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Tribüne

Grüne Arztpraxis: Wie geht das?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20766
Veröffentlichung: 11.05.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(19):643-645

Julia Rippstein

Redaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung

In einer Praxis tätige Ärztinnen und Ärzte können mit einfachen und effektiven Massnahmen dazu beitragen, die CO2-Bilanz des Gesundheitssystems zu verbessern. Doch was noch fehlt, ist eine umfassende und koordinierte Strategie.

«Die Mehrheit der Hausarztpraxen kann ihre CO2-­Bilanz deutlich senken.» Diese Aussage stammt von ­Nicolas Senn, Leiter der Abteilung Hausarztmedizin bei Unisanté und Mitautor der ersten Studie, die den CO2-Fussabdruck der Arztpraxen in der Schweiz untersucht hat. Wenn die Ärzteschaft angesichts der Klima­krise Alarm schlägt, kann sie selbst durch ihre tägliche klinische Praxis zur Trendumkehr beitragen. Das Gesundheitssystem verursacht 6,7% der nationalen Treib­hausgas-Emissionen, was die Schweiz unter den vier grössten Klimasündern platziert [1]. Von diesen 6,7% sind 80% dem Spitalwesen zuzuschreiben, und 20% stammen aus dem ambulanten Bereich. Allgemeinpraxen machen zwar nur 1% des Gesundheitssektors aus, sie bergen aber das Potenzial zur Reduktion ihres CO2-Fussabdrucks um den Faktor 10 bei den am schlechtesten abschneidenden Praxen [2].

Laut der von Nicolas Senn geleiteten Studie [3] sind die Umweltauswirkungen von Hausarztpraxen zu 75 bis 80% auf Transport und Infrastruktur zurückzuführen, zwei Bereiche, die ebenfalls in anderen Sektoren dominieren. «Eine der wichtigsten Feststellungen ist, dass die Mehrheit der Emissionen von nichtmedizinischen ­Aktivitäten herrührt», erklärt der Allgemeinmediziner. Mit 55% ist der Transport der grösste Posten: Die Mehrheit des Personals fährt mit dem Auto zur Arbeit, obwohl es in der Nähe wohnt und die meisten Praxen in der Schweiz in städtischen Gebieten liegen. «Wenn man das Personal dazu bringt, ein anderes Verkehrsmittel zu wählen, kann man die CO2-Bilanz stark verbessern», sagt Nicolas Senn. Dies kann durch die Subventionierung eines Abonnements für den öffentlichen Verkehr oder die Einführung von Fahrradtagen geschehen. Im medizinischen Zentrum La Côte in Neuenburg werden sich die Mitarbeitenden «Öko-Challenges» stellen. «Wir werden Teams bilden und die Anzahl Tage zählen, an denen jeder zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Bus kommt», erzählt Sylvie Maître, Allergologin und Mitinitiatorin des von der Stadt ausgezeichneten Ökoprojekts der Praxis [4]. «Wir versuchen auch, Fahrgemeinschaften sowie die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu fördern», fügt sie hinzu.

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Bei der Stromversorgung auf fossile Brennstoffe verzichten: Eine Praxis im Kanton Freiburg wird mit Solarenergie betrieben.

Mehr als 100 m2 pro ärztliche Fachperson

Auch die Patientinnen und Patienten bevorzugen das Auto. Hier kann die Prävention angesprochen werden. «Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für die Gesundheit, man spricht von Co-Benefits», sagt Nicolas Senn. Um Menschen, die nicht kräftig genug sind, den Weg in die ­Praxis zu ersparen, ist die telefonische Beratung, wie sie die Neuenburger Modellpraxis anbietet, eine wirksame Lösung. «Die Patienten sind manchmal überrascht, aber schätzen das im Allge­meinen, besonders wenn es nur um die Mitteilung von Resultaten geht», sagt Sylvie Maître. Was die Kurierdienste betrifft, so können Leerfahrten vermieden werden, indem man weniger dringende Analysen ein paar Tage kühl lagert. «Nicht alles muss am selben Tag verschickt werden», sagt der Professor an der Fakultät für Biologie und Medizin in Lausanne.

Zweitgrösster Posten: die Infrastruktur. In den zehn analysierten Praxen, die sich alle in der Westschweiz befinden, beträgt die durchschnittliche Fläche pro ärztliche Fachperson über 100 m2. Die FMH empfiehlt 60 m2, einschliesslich Wartezimmer und Empfang. «Das ist enorm», sagt Nicolas Senn. Da das gesamte Pflegepersonal selten zu 100% arbeitet, kommt es zu einem erheblichen Leerstand der Räumlichkeiten, die geheizt werden müssen, auch wenn sie nicht genutzt werden. «Indem man die Arbeitszeit in den Praxen optimiert und/oder die Fläche pro Arzt reduziert, indem man beispielsweise eine zusätzliche Person einstellt, ist dies ein wirksames Mittel, das nichts an der medi­zinischen Praxis ändern wird.» Er empfiehlt auch, die Heizung, um ein oder zwei Grad zu senken und das heisse Wasser in wenig gebrauchten Räumen abzustellen. Bei neuen Praxen wird zunehmend auf erneuerbare Energien gesetzt, wie bei der Praxis von Dr. Hugo Delsert, die im Sommer 2021 in Vuisternens-devant-Romont (FR) eröffnet wurde: «Der Strom kommt von den Solarzellen auf dem Dach des Gebäudes», sagt er. Während die jüngere ­Generation stärker sensibilisiert ist, stellt Nicolas Senn fest, dass «die Ärzteschaft sich oft nicht bewusst ist, welche Infrastruktur für den ­Betrieb einer Praxis notwendig ist. Sie denken in erster Linie an klinische ­Tätigkeiten, medizinische Geräte und Papierkram, die letztlich kaum ins Gewicht fallen.»

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In der Arztpraxis La Côte in Neuenburg werden die Telefone an einer gemeinsamen Ladestation mit Timer geladen.

Sterile Kompressen nicht immer nützlich

Ganz so vernachlässigbar ist der Einfluss der Klinik nicht: Die praxisinternen Aktivitäten tragen zwischen 20 und 25% zum CO2-Fussabdruck bei. Verbrauchsmaterialien wie Kompressen, plastifizierte Bettschutzein­lagen, Handschuhe und Masken sind für 5,5% der CO2-Emissionen verantwortlich. Dabei handelt es sich um Material, das täglich und in grossen Mengen verwendet wird. «Sterile Kompressen werden oft in Gruppen von fünf Stück verpackt, doch es kommt häufig vor, dass man nur eine benutzt und den Rest wegwirft.» Nicolas Senn empfiehlt, besser über den Nutzen einer Kompresse nachzudenken und überverpackte Produkte zu vermeiden. Eine weitere wirksame Massnahme ist die Wahl von Verbandsmaterial ohne Baumwolle, da diese Faser von weit herkommt und für ihre Herstellung viel Wasser benötigt wird. Ausserdem ist der Sterilisationsprozess CO2-intensiv. Wie steht es um die Hygiene? «Man braucht Desinfektionsmittel, um eine schmutzige Wunde zu reinigen, ein steriler Verband ist daher oft unnötig», betont der Professor, der vor Überhygiene und dem Risiko der Entstehung von Resistenzen warnt.

Medizinische Geräte wie Blutdruckmesser, Elektrokar­diogramm und Röntgenaufnahmen haben nur geringe Auswirkungen, ebenso wie die Elektrizität (>1%). «Es ist ­immer sinnvoll, solche Geräte auszuschalten, aber es bleibt eine bescheidene Massnahme.» Bei nichtmedizinischen Geräten wie Computern, Telefonen und Druckern gibt es dagegen ein grösseres Reduktionspotenzial, z.B. durch eine Verdoppelung der Lebensdauer dieser Geräte. In der Praxis in La Côte nehmen die Mitarbeitenden die Telefone in einem Ladegerät mit programmiertem Timer zusammen: So lädt jedes Telefon nur eine Stunde lang, anstatt den ganzen Tag in seiner individuellen Ladestation zu stehen. Andere energieintensive Geräte sind Essens- und Getränkeautomaten und Kaffeekapselmaschinen: «Wir haben die Automaten durch eine hölzerne ‘Snackbox’ mit Sparschwein ersetzt, und die Patienten können sich an einer Maschine mit Bohnenkaffee bedienen», sagt Sylvie Maître.

Was ist mit Medikamenten? Aus praktischen Gründen wurden sie in der Studie nicht berücksichtigt. «Der Arzt steht am Ende der Lieferkette und kann den Lebenszyklus eines Medikaments nur schwer beeinflussen. Die Grundversorgung ist weniger betroffen als die Spitäler.» Nicolas Senn ist sich jedoch der Auswirkungen dieses Postens bewusst: Fast ein Drittel der Emissionen sind laut einem französischen Bericht auf Medikamente zurückzuführen [5]. Es gibt zwar nachhaltige Medikamente, aber ihre Verschreibung bleibt eine noch weitgehend unbekannte Praxis.

CO2-Bilanz einer Durchschnitts-Praxis

Die Berechnung der CO2-Bilanz ist ein Ansatz zur Lebenszyklusanalyse, der im Ingenieurwesen verwendet wird. Für einen bestimmten Gegenstand (z.B. Maske) werden die CO2-Emissionen jeder Phase des Lebenszyklus von der Herstellung bis zur Nutzung addiert: Das reicht vom CO2-Ausstoss bei der Herstellung des Gummibandes der Maske über die verwendeten Materialien bis hin zur Nutzung und Entsorgung der Maske. Laut der Studie von Unisanté, die zehn Praxen in der Westschweiz analysierte, hat die typische Praxis ­einen jährlichen CO2-Fussabdruck von 30 Tonnen CO2eq, wobei dieser Durchschnittswert von Praxis zu Praxis recht unterschiedlich ist. Sie besteht im Durchschnitt aus zwei ärzt­lichen Fachpersonen und zwei Praxisassistentinnen oder -assistenten (Vollzeitäquivalent) und verfügt über eine Fläche von 207 m2 für 6273 Konsultationen pro Jahr (24 pro Tag). Die CO2-Bilanz pro Konsultation beträgt 5 kg CO2eq, was einer 20 km langen Fahrt mit ­einem benzinbetriebenen Auto entspricht.

Schon in der Ausbildung sensibilisieren

Die Bestrebungen, Arztpraxen umweltfreundlicher zu gestalten, sind nicht erst seit gestern bekannt. Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) beschäftigen sich seit über zehn Jahren mit dem Thema. Im Jahr 2010 veröffentlichte die Organisation eine Reihe von Broschüren mit Empfehlungen zur Senkung des Energieverbrauchs in Arztpraxen [6]. Vor kurzem wies sie auf das Potenzial bei der Reduktion des Gebrauchs von Asthmasprays hin, ­wodurch jährlich etwa 13 000 Tonnen CO2 vermieden werden könnten [7]. «Unser Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Umwelt aufzuzeigen. Als Ärztinnen und Ärzte fragen wir uns, wie wir die ­Situation durch eine nachhaltige medizinische Praxis im Alltag verbessern können», erklärt Bernhard Aufder­eggen, Präsident von AefU. Alle Praktikerinnen und Prak­tiker sollten sich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt ­bewusst sein. Dies wird angehenden ärztlichen Fachpersonen jedoch noch zu wenig vermittelt, beklagt er.

Werden in den Praxen dennoch nach und nach umweltfreundliche Praktiken eingeführt? «Leider wissen wir noch viel zu wenig, was in der Praxis passiert», sagt Bernhard Aufdereggen und begrüsst die Studie von Unisanté. Individuelle Massnahmen sind zwar ein erster Schritt, aber sie reichen nicht aus und scheitern oft an kantonalen Richtlinien. Dies ist in Zürich der Fall, wo die Hygienekommission ihre Anforderungen verschärft hat und die gynäkologischen Fachpersonen verpflichtet, die Spekula vor der Sterilisation einzeln zu ver­packen. Der Präsident der AefU sagt: «Das zeigt, dass nicht alles auf den Schultern der Ärzteschaft ruhen kann. Das Schweizer Gesundheits­system ist komplex und dezentralisiert. Wir haben bei verschiedenen Stellen vorgeschlagen, eine nationale Task Force zu gründen, die alle Akteure des Sektors vereint. Ohne eine umfassende und koordinierte Strategie werden wir unsere Ziele nicht erreichen.» Das wichtigste Ziel? Die CO2-Neutralität des Gesundheitswesens bis 2030. Bernhard Aufdereggen erinnerte daran, dass die Art und Weise, wie die Medizin ausgeübt wird, einen Einfluss hat: «Prävention und die Gesunderhaltung von Patientinnen und Patienten sind wesentlich umweltfreundlicher als das Verschreiben von Behandlungen und Untersuchungen.»

Tipps für eine umweltfreundliche Praxis

Die Empfehlungen wurden in Zusammenarbeit mit den analysierten Praxen und freiwilligen Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern erarbeitet. «Wir haben an der Form eines Konsenses gearbeitet. Es ist leicht zu sagen, dass man die Emissionen um das Zehnfache senken kann, aber es muss auch machbar sein. Das Ziel war es, ein Gleichgewicht zwischen Wirksamkeit und Machbarkeit zu finden», sagt Nicolas Senn. Hier sind die effektivsten und am einfachsten umsetzbaren Massnahmen, um die CO2-Bilanz zu senken [2]:

– Flächennutzung optimieren und nicht mehr als 60 m2 pro Ärztin resp. Arzt nutzen

– Mitarbeitende und Patientinnen und Patienten dazu bewegen, auf das Auto zu verzichten, um in die Praxis zu kommen

– Möglichst vermeiden, den Kurierdienst für nicht dringende Analysen anzufordern

– Wattefreie Kompressen verwenden (z.B. aus Zellulose)

– Heizung um ein Grad herunterdrehen

– Heisses Wasser an einigen Wasserhähnen abdrehen

– Lebensdauer von Computern verdoppeln

– Überverpacktes Pflegematerial vermeiden

Übergeordnete Koordination nötig

In Zusammenarbeit mit den Behörden wird das Team um Nicolas Senn bis Ende 2023 einen Online-Simulator entwickeln, mit dem alle Arztpraxen im Kanton Waadt ihre CO2-Bilanz anhand der eingegebenen Merkmale berechnen können und entsprechende Empfehlungen erhalten. Der Professor hofft, dass der Simulator eines Tages von allen Kantonen genutzt werden kann und schätzt, dass die Praxen bis 2030 eine Reduktion von mindestens 20–30% anstreben können.

Was ermutigend ist: 75–80% der Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner halten eine bessere Integration ökologischer Fragen in die medizinische Praxis für wichtig, wie eine Umfrage der Abteilung für Hausarztmedizin von Unisanté unter 500 hausärztlichen Fachpersonen der Westschweiz ergab [8]. Der Wille zur CO2-Neutralität ist unter der Ärzteschaft also durchaus vorhanden, es fehlt jedoch noch an einem umfassenderen politischen Impuls.

Schwerpunktserie Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen

Der Klimawandel ist eine weltweite Herausforderung. Auch das Schweizer Gesundheitswesen kann seinen Beitrag dazu leisten, ihm zu begegnen. In einer Serie betrachten wir das Thema aus verschiedenen Perspektiven.

Literatur

Vollständige Literaturliste unter www.saez.ch oder via QR-Code

Korrespondenzadresse

redaktion.saez[at]emh.ch

Literatur

1 Karliner J, Slotterback S, Boyd R, Ashby B, Steele K. Health Care’s Climate Footprint. Health Care Without Harm & ARUP; 2019.

2 Nicolet J, et al. Recommandations pour l’écoconception des cabinets de médecine de famille. Revue médicale suisse. Mai 2021;738.

3 Nicolet J, et al. What is the carbon footprint of primary care practices? A retrospective life-cycle analysis in Switzerland. Environmental Health. 2022;21:3.

4 «Prix de l’énergie de la Ville de Neuchâtel 2020»; ecologie.cmcsa.ch

5 theshiftproject.org/article/decarboner-sante-rapport-2021

6 www.aefu.ch/themen/oekologie-in-der-arztpraxis

7 www.aefu.ch/fileadmin/user_upload/aefu-data/b_documents/Aktuell/20220405_AefU_MM_600000_Asthmaspras_einsparen.pdf

8 www.mdpi.com/1660-4601/19/8/4901

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