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Horizonte

Buchbesprechungen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20635
Veröffentlichung: 11.05.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(19):656-657

Solferino 21. Kriegs­führung, Zivilpersonen und humanitäre Helfer im 21. Jahrhundert

Hugo Slim

London: Hurst & Company; 2022

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Sachbuch

Dieser Text erschien ganz kurz vor der verheerenden Katastrophe des Krieges in der Ukraine, der am 24. Februar 2022 begann. Kriegführung steht im Wandel und auch die humanitäre Hilfe entwickelt sich rasant – Helfende versuchen, sich darauf vorzubereiten, in den langen, gros­sen Kriegen und der Klimakrise der Zukunft ­einen immer grösseren Bedarf zu decken.

Der Autor Hugo Slim, Oxford University, früher im Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tätig, gibt ausgehend von seiner erneuten Lektüre des bahn­brechenden humanitären Textes von Henry Dunant einen Überblick über die aktuelle «Kriegs-Landschaft»: Technik, Politik, Recht und Strategie der Kriegsführung ­sowie die langfristigen Veränderungen, die mit der Digitalisierung von Konflikten einhergehen. Dann wird erklärt, wie Zivilpersonen in den heutigen Kriegen ­leiden und überleben. Schliesslich wird das heutige humanitäre System beschrieben, konstruktiv kritisiert und die zukünftigen Herausforderungen analysiert.

Solferino 21 warnt die politischen Entscheidungsträger vor den Umwälzungen im Militärischen und in der Entwicklungshilfe und zeigt die wichtigsten Prioritäten für das neue Jahrhundert auf. Humanitäre Helfende müssen sich an die Entwicklungen anpassen oder scheitern.

Es handelt sich um einen unwiderstehlichen Aufruf zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit, echter Universalität und zu einem «humanitären Umdenken». Eine dringende, provokative, kontroverse und nachdenkliche Meditation über Vergangenheit und Zukunft der humanitären Hilfe, ein Aufruf zur Reform und zum Neudenken der humanitären Arbeit: ein wichtiger Beitrag zum humanitären Denken und zur humanitären Praxis anlässlich des 160. Jahrestages von Dunants aufrüttelndem Aufsatz über ­Solferino, der fesselnd, anspruchsvoll und wissenschaftlich gut fundiert ist. Hugo Slims Optimismus überzeugt in seiner nüchternen Analyse der aktuellen Trends. Er interpretiert Henry Dunants Antwort auf das Gemetzel als eine humanitäre Tradition, die es neu zu ent­wickeln gilt, um mit den sich verändernden Realitäten des Krieges und der Priorität des Schutzes der Zivilbevölkerung Schritt zu halten.

Prof. Dr. med. Jürg Kesselring FRCP,

Mitglied des IKRK, Valens

Tropenmedizin

Infektionskrankheiten

Christian G. Meyer

Heidelberg: Ecomed; 2021 (4., überarbeitete und erweiterte Auflage)

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Sachbuch

Sehr oft ist die erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten mit möglichen tropenmedizinischen Erkrankungen die Hausarztpraxis oder die Notfallstation. Ebenso werden reisemedizinische Beratungen oft durch hausärztliche Fachpersonen durchgeführt.

Für dieses Publikum oder auch für Studierende ist dieses Buch ein sehr gutes Übersichtswerk. Als Lehrbuch für Facharztanwärterinnen und -anwärter empfiehlt es sich nur bedingt, da es für ein vertieftes Verständnis der Einzelerkrankungen zu wenig in die Tiefe geht.

Als Kritikpunkt ist anzumerken, dass gewisse Sachverhalte zu simplifiziert dargestellt werden. So findet sich zum Beispiel im Kapitel «Reisemedizin und Malariaprophylaxe» der Hinweis, dass eine Gelbfieberimpfung bei Schwangerschaft, dem Vorliegen einer Multiplen Sklerose oder einer Hühnereiweiss-Allergie kontraindiziert sei, was so pauschal für keinen dieser Fälle zutrifft. Hinzu kommt, dass das Buch in Bezug auf komplexe Er­krankungen wie beispielsweise eine Echi­nokokkose oder eine Leishmaniose eine gute Basis-Information bietet, es sollte allerdings Nicht-Spezialistinnen und -Spezialisten nicht dazu verleiten, selbständig Therapien durchzuführen.

Personen, welche ausserhalb von Deutschland praktizieren, sollten beachten, dass sich insbesondere der Teil zu Reisemedizin an den deutschen Empfehlungen orientiert, welche teilweise von den Empfehlungen in der Schweiz abweichen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Buch ein sehr breites Spektrum an teilweise auch sehr seltenen tropenmedizi­nischen Erkrankungen abhandelt und den ­interessierten Lesenden das Feld der Tropenmedizin näherbringt.

PD Dr. med. Esther Künzli, Schweizerisches Tropen- und Public Health-­Institut Basel

PD Dr. med. Andreas Neumayr, ­Schweizerisches Tropen- und Public Health-­Institut Basel

Contre les élections

David van Reybrouck

Paris: Actes Sud; 2014

Version allemande: Gegen Wahlen ­(Wallstein, 2016)

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Essai

Intellectuel et enseignant belge, David van Reybrouck (1971) s’est fait connaître par des études historiques majeures sur des régions de l’Afrique (Congo, Le Fléau). Esprit univer­saliste, il s’intéresse aux difficultés manifestes que connaît le modèle démocratique. A la vue du titre, je n’ai d’abord pas été attiré par son idée forte: la désignation par tirage au sort des parlements ou autres organes liés au fonctionnement d’un pays. Mais les appels croissants à instituer des assemblées cito­yen­nes (y compris la Convention sur le climat mise en place par le président français Macron en 2019) m’ont décidé.

L’auteur commence par discuter la crise de la légitimité démocratique, évoquant l’abstentionnisme, l’inconstance de l’électorat, passant «d’un bord à un autre» de manière rapide, et le fait que de moins en moins de gens adhèrent à un parti politique – partis qui restent néanmoins des pôles de réflexion et discussion. Au-delà, on constate une crise de l’efficacité du politique.

Il s’agit d’un ouvrage très bien informé des exemples historiques de tirage au sort, depuis la Grèce ancienne, ainsi que des propositions et réalisations de désignation, de cette manière, d’organes à caractère délibératif en ­Europe et Amérique du Nord. Le livre est bien structuré, didactique. L’auteur ne plaide d’ailleurs pas pour un passage systématique au ­tirage au sort; il argumente qu’un panachage d’organes élus et d’autres tirés au sort apporterait des bénéfices substantiels. On peut être surpris de certaines formulations vives, carrées («Les élections sont le combustible fossile de la politique»!). Il reste que ce livre mérite largement d’être lu et médité.

Dr méd. Jean Martin,

membre de la rédaction

Chirurginnen

Volker Klimpel

Heidelberg: ­Kaden; 2021

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Sachbuch

Teil eins von Chirurginnen bilden die kurzen historischen Kapitel «Vorgestern», «Gestern» und «Heute». Anfänglich waren «chirurgische Tätigkeiten» für Frauen nicht unüblich. Es gab dann jedoch einen massiven Rückschlag in Form von Verboten und gesellschaftlichen und religiösen Widerständen.

Den Hauptteil des Buchs bilden hundert Porträts, in denen biografische Informationen von subjektiv ausgewählten Frauen in dieser Tätigkeit zusammengetragen sind. Der Begriff «Chirurgie» kann hier zwangsläufig nicht eng definiert sein.

Viele der beschriebenen Lebensläufe sind spannend zu lesen, vor allem wenn das je­weilige gesellschaftliche und politische Umfeld miteinbezogen wird. Allerdings sind der Informationsgehalt und die Qualität und ­somit die Aussagekraft der Porträts sehr ­unterschiedlich. Zudem erschwert die alphabetische Aufstellung der Lebensläufe den Überblick.

Zu lesen, was einzelne Frauen auch gegen enorme Widerstände und häufig ohne Unterstützung und richtige Ausbildungsmöglichkeit geleistet haben und was sie dabei bewegt und erreicht haben, kann angehenden Medizinerinnen durchaus als Vorbild oder zumindest Inspiration dienen.

Volker Klimpel, früher selbst als Chirurg tätig, ist interessiert an medizinhistorischen Themen und hat zahlreiche Beiträge dazu publiziert. Er hat mit seinem Buch einen Anfang gemacht, die Bedeutung der Frauen im Gebiet der Chirurgie im Lauf der Geschichte zu ­beschreiben.

Dr. med. Brigitte Muff,

Zürich

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