Horizonte

… Oscar Franco, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern (ISPM)

«Gesundheit erhalten – nicht Krankheit bekämpfen»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20308
Veröffentlichung: 08.12.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(49):1677-1679

Daniel Lüthi

Freier Journalist und Fotograf, Medientrainer, Bern

Der Mann mit der markanten Brille hat etwas Visio­näres. Sehr schnell lenkt er die Diskussion in fast philo­sophische Sphären, wo es um grosse Ambitionen und Konzepte geht, um Ideale, die für ihn konkrete Ziele sind – Grundsätze, die es umzusetzen gilt. Nichts weniger als die Gesundheit des Planeten steht für ihn zur Debatte. «Wir brauchen eine neue Medizin», sagt er in diesem Zusammenhang zum Beispiel.

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Vom Patienten zur Population

Schon als Kind in den kolumbianischen Anden habe er den Menschen helfen wollen, erzählt Oscar, wobei es für ihn selbstverständlich ist, dass man sich unter ­Latino-Affinen beim Vornamen nennt. Zum Geburtstag habe er sich ein Spielzeug-Stethoskop gewünscht, die Berufswahl sei für ihn schon als Dreijähriger klar gewesen: «Ich wollte Doktor werden, mit grosser Wahrscheinlichkeit Herzchirurg.» Ein Stipendium ermöglichte ihm den Sprung nach Europa, und einen entscheidenden Wechsel innerhalb der Medizin. In Rotterdam sei er von der Idee weggekommen, Individuen helfen zu wollen, immer mehr habe er seinen ­Fokus von den Patientinnen und Patienten zu ganzen Populationen verschoben. «Ich realisierte, dass ich in den Fächern Epidemiologie und Public Health nicht nur einigen wenigen Menschen pro Tag helfen kann, sondern tausenden, wenn nicht gar Millionen.» Anfänglich habe er deswegen schlecht geträumt und sich Vorwürfe gemacht. «Ich hatte das Gefühl, kein rich­tiger Arzt mehr zu sein.»

Aber so einer, zu dem er ausgebildet worden war, wollte er nicht mehr sein.

«Medikamente geben und operieren, behandeln und heilen – auch, wenn es dafür oft bereits zu spät war: So habe ich Medizin gelernt.» Mehr und mehr habe er realisiert, dass es besser wäre, Krankheiten zu vermeiden und ihnen auf den Grund zu gehen. Magenschmerzen beispielsweise einfach mit einem Schmerzmittel zu behandeln sei ihm zu einfach geworden, lieber sei er Zusammenhängen auf die Spur gekommen, familiären Hintergründen, einem schädlichen Lebensstil. «Aber das ist eine stille Arbeit, die viele möglicherweise als zu simpel oder gar langweilig erachten. Vielleicht hat deshalb die Prävention in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht den Stellenwert, der ihr gebührt.»

Zur Person

Prof. Oscar Franco wurde 1975 in Bucaramanga in Kolumbien geboren. 1998 schloss er in der ­kolumbianischen Hauptstadt Bogotá sein Medizinstudium ab. Bis 2005 spezialisierte er sich an der Erasmus-Universität Rotterdam in den Niederlanden in klinischer Epidemiologie, Public Health und kardiovaskulären Krankheiten. 2009 bis 2012 lehrte er an der Universität von Cambridge in Grossbritannien am Departement für Public Health und Primary Care. Nach erneuter Tätigkeit in Rotterdam wurde er 2018 – als erster Nichtberner – ­Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern. Dieses Institut feiert gerade sein fünfzigjähriges Bestehen. Oscar Franco ist verheiratet und Vater eines siebenjährigen Sohnes. Bezüglich Wohnort pendelt er zwischen Bern und Leiden in den Niederlanden, wo seine Familie lebt.

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Vorbeugen statt heilen

Was aber meint Franco mit «neuer Medizin»? «Wir müssen vor allem Gesundheit erhalten – nicht Krankheit bekämpfen. Heutige Ärztinnen und Ärzte wollen eine Diagnose und darauf basierend eine Therapie. Sie wollen ein heutiges Problem möglichst noch heute ­lösen», erklärt er. Dabei würden sie aber eine Patientin oder einen Patienten nicht als komplexes Wesen und Teil einer Gesellschaft wahrnehmen, «sondern lediglich als eine Ansammlung von Organen und Symptomen. 90 Prozent der wirklichen Probleme bleiben auf diese Weise jedoch ungelöst». Die Gedankenkette ­«Magenschmerzen–Gastritis–Medikament» beispielsweise greife zu kurz, «die Wurzeln des Problems werden vergessen, sie heissen vielleicht Stress oder Einsamkeit». Den Ursachen auf den Grund gehen wäre also die Devise. Vor allem aber: vorbeugen statt heilen.

Gefragt und gefordert für einen solchen Wandel sind alle Ebenen, ist Oscar Franco überzeugt. «Warum beispielsweise werden unsere Kinder in der Schule in ­Trigonometrie unterrichtet und nicht in gesunder Ernährung? Was nützt es ihnen zu wissen, welches die Hauptstadt der Türkei ist, wenn sie doch nie nach Ankara reisen werden?» Mit den medizinischen Fakul­täten ist das ISPM, sein Institut, immer wieder im ­Gespräch, damit die Prävention in der Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner endlich das nötige ­Gewicht erhält. Politikerinnen und Politiker versuchen er und seine Mitarbeitenden zu motivieren, sichere Velowege zu bauen, damit sich die Bevölkerung besser bewegen kann. Die Gesetzgebung bezüglich Tabak­werbung müsse verschärft werden: «Hier hinkt die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch hinterher, nach wie vor rauchen hierzulande rund 30 Prozent der Bevölkerung, und die Tabak-Lobby ist zu stark.» Auch sei verstärkt darauf hinzuweisen, dass ­E-Zigaretten keine Alternative seien.

Bilanz und Blick nach vorn

Ja, die Rauchstopp-Kampagnen: Sie prägten vor 50 Jahren die Anfangszeiten des Instituts für Sozial- und ­Präventivmedizin ISPM. Es folgten als Schwerpunkte die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und von HIV-Infektionen.

Und heute? Wohin will der Direktor aus Kolumbien mit dem Berner Institut, das sich längst eine internationale Reputation erarbeitet hat? Oscar Franco nennt unter dem Slogan «ISPM 2030» drei Hauptthemen, welche die künftige Arbeit seines Instituts prägen sollen: Planetary Health, also der Klimawandel und seine Folgen, der ­demographische Wandel und die altersbedingten Krankheiten – und Infektionskrankheiten inklusive der bedrohlichen Antibiotika-Resistenzen. «Gerade die ­Corona-Pandemie hat uns dramatisch vor Augen geführt, wie die verschiedenen grossen Bereiche zusammenhängen», sagt Professor Franco. «Hier sehen wir, wie fragil das ganze System ist und dass wir nicht die Herren über alles sind. Lange dachten wir, Wuhan sei weit weg – wir waren arrogant und schlecht vorbereitet.»

Was ist zu tun?

Was die Corona-Pandemie einmal mehr auch klar gemacht habe, seien die sozialen Aspekte von Gesundheit und Krankheit. «In Kolumbien beispielsweise hat Covid bei den Todesopfern zu 90 Prozent die arme Bevölkerung getroffen, und auch in der Schweiz sind schwergewichtig alte Menschen und Minoritäten die Opfer.» Was also ist konkret zu tun? Diese Frage beschäftigt das ISPM und ihren Direktor immer wieder neu. Obschon viele Erkenntnisse im Grunde ziemlich banal und auch ziemlich alt sind: Möglichst viele Menschen sollten Zugang zu möglichst gesunder Nahrung haben. Möglichst jede Person sollte sich möglichst viel bewegen, möglichst wenig Alkohol trinken und nicht rauchen – und so weiter.

Ist es für einen, der sich mit solchen Selbstverständlichkeiten täglich auseinandersetzt, bisweilen nicht das frustrierende Gefühl von Sisyphus-Arbeit, das sich breitmacht? Wiederum zeigt sich der Visionär: «Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass ich heute mit meinem Telefon jederzeit gratis eine Bild-und-Ton-Verbindung zu meiner Mutter in Kolumbien herstellen kann?», fragt der Professor mit der markanten Brille und dem direkten Blick. «Wir müssen an unsere Ziele und Träume glauben und für sie kämpfen. Ich tue es nicht mehr für mich, sondern beispielsweise für meinen Sohn, also für die kommende Generation.»

Darüber sprechen – und selbst handeln

Und selbst? Ganz persönlich? Was tut der Professor für Präventivmedizin für seine eigene Gesundheit? Es sei tatsächlich nicht leicht, selbst umzusetzen, was man propagiere, ja predige, schickt Oscar Franco mit einem Schmunzeln voraus. Mit Rauchen habe er 2002 auf­gehört. Aber Sport betreibe er regelmässig erst seit ­Beginn der Pandemie. Früher habe er ab und zu Fussball gespielt und immer wieder Verletzungen davon­getragen. 2019 habe er zusammen mit andern dann im British Medical Journal einen Artikel mit dem Fazit ­publiziert, dass einer mit einem gesunden Lebensstil sein Leben um sieben bis zehn Jahre verlängern könne. Er habe dann auch Interviews zum Thema gegeben – und dabei gemerkt, dass er selbst zu wenig für seine Gesundheit tue. «Es reicht eben nicht, es zu wissen und darüber zu sprechen; man muss es auch tun», habe er sich gesagt – und damit begonnen, regelmässig joggen zu gehen.

Volle Tage

Und schon sind wir wieder auf einer übergeordneten Ebene: «Unsere Gesellschaft ist auf Arbeit ausgerichtet, wir haben gar keine Zeit, um etwas für uns zu tun.» Deshalb sei es wichtig, Unternehmen davon zu überzeugen, dass die Produktivität der Mitarbeitenden mit der Anzahl Bürostunden nicht zunehme. Eine Uni­versität in Schweden habe für alle eine Stunde pro Tag vorgesehen (und auch bezahlt), die für körperliche ­Aktivitäten reserviert gewesen sei, erwähnt er als positives Beispiel. Und fügt eine Zusammenfassung unserer Situation an: «Wir leben länger und länger – aber in einer Welt und einer Gesellschaft, die kränker und kränker werden.»

Jetzt klopft jemand an die Bürotüre und erinnert den Professor relativ ungehalten daran, dass die Teilnehmenden der nächsten Sitzung bereits seit fünf Minuten warten würden. So beeinflusst das eine das andere: Unsere Begegnung hat auch mit Verspätung begonnen, weil die vorhergehende Sitzung etwas länger gedauert hatte. «Siehst du, das ist auch mein Alltag – Meeting nach Meeting nach Meeting», sagt Oscar Franco beim Aufstehen. Diesmal ist seine Aussage offensichtlich nicht nur von Optimismus geprägt.

Es könnten solche Momente sein, die bei ihm heut­zutage ab und zu für schlechte Träume sorgen.

Credits

Fotos: Daniel Lüthi

Korrespondenzadresse

dl[at]dlkommunikation.ch

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