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FMH

Inventarerhebung 2022 der SAQM bei den schweizerischen Ärzteorganisationen

Langjähriges Engagement zur ­Qualitätssicherung und -entwicklung

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20734
Veröffentlichung: 27.04.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(17):534-536

Michelle Gerbera, Esther Kraftb, Christoph Bosshardc

a lic. phil. hum., wissenschaftliche Mitarbeiterin DDQ/SAQM; b lic. rer. oec., Leiterin Abteilung DDQ; c Dr. med., Vizepräsident der FMH, Departements­verantwortlicher DDQ/SAQM

Seit neun Jahren erhebt die SAQM jährlich die aktuellen und geplanten Qualitätsaktivitäten der schweizerischen Ärzteorganisationen. Die Daten der Inventarer­hebung von Anfang 2022 zeigen ein vielfältiges Engagement der Ärzteorganisationen zur Qualitätssicherung und -entwicklung sowie einen anhaltenden Trend zur organisationalen Verankerung der Qualitätsarbeit und Förderung der Transparenz.

Die Schweizerische Akademie für Qualität in der Medizin SAQM (www.saqm.ch) der FMH fördert seit 2012 die medizinische Qualitätsarbeit und vernetzt und koordiniert die Qualitätsaktivitäten der schweizerischen Ärzteorganisationen. Für die SAQM ist es deshalb zen­tral zu wissen, welche Ärzteorganisationen sich mit welchen Qualitätsaktivitäten beschäftigen. Seit 2013 erhebt die SAQM mit der Inventarerhebung jährlich die entwickelten, empfohlenen und geplanten standardisierten Qualitätsaktivitäten der schweizerischen Ärzteorganisationen mit einem vergleichbaren Onlinefragebogen. Ziel ist, innerhalb der Ärzteschaft Synergien und vorhandenes Know-how optimal zu nutzen.

Bei den neuen gesetzlichen Vorgaben zur Qualitäts­sicherung (Art. 58g KVV1) und Qualitätsentwicklung (Art. 58a KVG2) ist es zentral, dass bestehende Qualitätsaktivitäten einbezogen und auf diesen aufgebaut wird. Die Inventarerhebung liefert eine wichtige datenbasierte Grundlage dafür.

Qualitätsaktivitäten Anfang 2022

Die Inventarerhebung 2022 fand vom 18. Januar bis 13. März 2022 statt und wurde von 60 der 85 angeschriebenen Ärzteorganisationen beantwortet. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 71%. Teilgenommen haben 34 Fachgesellschaften (79% der Angeschriebenen) sowie 15 (68%) kantonale Ärzteorganisationen und 11 (55%) weitere Ärzteorganisationen, wie z.B. Dachorganisationen.

Die Ärzteorganisationen hatten in allen erfragten Bereichen Qualitätsaktivitäten entwickelt oder Empfehlungen dazu erarbeitet (siehe Abb. 1). Bei 57% wurde das Engagement in Form einer eigenen Qualitätskommission und bei 67% in Form einer Qualitätsstrategie in den Strukturen der Ärzteorganisationen verankert. Besonders häufig engagierten sich die Ärzteorganisa­tionen in den Bereichen Guidelines, kollegiale Akti­vitäten (z.B. Qualitätszirkel), Betriebs- und Patienten­sicherheit, medizinische Register, standardisierte Qualitätsinstrumente im Bereich Fortbildung (z.B. Anwendung eines standardisierten Wissenstests). Eigene Qualitätsaktivitäten entwickelt hatten die Ärzteorganisationen am häufigsten in den Bereichen ­Guidelines, medizinische Register, smarter Medicine und Betriebs- und Patientensicherheit.

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Abbildung 1: Anzahl Ärzteorganisationen mit entwickelten, empfohlenen und geplanten standardisierten Qualitätsaktivitäten 2022 (N = 60).

79% der Fachgesellschaften hatten eine Qualitätskommission und 73% hatten eine Qualitätsstrategie ent­wickelt. Sie setzten am häufigsten Qualitätsaktivitäten in den Bereichen Register, Guidelines und kollegiale Aktivitäten um (siehe Abb. 2). Die kantonalen Ärzte­organisationen engagierten sich am häufigsten in den Bereichen Betriebs- und Patientensicherheit, kollegiale Aktivitäten und Fortbildung.

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Abbildung 2: Qualitätsaktivitäten von Fachgesellschaften (N = 34) und kantonalen Ärzteorganisationen, KÄO (N = 15).

Ärzteschaft setzt sich für Transparenz ein

Neben einer Übersicht über den aktuellen Stand der Qualitätsaktivitäten der schweizerischen Ärzteorganisationen erlaubt die Inventarerhebung aufgrund der langjährigen Durchführung auch eine Analyse der Entwicklung der Qualitätsaktivitäten. Dazu wurde ein Längsschnittdatensatz aus denjenigen 30 Ärzteorga­nisationen (19 Fachgesellschaften, 6 kantonale Ärzte­organisationen und 5 weitere Ärzteorganisationen) erstellt, welche an allen der vier letzten Erhebungen (2019–2022) teilgenommen hatten.

Ein Überblick in Abbildung 3 zeigt, dass in den letzten Jahren bei den Ärzteorganisationen der Schwerpunkt insbesondere bei der organisationalen Verankerung der Qualitätsarbeit und der Herstellung von Transparenz gegen aussen lag. Dies zeigt der steigende Anteil von Ärzteorganisationen mit einer Qualitätskommission und einer Verdoppelung der Anzahl Ärzteorga­nisationen mit einer Qualitätsstrategie und einem Qualitätsbericht innerhalb der letzten vier Jahre.

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Abbildung 3: Prozentanteil Ärzteorganisationen mit empfohlenen oder entwickelten standardisierten Qualitätsaktivitäten 2019–2022 (N = 30).

Vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch die 2016 verabschiedete Qualitäts-Charta der SAQM. Sie ist eine Willensbekundung zur Kooperation und Ver­netzung in Qualitätsfragen in der Schweiz und hält Grundsätze für Qualität in der Medizin schriftlich fest. Zentrale Elemente sind Transparenz, Verbindlichkeit sowie Nachhaltigkeit. Die 76 unterzeichnenden Ärzteorganisationen (Stand 1. April 2022) verpflichten sich, mit einer Qualitätsstrategie festzuhalten, wie sie ihre Qualitätsarbeit weiterentwickeln wollen, und mit einem Qualitätsbericht ihre Fortschritte darzulegen. Die Qualitätsstrategien und -berichte werden von der SAQM transparent veröffentlicht: www.saqm.ch → Qualitäts-Charta.

Über die letzten vier Jahre hatten zunehmend mehr Ärzteorganisationen entwickelte oder empfohlene standardisierte Qualitätsaktivitäten in den Bereichen Qualitätsindikatoren, kollegiale Aktivitäten, medizi­nische Register und standardisierte Qualitätsinstrumente im Bereich Fortbildung. In den Bereichen Qualitätsmanagementsysteme, Guidelines und Betriebs- und Patientensicherheit blieb das Engagement der Ärzte­organisationen über die Zeit konstant. Qualitätslabels/ -zertifikate – und in der Tendenz auch Befragungen –scheinen hingegen eher an Bedeutung zu verlieren.

Ausblick auf geplante Qualitäts­aktivitäten

Mit der Inventarerhebung befragt die SAQM die Ärzteorganisationen nicht nur zu den aktuellen Qualitätsaktivitäten, sondern auch zu den Qualitätsaktivitäten, welche im jeweils aktuellen und kommenden Jahr geplant sind. Abbildung 4 zeigt die Schwerpunktsetzung der Ärzteorganisationen für ihre zukünftige Qualitätsentwicklung im Jahr 2022/23. Auch die geplanten ­Qualitätsaktivitäten zeigen, dass sich der Trend zur Förderung der Transparenz und zur organisationalen Verankerung der Qualitätsarbeit der Ärzteorganisationen unvermindert fortsetzt.

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Abbildung 4: Anteil der Ärzteorganisationen mit geplanten Qualitätsaktivitäten für 2022/23 zum Erhebungszeitpunkt Anfang 2022.

Im Rahmen der 2014 in der Schweiz von der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) lancierten und inzwischen interprofessionell ausgerichteten Initiative smarter medicine (www.smartermedicine.ch) veröffentlichen Fachgesellschaften sogenannte Top-5-Listen. Mit diesen werden fünf medizinische Massnahmen festgelegt und veröffentlicht, welche in der Regel Patientinnen und Patienten mehr schaden als nützen. Smarter medicine wurde von den Fachgesellschaften am zweithäufigsten als ­geplante Qualitätsaktivität genannt. Bei den kantonalen Ärzteorganisationen waren Empfehlungen zu smarter Medicine die am häufigsten geplante Qualitätsaktivität.

In den vergangenen Jahren ist die Erwartung gestiegen, über mehr Daten zur Gesundheitsversorgung zu verfügen. Unter anderem auch in Form von Qualitätsindikatoren [1, 2]. So werden im revidierten Art. 58a KVG die Leistungserbringer und Versicherer verpflichtet, in den Qualitätsverträgen die Qualitätsmessungen zu regeln. Die Ärzteorganisationen haben diese Erwartung aufgenommen und setzten sich deshalb zunehmend mit Qualitätsindikatoren auseinander. Zum Beispiel hat die SGAIM jeweils sechs Qualitätsindikatoren für den ambulanten und stationären Bereich publiziert [3, 4].

Diskussion

Mit der Erhebung der Qualitätsaktivitäten der schweizerischen Ärzteorganisationen verfügt die SAQM über eine wichtige Datengrundlage für ihre vernetzende und koordinierende Arbeit unter den Ärzteorganisationen. Die Inventarerhebung erlaubt es durch ihre langjährige Durchführung in einzigartiger Weise, vergangene und zukünftige Trends in der Entwicklung der Qualitätsaktivitäten der Ärzteorganisationen aufzuzeigen. Durch die Publikation der Ergebnisse der Inventarerhebung stellt die SAQM der Eidgenössischen Qualitätskommission und den Partnerorganisationen des Gesundheitswesens diese zentrale Grundlage transparent zur Verfügung. Denn für die Umsetzung der neuen gesetzlichen Vorgaben zur Qualitätssicherung (Art. 58g KVV) und Qualitätsentwicklung (Art. 58 KVG) ist es zentral, dass auf den bestehenden Aktivi­täten und der Erfahrung der Ärzteorganisationen mit deren praktischen Umsetzung aufgebaut wird.

Das Qualitätsengagement der Ärzteorganisationen ist eine essenzielle Grundlage für die alltägliche Arbeit der Ärztinnen und Ärzte zu einer bestmöglichen Versorgung der Patientinnen und Patienten. Die Resultate der Inventarerhebung zeigen, dass sich zahlreiche Ärzteorganisationen deshalb seit langem in vielen verschiedenen Bereichen für die Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung engagieren. Deutlich sichtbar wird dabei der Impuls durch die 2016 lancierte Qualitäts-Charta der SAQM zu mehr Transparenz, Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit der Qualitätsentwicklung. Die Daten zeigen ausserdem, dass die Ärzteorganisa­tionen aktuelle politische Anliegen – wie z.B. eine ­Verminderung von unnötigen Leistungen oder einer Forderung nach Erhebung von Qualitätsindikatoren – aufnehmen, sich damit auseinandersetzen und praktikable Umsetzungsmöglichkeiten suchen.

Literatur

Literaturliste und Fussnoten unter www.saez.ch oder via QR-Code

Korrespondenzadresse

FMH/SAQM, Elfenstrasse 18 CH-3000 Bern 16
Tel. 031 359 11 11
saqm[at]fmh.ch

Fussnoten

Weiterführende Literatur

1 Für Ärztinnen und Ärzte, die ab 2022 neu zulasten der OKP abrechnen möchten, sind seit 1. Januar 2022 neue Zulassungskriterien in Kraft. Sie müssen unter anderem die neuen Qualitätsanforderungen nach Art. 58g KVV erfüllen: Die Ärztinnen und Ärzte verfügen über das erforderliche qualifizierte Personal, ein geeignetes Qualitätsmanagementsystem, ein geeignetes internes Berichts- und Lernsystem und die Ausstattung für die Teilnahme an Qualitätsmessungen. Für die Umsetzung sind die Kantone zuständig, da sie die Zulassungsvoraussetzungen überprüfen. Weitere Informationen siehe www.fmh.ch → Dienstleistungen → Recht → Zulassungsrecht.

2 Mit dem seit dem 1. April 2021 in Kraft getretenen revidierten Artikel 58 KVG zur Stärkung von Qualität und Wirtschaftlichkeit sind die Leistungserbringer gesetzlich verpflichtet, Qualitätsverbesserungsmassnahmen umzusetzen und an Qualitätsmessungen ­teilzunehmen (weiterführende Informationen siehe www.saqm.chQualität und Wirtschaftlichkeit).

1 Staines A, Vincent C. 2019. Verbesserung der Qualität und Patientensicherheit im Schweizer Gesundheitswesen. Nationaler Bericht zur Qualität und Patientensicherheit im schweizerischen Gesundheitswesen, im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit.

2 WHO. 2021. Globaler Aktionsplan für Patientensicherheit 2021–2030. Auf dem Weg zur Beseitigung vermeidbarer Schäden in der Gesundheitsversorgung. https://www.who.int/publications/i/item/9789240032705

3 Wertli M, Djalali SN, Kherad O, Schneemann M, Rampini SK, Rohrbasser A, et al. Qualitätsindikatoren im stationären Bereich. Schweiz Ärzteztg. 2021;102(26):877–80.

4 Wertli M, Djalali SN, Savigny BZ, Rohrbasser A, Lehmann J, Jungi MM, et al. Sechs Empfehlungen für die ambulante Medizin. Qualitätsindikatoren im ambulanten Bereich. Schweiz Ärzteztg. 2022;102(47):1565–8.

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