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Briefe / Mitteilungen

Übernahme sozialer Verantwortung ist mit Gewinnorientierung nicht vereinbar (mit Replik)

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20893
Veröffentlichung: 06.07.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(2728):908

Dr. med. Bernhard Estermann, Malters

Dr. med. Emil Schalch

Übernahme sozialer Verantwortung ist mit Gewinnorientierung nicht vereinbar (mit Replik)

Brief zu: Schalch E. Ethik statt Verordnung: Neue Ansätze für die Qualitätssicherung. Schweiz Ärzteztg. 2022;103(23):783–5

Herr Kollege Schalch ortet die Schwierigkeiten des immer teureren Schweizer Gesundheitswesens bei den Spannungen zwischen Kosteneffizienz und Qualität und erklärt, dass Gesundheitseinrichtungen statt staatlicher Regulationen ein stabiles ethisches Fundament brauchen, um eine hohe Qualität garantieren zu können und ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Um die steigenden Gesundheitskosten sozial verträglich in den Griff zu kriegen, müsse die Schweiz einen Spagat machen zwischen den beiden Stärken ihres Gesundheitssystems: soziale Finanzierung und privatwirtschaftliche Umsetzung. Und weil die Leistungsträger wie -erbringer privatwirtschaftlich aufgestellt seien, gelte die alte Regel: Keine Gewinnmarge – keine Gesundheitsmission. «No margin – no Mission. Bund und Kantone förderten inte­grierte Versorgungsmodelle, welche sich von der Basis her entwickeln sollten, wie medix und Projekte wie «gesundes Freiamt» usw. vorzeigen. Regulierungen von oben seien kontraproduktiv und wie z. B. das e-Patientendossier als Voraussetzung für Berufsausübungsbew. zeige, führe dies zum Scheitern und Vertrauensverlust auf allen Seiten. Er sieht die grösste Chance darin, dass die Ärzte den Spagat zwischen sozialer Verantwortung und Gewinnorientierung schaffen würden, wie sich an Lösungsmodellen wie medix zeige, obwohl gerade medix eben nicht die Gewinnorientierung im Blick hat, sondern die soziale Verantwortung und somit gar keinen so beschriebenen Spagat macht. Diese Darstellung der Schwierigkeiten im Schweizer Gesundheitswesen zeigt auf, weshalb die Schweizer Gesundheitspolitik daran scheitert, sozial verantwortlich und gleichzeitig bezahlbar zu sein. 2013 schon hat die American ­Medical Association im Journal of Ethics in ­einem Editorial festgehalten: No Margin – No Mission Is Too Simplistic. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts seien Spitäler in den USA von öffentlichen «non profit»-Institutionen zu Ketten von «for profit»-Spitälern geworden. 100 Jahre später frage man sich wieder, ob ein Spital tatsächlich ein «Geschäft mit Gewinnstreben sein soll oder eine sendungsgetriebene öffentliche Quelle, welche daran arbeite, die Gesundheit der regionalen Bevölkerung zu verbessern. «No Margin – no Mission» sei eine zu einfache Antwort auf die Frage, ob Spitäler gewinnorientierte Unternehmen oder öffentliche Dienstleistungsbetriebe sein sollen. Solange die Schweizer Gesundheitspolitik an Gewinnorientierung der entsprechenden Institutionen des Gesundheitswesens festhält, wird sie scheitern. Anlässlich der Trendtage Gesundheit 2022 in Luzern hat der Chirurg Prof. Bernhard Egger von Freiburg erklärt: «Solange im Gesundheitswesen Gewinne (AG’s usw.) erzielt werden können (von Seiten Leistungserbringer wie Leistungsträger!), wird sich das Problem kaum vollständig lösen können. Gesundheitsinstitutionen sollten in meinen Augen alle nicht-staatliche oder staatliche Non Profit Organisationen sein/werden.» Demnach ist es unsere Aufgabe, als erstes die Religion des «No margin – no mission» abzulegen, uns der Falle der markt- , wettbewerbs- , und konsumorientierten Ökonomisierung zu entziehen, unsere soziale Verantwortung wieder wahrzunehmen. Der Spagat zwischen sozialer Verantwortung und Gewinnorientierung ist weder Ziel noch Dilemma, sondern schlicht obsolet.

Replik auf «Übernahme sozialer Verantwortung ist mit Gewinnorientierung nicht vereinbar»

Herr Dr. Estermann hat mit seinem Beitrag die Situation im schweizerischen Gesundheitswesen treffend dargestellt: Man darf nicht über Investitionen und deren Kosten sprechen, sondern nur über Sparen.

Unabhängig davon bleiben die drängenden Probleme unseres Gesundheitswesens: Immer mehr ältere und hochaltrige Menschen mit chronischen Krankheiten und mehreren Diagnosen / immer mehr Menschen mit ­Demenzen / zunehmende Vermischung von Medizinisch-pflegerischem, Sozialem und ­Juristischem / Langzeitbetreuung bringt Betroffene und Kostenträger, besonders Gemeinden, an ihre Grenzen / knappe hausärztliche Kapazitäten / starke Beanspruchung der (teuren) Notfallstationen in Spitälern / schwierige Betreuung von Menschen aus anderen Kulturkreisen und/oder mit schlechten Sprachkenntnissen. Darauf muss eine Antwort gefunden werden, und meiner Meinung nach innerhalb des gegebenen Systems mit den beiden Säulen «soziale Vorfinanzierung» und «privatwirtschaftliche Umsetzung», welches uns zum besten Gesundheitswesen der Welt gemacht hat.

Im Rahmen meiner Vorträge über unser preisgekröntes Projekt Gesundheitspunkt Ober­ägeri, welches eine interprofessionelle, patientenzentrierte, integrierte Grundversorgung mit Ärzten, MPKs, MPAs, einem Sozialarbeiter und einer SPITEX-Pflegefachfrau als Antwort auf die oben geschilderten Probleme umsetzt, stellen meine Kollegen immer wieder dieselbe Frage: «Und wer bezahlt dir das? Das ist doch im TARMED nicht abgebildet.» Da der Aufwand, an die nötigen Mittel zu kommen (bei uns Unterstützung durch die Standortgemeinde) sehr gross ist und viel Gratisarbeit bedeutet, ist es mit dem Reformwillen dann meist vorbei. No margin – no mission?! Ist das Verhalten verwerflich, Investitionen in eine Qualität, die sich nicht rechnet, nicht zu tätigen? Oder gar sozial verantwortungslos? Sicher ist nur eines: Es führt zu einem Stillstand der Verbesserungsanstrengungen.

Wollen wir eine schweizweite Antwort auf die drängenden Probleme unseres Gesundheitswesens geben – und das sind wir unseren Patienten, welche uns dafür via Prämien und Steuergelder bezahlen, schuldig – braucht es eine koordinierte Anstrengung aller am Gesundheitswesen Beteiligten, von der Pharmaindustrie über Ärztesoftware-Firmen, über die Spitäler bis hinunter zu den Apotheken und zu den Hausarztpraxen auf Leistungserbringerseite zusammen mit den Leistungsträgern und dem staatlichen Regulator. Dies ist nur mit einer ernsthaften Gesundheitsreform zu erreichen und nicht mit Pflästerlipolitik in Form von Verordnungen, die keiner wirklich mitträgt (eHealth, Qualitätsartikel usw). Will man so unterschiedliche Leistungserbringer wie die genannten (und viele mehr) im Rahmen ihrer Kernkompetenzen eine gemeinsame Antwort finden lassen, braucht es eine gemeinsame Grundlage und gemeinsame Ziele. Mein Vorschlag: eine gemeinsame Versorgungsethik, welche den Spagat zwischen «sozialer Finanzierung» und «privatwirtschaftlicher Umsetzung» schafft, in dem sie die «Ökonomisierung des Gesundheitswesens» begrenzt, aber die privatwirtschaftliche Dynamik nicht völlig herausnimmt.

Ich habe oben gezeigt, dass «No margin – no mission» nicht immer mit Gewinnoptimierung zu tun hat, sondern auch mit einem durchaus gesunden Selbsterhaltungstrieb, welcher – so man ihn bei den Verbesserungs- und Qualitätsüberlegungen nicht berücksichtigt – zum Stillstand in der Umsetzung führt = aktuelle Situation im schweizerischen Gesundheitswesen.

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