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Zu guter Letzt

Über die gewesenen Genesenen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20481
Veröffentlichung: 09.02.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(06):202

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Als Fabio (wir wollen ihn hier so nennen) letzten Sommer von seinen Spanienferien zurückfliegen wollte, wurde er positiv auf Covid-19 getestet. Er machte die Infektion im Hotelzimmer durch und kam nach der Genesung wieder in der Schweiz an. Als er dann im Herbst aber sein Zertifikat wollte, zu dumm, konnte er kein positives PCR-Testergebnis beibringen. Er war ­genesen – und doch nicht genesen.

Es gab einmal eine Zeit, da bedeutete «genesen sein» einfach, eine Krankheit durchlitten zu haben und jetzt wieder auf den Beinen zu sein. So wie Wilhelm Busch um 1860 gereimt hatte: «Drei Tage war der Frosch so krank, jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!» Das war etwas Emotionales, oft Subjektives. Aber nicht immer so pathetisch wie in Eduard Mörikes romantischem Gedicht Der Genesene an die Hoffnung von 1838 (1888 vertont von Hugo Wolf). War man von etwas genesen, blieb man es für diese Erkrankung. Allenfalls verblasste die Bedeutung dieses Krankheits- oder Gesundheitszustands mit der Zeit.

Und dann kam Corona mit allem Drumherum. Und man fragte zum Beispiel: Verbreiten Genesene das ­Virus immer noch? Nichts mehr mit Hoffnung und Freude. Genesene wurden zur potenziellen Gefahr. Neue, andere Bedeutungen legten sich über das herkömmliche Begriffsverständnis. Als Nächstes wurden Genesene von Quarantäne-Pflichten befreit. Das «Genesensein» wurde von einem individuellen körperlichen Zustand zu einer medi­zinalrechtlichen Ausnahmekategorie. Schliesslich spülte das Zertifikatsregime den etwas ­altertümlichen, behäbigen Begriff des Genesenen in das grelle Licht extremer Aufmerksamkeit – in nochmals ­einer anderen Bedeutung. 3G/2G-Tafeln an Eingängen von Restaurants etc. illustrieren öfters mit Piktogrammen, was die «G» bedeuten. Bei «geimpft» ist es fast immer eine Spritze. Bei «genesen» ist es manchmal ein Virus mit einem grünen Haken für «durchgemacht». Das ist das alte «Genesensein». Oft aber ist bei «genesen» das Symbol eines Dokuments abgebildet. Auch mit grünem Haken oder gar mit Stempel. Sehr amtlich.

«Genesen sein» bedeutet seit einigen Monaten im ­Corona-Alltag mehrheitlich etwas anderes, als eine Krankheit durchgemacht zu haben. Es bedeutet, ein positives PCR-Testresultat vorlegen zu können.

Genesen ist man auch nicht, wenn man die Krankheit überwunden hat, sondern nach einer per Verordnung definierten Anzahl an Tagen ab positivem Test. In der Schweiz und Frankreich sind das 11, anderswo 12, 14 oder in Deutschland gar 28 Tage. Vorher ist man dort nicht «genesen», egal wie «genesen» der eigene Körper ist. Danach ist man es, auch wenn man körperlich noch gar nicht genesen ist.

Das neue «Genesensein» ist auch nicht von Dauer, wie das alte. Nach einem halben oder einem Jahr hört es auf. Je nach Land. Um Mitternacht. Klick. Danach werden die amtlich Genesenen etwas, das es vor Corona noch nicht gegeben hat: gewesene Genesene.

Fabienne (nennen wir sie so) zählt zu einer besonderen Gattung. Sie war von März bis September letzten Jahres eine Genesene. Danach wurde sie zu einer gewesenen Genesenen. Damit aber nicht genug. In der Nacht vom 15. auf den 16. November mutierte sie ohne ihr Zutun zu einer Wiedergenesenen. Und das, ohne dass sie die Krankheit ein zweites Mal durchgemacht hätte. Und warum? Der Bundesrat hatte das offizielle «Genesensein» im nationalen Alleingang auf ein Jahr verlängert – und per Februar wieder auf 270 Tage verkürzt. Ein IT-Spezialist, wahrscheinlich vom BAG, programmiert dafür alle Zertifikate aus der Ferne immer wieder um.

Ein neues «Genesensein» hat sich über das alte gelegt. Das ist kaum noch an den konkreten Symptomen der (ehemaligen) Kranken orientiert, nicht mehr individuell und graduell, sondern allenfalls serologisch, mehr aber noch amtlich verordnet, digital und einfach ein- und ausschaltbar. Eines hat es aber mit dem alten «Genesensein» gemein: Es ist emotional besetzt. Nun aber nicht mehr so sehr wegen der durchgemachten Krankheit, sondern weil es einen Zutrittspass ins öffentliche Leben darstellt – aber nur zur richtigen Zeit und am richtigen Ort.

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]emh.ch

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