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FMH

Der Polarstern und die ­Patientenverfügung

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20597
Veröffentlichung: 02.03.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(09):276

Jana Siroka

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortliche Stationäre Versorgung und Tarife

Ich empfehle Ihnen, Hans Kurts dringenden Appell zum Tag der Kranken zu lesen. Sie finden ihn auf Seite 277 dieser Ausgabe der SÄZ.

Er appelliert an uns als Ärzteschaft, mit unseren Patientinnen und Patienten immer wieder darüber in den Dialog zu treten, was ein lebenswertes Leben für sie ganz persönlich ausmacht. Gemeinsam Lebensdimensionen auszuloten.

Der Artikel stellt wichtige Fragen. Fragen nach dem Leben und nach dem Tod. Die Frage danach, was uns «gern» leben lässt. Denn Fragen der Lebenszufriedenheit und Sinnhaftigkeit stellen sich auch unabhängig von der körperlichen Gesundheit.

Sei es als Psychiater, sei es als Intensivmedizinerin: In unseren so unterschiedlichen Fachgebieten erleben wir Menschen in schweren Krisen. Als Ärztinnen und Ärzte begleiten wir Menschen in existentiell bedroh­lichen Situationen.

Es gibt Patientinnen und Patienten, die dabei seelisch zu Boden gehen und vom therapeutischen Team getragen werden müssen. Andere scheinen mit einem inneren Halt durch schwierige Situationen hindurch­zusteuern. Als Bild erlebe ich es so, wie wenn diese Menschen mit einem Polarstern lebten, der sie führt. Diese Menschen können auch in einer Krise sagen: «Ich lebe gern!»

Ein zentrales Element dabei ist oft auch ihr soziales Umfeld, die Familie und Freunde. Gerade diese Stütze hat in den letzten zwei Jahren gelitten, ist teilweise weggebrochen durch die Massnahmen gegen die Pandemie. Hier gilt es, vonseiten der ­Politik und im Gesundheitswesen mit Augenmass das soziale Umfeld am Patientenbett wieder zuzulassen. Als Gesundheitsfachpersonen dürfen und sollen wir unsere Patientinnen und Patienten beraten und betreuen. Doch einen Sohn, der seiner Mutter zur Seite steht, oder die Ehefrau, welche die Hand ihres Mannes hält, können wir nicht ersetzen.

Als Fachpersonen können wir – und dazu ruft uns der Tag der Kranken ganz besonders auf – über unser Fachgebiet hinaus umfassende Lebensthemen ansprechen.

Nehmen wir den Tag als Appell dafür, mit unseren Patientinnen und Patienten den Dialog über Schicksalsschläge, schwere Krankheit und auch den Tod zu führen. Als konkrete Konsequenz daraus könnte eine Patientenverfügung mit der erkrankten Person neu diskutiert oder auch aktualisiert werden.

Aktuell wird die Patientenverfügung der FMH überarbeitet. Sie soll bald zeitgemäss versuchen, die Quadratur des Kreises abzubilden. Idealerweise sollte sie im Notfall dem Rettungsteam rasch konkrete Anweisungen geben wie «Rea Ja oder Rea Nein». Andererseits sollte sie auch differenziert die Graubereiche bei schwerster Demenz im Pflegeheim oder bei langandauernder Urteilsunfähigkeit auf der Intensivstation beleuchten. Das wird nicht möglich sein auf einer halben Seite. Deswegen wird es auch in Zukunft zwei Versionen der FMH-Patientenverfügung geben.

Im Dialog zum Tag der Kranken wünschte ich mir, dass wir Ärztinnen und Ärzte uns gemeinsam mit unseren Patientinnen und Patienten der ausführlichen Version widmen. Denn um alle «Verästelungen» dieser ausführlichen Version verstehen und differenziert ausfüllen zu können, empfehlen wir Beratung durch eine medizinische Fachperson. Für die FMH soll es bei einer Empfehlung zur Beratung bleiben und keinesfalls verpflichtend sein. Genauso wie es nach Ansicht der FMH auch keine Verpflichtung zur gesundheitlichen Vorausplanung geben soll.

Die Arbeitsgruppe Revision Patientenverfügung strebt eine kurze Version als niederschwelligen Einstieg an und eine ausführliche für Menschen, die gern differenziert ihren Willen für die Unwägbarkeiten des Lebens kundtun wollen. Dies gibt uns die Möglichkeit, den individuellen Bedürfnissen unserer Patientinnen und Patienten näherzukommen – und das geht nur im Dialog.

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