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Weitere Organisationen und Institutionen

Neues Positionspapier der SAMW

Was es für eine umweltbewusste Gesundheitsversorgung braucht

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20825
Veröffentlichung: 20.07.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(2930):938-940

Julia Gonzalez Holgueraa, Nicolas Sennb

a Dr., Projektbeauftragte am Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit, Universität Lausanne; b Prof. Dr. med., Leiter der Abteilung für Familienmedizin von Unisanté, Universität Lausanne

Die Gesundheit der Menschen leidet zunehmend unter den Umweltschäden, zu ­denen auch das Gesundheitssystem beiträgt. Eine nachhaltige Gesundheitsver­sorgung muss deshalb auch umweltbewusst sein. Diesen ökologischen Aspekt hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) in den Mittelpunkt ihres neuen Positionspapiers gestellt.

Das jüngst veröffentlichte Positionspapier «Umwelt­bewusste Gesundheitsversorgung in der Schweiz» der SAMW knüpft an ihr Positionspapier zur nachhaltigen Entwicklung des Gesundheitssystems (2019) an. Dieses ging von der Feststellung aus, dass die Medizin auf dem Paradigma des unbegrenzten Fortschritts beruht. Sie weckt unrealistische Erwartungen, während die ihr zugrundeliegenden finanziellen und personellen Mittel begrenzt sind. Die (fehlende) ökologische Nach­haltigkeit der Gesundheitssysteme wird im damaligen Positionspapier nur am Rande angesprochen. Angesichts des Umwelt- und Klimanotstandes, des nicht ­unerheblichen ökologischen Fussabdrucks der Gesundheitseinrichtungen sowie der zu erwartenden Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung ­erschien es unverzichtbar, die Empfehlungen von 2019 auf ökologische Erwägungen auszudehnen.

Dringlichkeit muss anerkannt werden

In den letzten Jahrzehnten wurden bei der Lebenserwartung und der allgemeinen Gesundheit erhebliche Fortschritte erzielt. Diese könnten jedoch durch das Überschreiten der planetaren Grenzen und namentlich durch den Klimawandel sowie die Abnahme der Biodiversität gefährdet werden. Die Gesundheits­betriebe, die für rund vier bis sechs Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, müssen sich in ­Zukunft nicht nur an die gesundheitlichen Folgen von Umweltschäden anpassen, sondern auch ihr eigenes Modell infrage stellen und ihre Umwelteffizienz verbessern. Einer kürzlich in den USA veröffentlichten Studie zufolge wirken sich die durch das Gesundheitssystem verursachten Umweltschäden ebenso stark auf die Gesundheit der Bevölkerung aus wie medizinische Fehlbehandlungen [1].

Das Positionspapier betont, dass die westlichen Gesellschaften die Dringlichkeit der Veränderungen anerkennen müssen, die notwendig sind, um die ökologischen Grenzen unseres Planeten einzuhalten. Das Dokument soll einen Reflexionsrahmen für die verschiedenen Akteure und Dienste im Gesundheits­bereich bieten, damit diese in ihrem Umfeld solide Nachhaltigkeitsstrategien umsetzen können.

Eine nachhaltige Reform anstreben

Die SAMW veröffentlicht das Papier in einer Zeit, in der sich das Gesundheitssystem zunehmend auch mit Umweltthemen befasst. Dazu gehören insbesondere die jährliche Publikation des Lancet Countdown über die Zusammenhänge zwischen öffentlicher Gesundheit und Klimawandel [2]; der im September 2021 in mehr als 200 medizinischen Fachzeitschriften erschienene Appell für dringliche Klimamassnahmen [3]; der im Vorfeld der UNO-Klimakonferenz COP26 vom November 2021 herausgegebene Sonderbericht der WHO, der dazu aufruft, das Thema Gesundheit bei den Klimaverhandlungen zu berücksichtigen [4]; zahlreiche Studien über den nicht unbedeutenden ökologischen Fuss­abdruck der Gesundheitseinrichtungen [5] sowie die Ankündigungen gewisser Gesundheitsinstitutionen in aller Welt, sich entschlossen engagieren zu wollen [6].

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Markus Spiske / Unsplash

Eine nachhaltige Reform anstreben

Im Mai 2021 fand in Lausanne ein Seminar mit rund 60 hauptsächlich aus der Westschweiz stammenden Expertinnen und Experten statt. Diese waren aufgrund ihrer Kenntnisse in Sachen Nachhaltigkeit und/oder ­ihres Engagements für eine nachhaltige Reform des ­Gesundheitssystems eingeladen worden. Die Veranstaltung wurde gemeinsam vom Kompetenzzen­trum für Nachhaltigkeit der Universität Lausanne, der Abteilung für Familienmedizin von Unisanté, dem Verlag Médecine & Hygiène sowie der SAMW organisiert.

Die Gespräche waren in vier Workshops gegliedert, die verschiedenen Massnahmen- und Kompetenzbereichen entsprechen: Gesellschaft, Gesundheitssystem, klinische Praxis und Infrastrukturen. Um die Diskussionen auf das Thema Nachhaltigkeit auszurichten, wurden drei Überlegungsschwerpunkte festgelegt:

– Reduktion der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen;

– Anpassung der medizinischen Praxis;

– Verringerung der Emissionen und Verbesserung der Umwelteffizienz der Gesundheitseinrichtungen.

Vorschläge für das Gesundheitssystem

Die Diskussionen mündeten in sieben Vorschlägen.

1. Förderung des zivilgesellschaftlichen, gemeinschaftlichen und institutionellen Engagements für einen schnelleren ökologischen Wandel in der Gesellschaft

Um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, ohne eine neue Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zu schaffen, muss der ökologische Wandel in der Gesellschaft unbedingt beschleunigt werden. Grundlage ist die Sensibilisierung der Bevölkerung dafür, dass der Umwelt- und Klimanotstand eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit darstellt. Dieser gesellschaftliche Wandel erfordert politische Anstrengungen, einen generationenübergreifenden Dialog und besonderes Augenmerk auf die wirtschaftlichen Ungleichheiten in der Gesellschaft.

2. Überdenken des Konzepts und der Definition von Gesundheit

Wir müssen die ökologischen Determinanten der Gesundheit im Sinne einer gegenseitigen Abhängigkeit aller Lebewesen stärker anerkennen. Auf der Basis ­dieser neuen Sichtweise gilt es, grundlegend darüber nach­zu­denken, was wir uns unter Gesundheit und ­Medizin vorstellen. Letztere muss sich vom Konzept des unbegrenzten Fortschritts lösen und vermehrt personelle, finanzielle und ökologische Grenzen berücksichtigen. Dieser Ansatz zeigt, wie wichtig es ist, Gesundheit im Rahmen eines globalen (holistischen) und sektorenübergreifenden Verständnisses ihrer ­Determinanten zu sehen.

3. Gesellschaftliche statt (bio-)medizinische Ausrichtung der Gesundheit

Heutzutage ist es wichtig, stärker auf die Gesundheitsförderung statt nur auf technische medizinische Verfahren zu setzen. Es geht darum, ein auf Heilung (cure) und somit im Wesentlichen auf die Biomedizin ausgerichtetes System zu einem auf Betreuung (care) basierenden Gesundheitssystem weiterzuentwickeln. Dieses braucht als Grundlage insbesondere ein solides öffentliches Gesundheitssystem und eine Medizin, die soziale und ökologische Gesundheits­determinanten umfasst.

4. Entwicklung eines neuen Paradigmas für eine nachhaltige Medizin und Pflege

Das aktuelle Paradigma in der Medizin legt den Schwerpunkt unverhältnismässig stark darauf, ins­besondere dank technologischer Lösungen und Innovationen alles zu jedem Preis heilen zu können. Wir müssen wieder anerkennen, dass die (personellen, ­finanziellen und ökologischen) Mittel und Heilungsmöglichkeiten begrenzt sind. Gleichzeitig benötigen unsere Gesundheitssysteme immer mehr Rohstoffe und Energie, was wiederum weitreichende Folgen für die Ökosysteme hat.

5. Förderung alternativer Behandlungen und Integration von Umweltfragen in die medizinische Praxis

«Mehr ist nicht immer besser.» Nichtmedikamentöse Ansätze für den Umgang mit einer Erkrankung, wie beispielsweise verhaltensbezogene Ansätze, können Patientinnen und Patienten echte Vorteile bieten. Neue und insbesondere berufsübergreifende oder ­finanzielle Versorgungsmodelle sollten stark gefördert werden. Sie würden den Behandlungspfad der Patientinnen und Patienten effizienter und logischer ge­stalten und dazu beitragen, dass Pflege und Medizin wieder besser auf die Komplexität der Bedürfnisse der Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld ausgerichtet werden.

6. Verpflichtung der Gesundheitseinrichtungen zu einem soliden Nachhaltigkeitsansatz

Die Gesundheitseinrichtungen tragen mit Blick auf ihr Engagement für die Gesundheit der Bevölkerung die Verantwortung, ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern. Sie müssen vorbildlich handeln, damit weitere Sektoren nachziehen – gerade auch, weil sie als Arbeitgeber und Grundeigentümer bedeutende Akteure der lokalen Wirtschaft sind. Der Zweck der Gesundheitseinrichtungen und des Gesundheitssystems ist natürlich die Gesundheit der Bevölkerung; die ­verstärkte Berücksichtigung der ökologischen Aspekte trägt ebenfalls zur Erreichung dieses Ziels bei.

7. Ausbildung und Sensibilisierung der Gesundheitsfachleute für die Herausforderungen der ökologischen Nachhaltigkeit

Zurzeit gibt es praktisch keine Ausbildung der Gesundheitsfachleute in Bezug auf die Herausforderungen der ökologischen Nachhaltigkeit und die Nachhaltigkeit der Gesundheitsdienstleistungen. Um alle Betroffenen einbinden zu können, müssen neue, bedarfsgerechte Ausbildungsgänge sowohl für bereits im Gesundheitssystem beschäftigte Personen (Fort- und Weiterbildung) als auch für Ausbildungsanfängerinnen und -anfänger geschaffen werden.

Paradigmenwechsel ist notwendig

Das Gesundheitssystem ist zurzeit mit zahlreichen ­Herausforderungen konfrontiert, zu denen die Umweltproblematik hinzukommt. Das System selbst fördert mit seinem liberalen gesetzlichen Rahmen, der verzettelten Lenkung und der hohen Zahl an Akteu­rinnen und Akteuren mit teilweise divergierenden ­Interessen die übermässige Inanspruchnahme von ­Behandlungen und die Vervielfachung von Gesundheitsdienstleistungen. Auf diese Weise trägt es erheblich zur Umweltzerstörung bei.

Die im neuen Positionspapier skizzierten Vorschläge sind von den 2019 angesprochenen Problematiken ­keineswegs abgekoppelt, sondern schliessen sich ihnen in vielerlei Hinsicht an. Der aktuelle Umweltnotstand sowie die Krise des Gesundheitssystems haben viele gemeinsame Ursachen. Dazu gehören zum Beispiel der übermässige Konsum von Waren und Dienstleistungen und der produktivistische Ansatz. ­­­­Um den ökologischen Wandel zu vollziehen, der nötig ist, um auf der Erde gesunde Lebensbedingungen zu erhalten, müssen wir unbedingt anerkennen, dass unsere ­Ressourcen begrenzt sind. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Paradigmenwechsel, der die verschiedenen sozioökono­mischen Bereiche der Gesellschaft einschliesslich des Gesundheitssystems betrifft. Dies ­erfordert die Entwicklung neuer Zusammenarbeitsformen, das Hinterfragen der Rolle und Verantwortung aller Beteiligten und eine von Demut und Kreativität geprägte Behandlung des Themas.

Das Wichtigste in Kürze

• Überlegungen zur ökologischen Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme sind unabdingbar. Sie müssen sich mit der Bewirtschaftung der Infrastrukturen, der Behandlungspraxis und der Organisation des Systems selbst ­befassen.

• Das Positionspapier präsentiert sieben Vorschläge. Diese sollen einen Reflexionsrahmen für die verschiedenen ­Akteure und Dienste im Gesundheitsbereich bieten, die in ihrem Umfeld solide Nachhaltigkeitsstrategien umsetzen möchten.

• Die Vorschläge entsprechen in vielen Punkten den An­regungen im Positionspapier der Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften von 2019. Darin wurde betont, dass das Gesundheitssystem weder wirtschaftlich noch personell nachhaltig ist. Mit der aktuellen Publikation kommt die ökologische Perspektive hinzu.

• Der ökologische Wandel der Gesellschaft muss sämtliche sozioökonomischen Akteure und insbesondere die im Gesundheitssystem tätigen Personen und Instanzen beteiligen. Dazu bedarf es der Entwicklung neuer Formen der ressortübergreifenden Zusammenarbeit und des ­Hinterfragens der Rolle aller Beteiligten.

Positionspapier

Das Positionspapier kann kostenlos gedruckt bestellt oder als PDF heruntergeladen werden unter samw.ch/positionspapiere oder via QR-Code.

Korrespondenzadresse

v.clerc[at]samw.ch

1 Eckelman MJ, Huang K, Lagasse R, Senay E, Dubrow R, Sherman JD. Health Care Pollution And Public Health Damage In The United States: An Update. Health Aff (Millwood). 2020;39(12):2071–9.

2 Romanello M, McGushin A, Di Napoli C, Drummond P, Hughes N, Jamart L, et al. The 2021 report of the Lancet Countdown on health and climate change: code red for a healthy future. The Lancet. 2021;398(10311):1619–62.

3 Wise J. Climate crisis: Over 200 health journals urge world leaders to tackle “catastrophic harm”. BMJ. 2021;374:n2177.

4 COP26 Special Report on Climate Change and Health – The health argument for climate action. World Health Organization; 2021.

5 Health care’s climate footprint – How the health care sector contributes to the global climate crises and opportunities for action. Health Care Without Harm – ARUP; 2019.

6 Tennison I, Roschnik S, Ashby B, Boyd R, Hamilton I, Oreszczyn T, et al. Health care’s response to climate change: a carbon footprint assessment of the NHS in England. Lancet Planet Health. 2021;5(2):e84–e92.

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