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Weitere Organisationen und Institutionen

Internationaler Tag der Pflege am 12. Mai

Die Leistungen der Pflege ­würdigen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20774
Veröffentlichung: 11.05.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(19):627-629

Sophie Ley

RN, MA, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK-ASI

Alljährlich am 12. Mai feiern die Pflegekräfte auf der ganzen Welt den Internationalen Tag der Pflege. Der Weltbund der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner stellt den Tag dieses Jahr unter das Motto: «Nurses a voice to lead: In die Pflege investieren – Rechte respektieren für globale Gesundheit». Es passt bestens zur anstehenden Umsetzung der Pflegeinitiative.

Nach zwei langen Jahren der Pandemie lädt uns der Internationale Tag der Pflege (International Nurses Day, IND) dazu ein, die Professionalität der Pflegefachpersonen während dieser Krisenzeit zu würdigen, die sie in den Dienst der Patientinnen und Patienten in unserem Land gestellt haben.

Denn eigentlich hätte vor zwei Jahren nicht nur ein Tag, sondern ein ganzes Jahr lang gefeiert werden sollen. Anlass war der 200. Geburtstag von Florence Night­ingale, der Begründerin der modernen Krankenpflege, die am 12. Mai 1820 zur Welt gekommen war. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte 2020 folglich zum internationalen Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen ausgerufen.

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SBK-ASI

Doch anstatt zu feiern, wurde die Welt von der SARS-CoV-2-Pandemie erschüttert. Pflegefachpersonen und alle anderen Gesundheitsfachpersonen leisteten an vorderster Front einen immensen Einsatz, oft nur mangelhaft vor einer Infektion geschützt. Es fehlte an Schutzmaterial, auch in der Schweiz wurde das Arbeitsgesetz ausgesetzt, um die ausserordentliche Belastung meistern zu können. Erschütternde Meldungen erreichten die Öffentlichkeit über den Weltbund der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (International Council of Nurses, ICN): Pflegefachpersonen, die Covid-Infizierte pflegten, wurden Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Wie viele Pflegefachpersonen ihren Einsatz an der Covid-Front mit dem Leben bezahlten, ist nicht bekannt: Nur wenige Staaten erfass(t)en systematisch die Zahl der Covid-Infektionen und -Todesfälle unter dem Gesundheitspersonal.

Anlässlich des Internationalen Tages der Pflege am 12. Mai geben wir einer Gruppe von Gesundheitsfachpersonen das Wort, die für das reibungslose Funktionieren des Gesundheitssystems – in der Schweiz und anderswo – unerlässlich ist: Die Pflegekräfte waren während der gesamten Pandemie an der Front. Sie erhielten viel Beifall, aber das reicht nicht. Nicht wenige haben den Beruf aus Erschöpfung, wegen mangelnder Anerkennung und Wertschätzung und wegen den schwierigen Arbeitsbedingungen verlassen.

Pandemie verstärkt den Mangel

In der Schweiz und weltweit herrscht ein Mangel an Pflegefachpersonen. Die Pandemie hat den drastischen Bedarf an Pflegefachpersonen und hochqualifiziertem Gesundheitspersonal aufgezeigt. Die Widerstands­fähigkeit der Gesundheitssysteme ist untrennbar mit dem Pflegepersonal, vor allem aber mit den Pflegefachpersonen, verbunden.

Es ist leider zu befürchten, dass die Pandemie den Mangel an Pflegepersonal verstärkt hat. Die WHO und der ICN gingen im Frühling 2020 im ersten State of the World’s Nursing Report [1] bis 2030 von einem Mangel von sechs Millionen Pflegefachpersonen aus. Ein Jahr später wurde diese Zahl nach oben korrigiert. Auf der Basis von Befragungen bei seinen Mitgliederverbänden warnte der ICN, dass die Pandemie die drohende Lücke mehr als verdoppelt haben könnte [2]. Die Pflegeverbände berichteten dem ICN von einem regelrechten Exodus, da Pflegende körperlich krank wurden oder aufgrund der immensen Belastung an Erschöpfungsdepressionen erkrankten oder andere psychische Leiden wie Angststörungen, Schlafstörungen oder Sucht­erkrankungen entwickelten.

Die Forderung nach dem Respekt für die Rechte des Pflegepersonals bedeutet, dass die Pflegenden geschützt werden müssen, als Arbeitnehmende und als Menschen.

Der Personalmangel in der Pflege ist auch in der Schweiz ein grosses Problem: 42,5% der ausgebildeten Pflegefachpersonen steigen gemäss Zahlen aus dem Jahr 2018 frühzeitig aus dem Beruf aus, fast ein Drittel davon schon vor dem 35. Altersjahr [3]. Wir müssen befürchten, dass die Belastungen in den vergangenen zwei Jahren auch bei uns die Ausstiegs­zahlen nach oben getrieben haben. So klagen Arbeitgebende, dass sie kaum qualifiziertes Pflegepersonal finden können.

Unterstützung durch die Bevölkerung

Im Unterschied zu anderen Ländern bietet die Schweiz die Möglichkeit, Anliegen direkt in die Politik einzubringen. Das hat der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) mit der Pflegeinitiative getan, die am 28. November des letzten Jahres mit einer grossen Mehrheit angenommen wurde. Die Forderung des IND «In die Pflege investieren» entspricht voll und ganz der Pflegeinitiative. Das Motto betont die Notwendigkeit, in die Ausbildung zu investieren und gute Bedingungen für die Berufsausübung zu schaffen, die es ermöglichen, die Fachkräfte langfristig zu halten und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln, um eine qualitativ hochwertige Pflege für die gesamte Schweizer Bevölkerung zu gewährleisten.

Diesen klaren Verfassungsauftrag umzusetzen ist nun die Aufgabe der Politik. In einer ersten Etappe sollen die Ausbildungsoffensive und der eigenverantwortliche Bereich realisiert werden, also das Recht, dass bestimmte Pflegeleistungen ohne ärztliche Verordnung von den Krankenkassen bezahlt werden. Das ergibt Sinn, denn das bedeutet eine administrative Entlastung insbesondere der Hausärztinnen und Hausärzte, wo der Personalmangel ebenfalls wächst. Die Ausbildung von mehr Pflegenden und insbesondere mehr diplomierten Pflegefachpersonen ist absolut dringend und muss nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in den Kantonen angegangen werden.

Aber das reicht natürlich nicht. In der Abstimmungskampagne wurde oft das Bild der Badewanne genannt, die sich nur füllt, wenn man den Stöpsel in den Abfluss steckt. Das heisst, dass schnellstmöglich die Arbeitsbedingungen verbessert werden müssen. Diese Forderung wurde von der Stimmbevölkerung klar unterstützt. Das Zauberwort heisst Personalerhalt. Es ist daher erfreulich, dass einige Arbeitgebende bereits aktiv werden: So haben Einrichtungen etwa die Wochenarbeitszeit (bei gleichem Lohn) reduziert oder auch Nacht- und Wochenendzulagen erhöht. Das ist klug, denn diese Einrichtungen positionieren sich als attraktive Arbeitgebende. Es ist zu hoffen, dass noch viele weitere diesem Beispiel folgen werden.

Investitionen bringen Gewinn

Damit die Arbeitgebenden dem Pflegepersonal attraktive Arbeitsbedingungen bieten können – und das heisst auch, dass auf jeder Schicht genug qualifizierte Pflegefachpersonen anwesend sind –, müssen sie entsprechend finanziert werden. Das bedeutet, dass die Forderung nach einer «angemessenen Finanzierung der Pflegeleistungen» rasch umgesetzt werden muss. Die Frage nach «genug» qualifizierten Pflegefachpersonen auf allen Schichten lässt sich jedoch nicht einfach mit «viele» beantworten. Diese Zahl muss aufgrund der Evidenz beantwortet werden, und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten ist die zentrale Grösse, um die es dabei gehen muss.

Es gibt zahlreiche Studien, die nachweisen, dass die Qualifikation des Pflegepersonals entscheidend ist, um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Auch Schweizer Forschende sind hier nicht untätig. Zu nennen ist die Analyse von Prof. Michael ­Simon und Prof. Michael Gerwig aus dem Akutbereich auf der Grundlage von Zahlen des Bundesamts für ­Statistik. Sie weist nach, dass ein Anteil von mindestens 75% an diplomierten Pflegefachpersonen zahlreiche Todesfälle und Komplikationen vermeidet und damit die Liegedauer in den Spitälern verringert, womit sich Kosten einsparen lassen. Die Studie Intercare des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel kam für den Langzeitbereich zu ähnlichen Schlüssen: Mehr qualifiziertes Pflegepersonal in den Pflegeheimen verhindert kostspielige vermeidbare Spitaleinweisungen und spart damit sehr viel Geld [4]. Und nicht zu vergessen: auch sehr viel menschliches Leiden.

Die pflegerische Leadership nutzen

Seit mehreren Jahren steht der IND unter dem übergreifenden Motto Nurses – A Voice to lead, ein Punkt, der bis jetzt nicht erwähnt wurde. Doch er ist wichtig. Um tragfähige Gesundheitssysteme zu entwickeln, braucht es die Expertise der Pflegefachpersonen. Dar­um empfiehlt die WHO, Positionen für sogenannte Chief Nurse Officers zu schaffen, und das in den obersten (politischen) Gremien. Noch gibt es in der Schweiz nur wenige Ansätze dazu. Im Kanton Waadt wurde dieses Jahr eine kantonale Pflegefachfrau ernannt. Das ist erfreulich, und es ist zu hoffen, dass ihr noch viele folgen werden, auch auf nationaler Ebene.

Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass es die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe braucht, um Herausforderungen zu meistern. Damit ist der 12. Mai auch eine Gelegenheit, den Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitswesen für die Unterstützung in der Pandemie und bei der Abstimmung über die Pflege­initiative zu danken. Durch interprofessionelle Zusammenarbeit, auch auf strategischer Ebene, kann das Ziel einer hochstehenden Gesundheitsversorgung erreicht werden, auf nationaler und globaler Ebene.

Das Wichtigste in Kürze

• Der 12. Mai ist der Internationale Tag der Pflege. Dieses Jahr steht er unter dem Motto: «In die Pflege investieren». Das resoniert mit der Pflegeinitiative, die am 28. November 2021 angenommen wurde.

• Weltweit herrscht ein Mangel an Pflegepersonal, so auch in der Schweiz. Die Pandemie hat den drastischen Bedarf an qualifizierten Pflegefachpersonen deutlich gemacht, der sich in den letzten zwei Jahren noch verschärft hat.

• Die Pflegeinitiative soll die Situation durch die Förderung der Aus­bildung, einen eigenen Verantwortungsbereich, attraktivere Arbeitsbedingungen und die Schaffung von Stellen für leitende Pflegefachpersonen verbessern.

• Zahlreichen Studien zufolge sind die Qualifikationen des Pflege­personals von entscheidender Bedeutung für die Gewährleistung der Patientensicherheit.

Korrespondenzadresse

sophie.ley[at]sbk-asi.ch

Literatur

1 WHO 2020: State of the World’s Nursing. Investing in education, jobs and leadership. www.icn.ch/system/files/2021-07/WHO-SoWN-English%20Report-0402-WEB-LOW%20RES_2020.pdf

2 ICN Policy Brief (21. März 2021). The global nursing shortage and nurse retention. www.icn.ch/system/files/2021-07/ICN%20Policy%20Brief_Nurse%20Shortage%20and%20Retention.pdf

3 Obsan Bericht 1/2021: Berufsaustritte und Bestand von Gesundheitspersonal in der Schweiz. https://www.obsan.admin.ch/de/publikationen/2021-berufsaustritte-und-bestand-von-gesundheitspersonal-der-schweiz

4 Zusammenfassung der Ergebnisse in: Camenzind M. Analyse von Personalausstattung, unerwünschten Ereignissen und Gesundheitskosten. Die Beweise liegen auf dem Tisch: Pflege spart Milliarden. Krankenpflege 9/2020. https://www.sbk.ch/files/sbk/archiv_zeitschrift/opendocs/2009_DE_Titelthema_Simon_komplett.pdf

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