Zu guter Letzt

Über Clogs, Crocs und Zoggeli

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20163
Veröffentlichung: 06.10.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(40):1314

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Klack, klack, klack. Haben Sie, liebe ältere Semester, ab den 1970ern auch in Spital oder Praxis diese Clogs getragen, in der Schweiz auch «Zoggeli» oder italienisch «Zoccoli» genannt? Nein, liebe Jüngere, ich meine nicht Crocs aus Plastik. Ich meine diese pantoffelartigen Holzsohlenschuhe mit der typisch wulstigen Schuhschnauze im ledernen Obermaterial, allenfalls voller unzähliger winziger Luftlöcher. Heute trifft man Clogs nur noch selten auf den Stationsgängen. Trotzdem gelten sie immer noch als typische Berufsschuhe für pflegerisches und ärztliches Personal.

Sie kamen aus dem Schweden des ABBAzäns, eroberten die Füsse der alternativen Späthippies des deutschsprachigen Raums und drückten das Lebensgefühl der Authentizität aus. 1978 feierte der italienische Film L’albero degli zoccoli («Der Holzschuhbaum») in den Kinos Erfolge. 1983 sei er mit langen Haaren und Zoccoli im Onsernonetal angekommen, erinnerte sich der spätere «Bergarzt» Beppe Savary in der Schweizerischen Ärztezeitung [1]. In Spital und Praxis traf das alternative Schuhwerk auf eine Zeit sich lockernder Kleiderregeln. Und vielleicht begann man damals auch konsequenter, zum Dienstantritt spezielle Arbeitsschuhe anzuziehen. Die eigentliche Geschichte des Schuhs in den Gesundheitsberufen muss noch geschrieben werden.

Clogs wurden als praktisch wahrgenommen. Aber sie waren auch Zeichen einer anderen, offeneren Medizin und Pflege, einer weniger hierarchisch-formalistischen Berufsauffassung. Heisse Diskussionen, etwa in der Zürcher «Pflegi», um Lärm, Ästhetik und Sicherheit der neuen Schuhmode waren Stellvertreter für grundsätzlichere Fragen.

Als die Mode abebbte, wurden die Gesundheitsberufe – neben den Kindergärten – eines der Rückzugsgebiete der Clogs. Die Modelle wurden den Erfordernissen angepasst: stossdämpfende Synthetik statt einer harten Holzsohle; ein Fersenriemen für die Stabilität; oft weiss, manchmal bunt. Clogmodelle vermischten sich mit ideologisch verwandten Schuhformen wie dem Birkenstock, der urdeutschen Sandale für «Ärzte, Anthroposophen und Kindergärtnerinnen» (TagesWoche [2]). Eine Art typischer Arzt-, Medizin- oder Pflegeclog-Stil bildete sich heraus. Dieser Schuh atmet auch heute die spezielle Pragmatik solcher Berufe. Und vielleicht werden diese «sabots médicaux» im französischsprachigen Raum auch nicht mehr als so «deutsch» wahrgenommen wie ihre Originale und sind deshalb verbreiteter. Selbst im eigens herausgebrachten Grey’s Anatomy-Fanschuh namens «Meredith» spiegelte sich dieser Hybridclog.

Ein weiterer Spezialclog nistete sich schliesslich im Operationssaal ein – als «OP-Clog» oder «Gummi-Zoggeli» in jeweiliger OP-Farbe. Sozusagen als Rückzugs­gebiet zweiten Grades. OP-Schuhe sind bis heute meist clogartig. Schnell und einfach wechselbar, rutschfest, sterilisierbar, ohne elektrostatische Entladung – ein essentieller Teil des Verwandlungsrituals im OP-Umkleideraum.

In diese Situation grätschte in den späten Nullerjahren die Vollplastik-Clogvariante der «Crocs» mit ihrer knalligen, polarisierenden Anti-Ästhetik hinein. Die Crocs wurden ebenfalls bei «Fachärzten und OP-Schwestern» (Süddeutsche Zeitung [3]) beliebt und gleichzeitig aus Sicherheitsgründen in manchen Spitälern verboten.

Wer heute in den Kliniken den Blick unterhalb des weis­sen Kittels bewegt, sieht dort fast ausschliesslich Sneakers, den aktuellen Bedeutungsträger sportlichen Lockerseins. Die Wahl der Sneakermarke sei hier nicht so wichtig wie in der Freizeit, sagt Elin Wiher, frisch gebackene Fachfrau Gesundheit in der Hirslanden-Gruppe. Eher, dass sie bequem sind. Und wieder einmal verschmelzen Pragmatik und Symbolik.

Den Mode-Auguren zufolge sind die ursprünglichen Clogs – nun als Vintage-Zitat – auf den Strassen derzeit wieder am Kommen. Demnächst vielleicht auch wieder auf den Stationen. Was sie dann wohl ausdrücken mögen?

Literatur

1 Lüthi D. «Ich bin ein Fels, Wald- und Wiesendoktor.» Schweiz Ärzteztg. 2011;92(35):1352.

2 tageswoche.ch/allgemein/vom-oekotreter-zur-hipstersandale-die-erfolgsgeschichte-des-birkenstock/index.html

3 sz-magazin.sueddeutsche.de/mode-and-accessoires/leicht--bequem-lustig-und-ziemlich-haesslich-76466

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