Zu guter Letzt

Das Dilemma der Jugend

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20879
Veröffentlichung: 20.07.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(2930):958

Jean Martin

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Immer stärker gerät die junge Generation in den gesellschaftlichen Blickpunkt – die, welche studieren oder eine Ausbildung absolvieren, aber auch die, welche zu resignieren scheinen. Die Pandemie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt und ihnen die Jahre geraubt, in denen sie ihre ­Jugend unbeschwert hätten geniessen können; so wie der Krieg 1939–1945 ihren Urgrosseltern. Bei den Klimamärschen im Jahr 2019 hat diese Generation ihre Empörung und ihre Bereitschaft zu Veränderungen und Taten demonstriert. Doch nun, da auch noch der Krieg Europa fest im Griff hat, ist in den psycho­sozialen Beratungsstellen kaum noch ein Termin frei. «Angesichts all dieser Krisen stecken nicht wenige junge Erwachsene, die sich eigentlich Nachwuchs wünschen, in einem Dilemma; die Vorstellung, Kinder in eine solche Welt zu setzen, macht ihnen Angst.» [1] Dieses Dilemma ist nicht selten.

«Welchen Sinn hat es, für eine Zukunft zu studieren, die es gar nicht geben wird?», so ein Jugendlicher vor drei Jahren schon gegenüber The Guardian. [2] In Frankreich prangerten im Mai 2022 acht Studierende der Agro­ParisTech bei ihrer Abschlussfeier an, dass die er­lernten Berufe zur Zerstörung beitrügen und «die ­Ausbildung auf eine Beteiligung an sozialen und ökologischen Verwüstungen» hinauslaufe.

Staunend erleben die jungen Menschen, wie Klaus Schwab, der Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Davos, ihnen zur Seite steht: «Sie betreten eine von Krisen ­ge­schüttelte Welt. Doch schon lange vorher wurde die ­Lebensqualität auf unserem Planeten durch die alten sozio­­ökonomischen Systeme in Gefahr gebracht. Wachstum bewirkt Ungleichheit, sozialen Unfrieden und Klimawandel (...) Die jungen Menschen haben ­genug von Korruption und Stagnation. Sie wollen Transparenz, Verantwortlichkeit und einen inklusiven Kapitalismus» (der im Gegensatz zum Raubtier-Neo­liberalismus die Interessen aller berücksichtigt) [3].

Wir alle wollen dazu beitragen, dass die Dinge sich zum Besseren wenden. Dabei gibt es jedoch erhebliche Spannungen. Die Soziologin Valérie Deldrève aus ­Bordeaux referierte am 25. Mai an der Universität Lausanne über Ungleichheiten innerhalb und zwischen den Generationen und stellte fest, dass der Zustand der Umwelt zu einem diskriminierenden Faktor geworden ist. Die Untersuchungen «zeigen, dass die Erhaltung der Umwelt für die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen zu wenig mit dem Kampf gegen soziale Ungleichheiten verknüpft wurde … Sie scheint diese Ungleichheiten sogar zu verstärken.» Ein schwer zu ­lösendes Problem, wenn Massnahmen in die eine Richtung die Probleme in der anderen Richtung verschärfen.

Bruno Latour und Nikolaj Schultz sprechen von der «historischen Kontinuität der gesellschäftlichen Kämpfe gegen die Ökonomisierung sämtlicher Beziehungen» [4]. Dies zeigt sich in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und den Klimademonstrationen. Die zunehmende, umfassende Kommerzialisierung des Gesundheits­wesens ist ein schwieriges, schmerzhaftes Thema.

«Es gilt, die Welt, von der man lebt, mit jener Welt in Einklang zu bringen, in der man lebt» [4]. Insbesondere müssen wir aufhören, den Planeten und die Natur als blosse Reservoirs zu betrachten, aus denen wir ohne Mass und Verstand schöpfen können. Wir müssen der Tatsache ­gerecht werden, dass unsere Gesundheit von derjenigen unseres Planeten abhängt (Planetary Health).

Welche Verantwortung tragen wir als Angehörige des Gesundheitswesens gegenüber jungen Menschen? Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Menschenleben schützen wollen, mit Sicherheit eine grosse Verantwortung. Solomon et al. schreiben im NEJM: «Wenn die nächste Generation uns fragen wird, was wir gegen den Klimawandel unternommen haben, sollten wir eine gute Antwort parat haben» [5]. Eine Antwort, die aufrichtiges berufliches, persönliches und staatsbürgerliches Engagement widerspiegelt.

In vielen Städten unseres Landes waren am sogenannten Overshoot Day Ärztinnen und Ärzte zusammen mit jungen Menschen auf der Strasse. Dieses Jahr fiel dieser Erdüberlastungstag auf den 13. Mai. Er ver­deutlicht uns, dass es 2,7 Erden bräuchte, wenn jeder Mensch so leben wollte wie wir in der Schweiz heute. Würde man den Lebensstandard in den USA nehmen, wären es sogar 5 Erden! Bereits einem sechsjährigen Kind ist klar, dass das nicht möglich ist … Wird dieses Kind in fünfzehn Jahren noch optimistisch sein oder sich ernüchtert fragen: «Wozu das alles?»

Es ist eine Herkulesaufgabe, unsere Sorgen, unsere ­Empörung und unseren Tatendrang in eine erfolg­versprechende Agenda zu fassen. Die politischen ­Debatten zeigen dies nur allzu deutlich. Um diese ­Aufgabe kommen wir allerdings nicht herum, denn für Pessimismus ist keine Zeit mehr.

Referenzen

1 Le Temps (Genf) – Artikel von A. Seppey, 7. April 2022, S. 2.

2 1. März 2019 (Artikel von D. Carrington)

3 Le Temps, 12. Oktober 2021, S. 12.

4 Latour B., Schultz N. Mémo sur la nouvelle classe écologique. Paris: La Découverte, 2022.

5 Solomon CG, LaRocque RC. Climate change – A health emergency. N Engl J Med 2019; 380: 209–11.

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