf zu halten. Professionelle Pflege kann auch in eigener Verantwortung arbeiten, was nicht nur den Beruf ­attraktiver macht, sondern auch unnötige ärztliche Anordnungen vermeidet. Und um Professionalität zu gewährleisten, braucht es einen angemessenen Personalschlüssel – nicht nur im Sinne der Pflegenden, sondern vor allem auch für die Patientensicherheit.

Den meisten Menschen waren die Herausforderungen, denen sich die Pflege täglich stellt, schon vor dem kollektiven Applaus in Lockdown-Zeiten sehr bewusst. Und insbesondere wir Ärztinnen und Ärzte, die mit den Pflegenden vielfach den Arbeitsalltag verbringen, kennen die Situation gut. Insofern ist es wenig überraschend, dass der Beschluss der FMH, die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» zu unterstützen, deutlich ausfiel – schon lange bevor diese am 7. November 2017 eingereicht wurde.

Die Türen der Politik standen hingegen weniger weit offen: Der Verfassungsartikel zur medizinischen Grundversorgung würde ausreichen, argumentierte der Bundesrat. Alain Berset warnte vor höheren Kosten und Prämien. Der letztlich von der SGK-N ausgearbeitete und im März 2021 vom Parlament verabschiedete Gegenvorschlag kommt den Pflegenden auf halbem Wege entgegen, indem er eine Ausbildungsoffensive und einen eigenverantwortlichen Bereich vorsieht. Nicht berücksichtigt wird im Gegenvorschlag hingegen die Forderung nach besseren Arbeits­bedingungen – so dass die zusätzlich ausgebildeten Fachpersonen bald wieder weg sein könnten. Und auch die Forderung der Pflege nach einer an­gemessenen nurse-to-patient ratio wurde nicht aufgenommen.

Dass die Pflegenden unter diesen Bedingungen lieber die Initiative vors Volk bringen als sich auf den Gegenvorschlag einzulassen, ist verständlich. Wer das Ziel ­einer ausreichenden Pflege von hoher Qualität teilt, sollte konsequenterweise auch für nurse-to-patient ­ratios eintreten, die ebendies sicherstellen. Gerade die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig eine aus­reichende personelle Ausstattung sein kann und dass nicht die Zahl der Betten, sondern der Personalschlüssel entscheidend ist, wenn es darum geht, wie viele Covid-19-Patienten versorgt werden können. Und auch in einem weiteren Punkt enttäuscht der Gegenvorschlag: Obwohl für Patientensicherheit und Haftungsfragen zentral, bleiben die Kompetenzabgrenzungen zwischen Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachpersonen unpräzise. «Gemeinsame Anordnungen» fordern neu zwei Unterschriften, wo zuvor eine reichte, und verwischen die Verantwortung. Dies hilft in der Versorgung sicher nicht weiter.

Die Ärzteschaft unterstützt die Pflege also voll und ganz darin, den Gegenvorschlag als ungenügend zurückzuweisen und ihre Initiative vors Volk zu bringen. So wie wir mit der Pflege gemeinsam vor unseren Patienten für ihre Versorgung Verantwortung übernehmen, müssen wir auch gemeinsam in der Politik für die Voraussetzungen einstehen, die eine gute Versorgung braucht. Eine gute medizinische Versorgung ist ohne eine gute pflegerische Versorgung nicht möglich und umgekehrt. Und eine allgemein zugängliche, ­qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung braucht ausreichend qualifizierte Fachpersonen, die Rahmenbedingungen vorfinden, in denen sie profes­sionell arbeiten können. Nehmen wir die Zukunft in die Hand.

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